Verbote, Kriminalisierung und der Umgang mit Jugendlichen

Ich eröffne diesen Artikel mit der Frage:

Kann die einzige Antwort auf die heutigen „Probleme“ mit Jugendlichen Repressalien sein?

Bericht aus den BNN

Bericht aus den BNN

Am letzten Schultag des Jahres feiern viele SchülerInnen in aller Regel gemeinsam das Erreichen des Schuljahresendes. Ein Abschluss eines Schuljahres voller Höhen und Tiefen, manche/r verabschiedet sich für eine Ehrenrunde von langjährigen FreundInnen, andere wechseln die Schule. Die Zeugnisse sind ausgeteilt, die Noten kannten schon alle. Die Welt ist nicht untergegangen und das Leben geht weiter. Allen Grund zum Feiern also. Wir haben das früher auch gemacht. Allerdings nicht so, wie die SchülerInnen in Ettlingen im letzten Jahr, als bei der Feier wohl einige über die Stränge geschlagen haben. Viel Alkohol, viel Müll, überall im schönen Horbachpark, in dem mittendrin eine Schule steht, feiernde SchülerInnen. Muss so nicht sein, find ich so auch nicht gut, aber bitte, was erwartet man denn in einer Stadt, in der – man muss schon sagen systematisch – die Angebote für Jugendliche zurückgehen? Zu meiner Zeit – das ist jetzt mehr als 20 Jahre her – gab es „Schleuse“, „Miramas“, „Rose“, „AlterFritz“, man war als Jugendlicher auch in der einen oder anderen Pizzaria der Stadt gern gesehen, bevor es allzu etepetete wurde. Und vor allem, am allerwichtigsten: es gab das Spechtennest als Jugendzentrum. Heute wie man hört, kein Ort mehr, an dem sich allzusehr feiern lässt. Weder „Schleuse“, „Miramas“, „Rose“, „AlterFritz“, schon gar kein Spechtennest, das heute viel zu verkopft erscheint. Die Website spricht Bände. Aber das ist ein anderes Thema. Also trifft man sich öffentlich.

Und dieses Jahr hat die Polizei reagiert. Wie im BNN-Bericht zu lesen ist, wurden die Jugendlichen nicht nur in einem schwer zu begreifenden Ton „angemacht“. Sondern es wurden auch pauschal Personalien aufgenommen. Das kenne ich doch von anderen Veranstaltungen . Auch in einem solchen Fall ist die vorbeugende Aufnahme von Personalien nicht erlaubt. Noch schlimmer: ein städtischer Mitarbeiter droht damit, dass diejenigen, deren Namen nach der Aufnahme bekannt wären, die Aufräumarbeiten bezahlen müssen, verliesen sie den Platz „wie Sau“. Diese Personalien dürfen überhaupt nicht gespeichert werden, selbst wenn ein Grund bestanden hätte, sie aufzunehmen. Kriminalisierung, Einschüchterung, Verbote, gar ein Zaun um das Gelände. Bei der Kaserne, bei der man sich letztes Jahr auch getroffen hat, installiert man dann am besten wieder die Tore, oder? Statt Angebote für die Jugendlichen gibt man ihnen keinen Platz in der Stadt – und wenn sie öffentlich feiern, dann werden sie kriminalisiert. Übrigens: Raum für Jugendliche kann dazu führen, dass eine Selbstregulierung dieser Alkoholexzesse stattfindet.

Beim Flashmob in Karlsruhe, in dem widerrechtlich Personalien aufgenommen wurden oder auch dem Ostermarsch in Kehl, bei dem widerrechtlch gefilmt und fotografiert wurde, fanden ähnliche Verstöße gegen das Polizeigesetz statt.

Ich nehme wahr: Polizeikontrollen werden als Einschüchterungsmaßnahme eingesetzt – widerrechtlich. Daten werden offensichtlich widerechtlich gespeichert. Im Umgang mit Jugendlichen reagiert man zunehmend mit Verboten. Auch das gerade vom Verwaltungsgericht gecancelte pauschale Alkoholverbot in Freiburg gehört da dazu.

Und wenn ich mir klar mache, dass es meine Generation ist, die hinter diesen Aktionen steht, dann finde ich das unendlich traurig. Es wird Zeit, dass wir uns wieder für mehr Raum für Jugendliche, den sie selbst aktiv mitgestalten können, einsetzen. In Ettlingen und überall. Und damit ist die Antwort auf die Eröffnungsfrage: ein klares Nein.

Kleines Update: Interessante Beiträge zum Thema Alkoholverbot im baden-württembergischen grünen Blog.

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3 Gedanken zu „Verbote, Kriminalisierung und der Umgang mit Jugendlichen

  1. vmax_pete

    Stimme voll zu, aber
    Polizeikontrollen und Einschüchterungsmaßnahmen werden immer von „oben“ angeordnet oder zumindest geduldet. Es sind sogar die Kommunalpolitiker selbst, die mit sog. Säuberungsaktionen auf Stimmenfang gehen und auch noch Erfolg haben http://tinyurl.com/nv49hp (zumindest bei einer bestimmten braunen Sorte von Wählern).

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    1. joerg

      Richtig. Leider ist das so. Und wie ich schreibe: es sind zwischenzeitlich vorwiegend Leute aus meiner Generation – oder es werden zumindest mehr und mehr. Entweder haben die vergessen, wie es war, 17 zu sein oder aber es ist ihnen egal. Ich hab weiter unten einen Beitrag mit dem Titel: Zäune sind keine Lösung – da geht es um dasselbe Gelände

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  2. Pingback: onli blogging

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