von Dingen, die gesagt werden müssen

das hier war auch immer ein persönliches Blog. Nicht mehr sehr oft in letzter Zeit, aber so ab und an soll es das auch bleiben. Es ist schwer, persönliche oder gar sehr persönliche Dinge darzulegen, wenn man weiß, dass hier auch Menschen lesen, die mir kaum wohlgesonnen sind. Und trotzdem ist das hier auch mein Tagebuch. Oder das, was ein Tagebuch sein könnte, wenn ich eines schreiben könnte/wollte/würde. Also will ich es mal wieder wagen – nicht zu sehr detailliert.

Vor einem Jahr und drei Monaten ist meine erste Frau gestorben. Von heute auf morgen, wie man so schön sagt. Ich habe ein paar Sätze dazu geschrieben im Jahresrückblick. Irgendwie reicht das aber nicht.

Als ich sie kennen gelernt habe, war ich 18. Ein viertel Jahr später, als ich zu ihr gezogen war, grade 19 geworden. Wir haben viel miteinander durchgemacht. Jung geheiratet, jung Kinder bekommen. Sie hatte schon eines. Sascha, der für mich immer wie mein eigener Sohn war. Ich erinnere mich gut an seine anfängliche Skepsis und ich erinner mich gut an mich, wie ich mit den vererbten Erziehungsmethoden meiner Eltern kämpfte. In diesen jungen Jahren. Wir hatten kein Geld, als sie schwanger wurde – sie hatte ohne mein Wissen die Pille abgesetzt – war ich im zweiten Lehrjahr im Lebensmitteleinzelhandel. Wir brauchten eine andere Wohnung und ich saß zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Sozialamt. Mit dann grade mal 20 Jahren. Es war ein Kulturschock für mich, der aus einem behüteten, gutbürgerlichen Haushalt kam. Wir lebten, zogen 1988 wieder in meinem Elternhaus ein, manchmal reichte das Geld, manchmal hatten wir bei den Eltern Schulden und als es zu viel wurde, fuhr ich nebenher Taxi, um die Nebenkosten zu bezahlen. Sie behielt ihre Aushilfsjobs nie lange, außerdem kamen 1990 und 1992 zwei weitere Kinder auf die Welt. Mit 26 war ich Vater von vier Söhnen. Und alleine fürs Familieneinkommen zuständig.

Wir versuchten uns mit einem Taxiunternehmen selbstständig zu machen, was 1997 scheiterte. Wir trennten uns allerdings schon 1995. Ich zog aus, als ich es nicht mehr aushielt. Ich kämpfte, stritt, diskutierte, weinte. Am Ende war es nicht genug. Ich liebte sie, aber ich musste gehen. Der Tropfen im Fass war meine jetzige Frau, mit der ich seit damals zusammen bin. Fast nahtlos.

Ich verlor darüber meinen besten Freund (und es ist seither sehr schwer, mein Vertrauen zu gewinnen) und ich verlor meinen ersten Sohn, der sich pubertierend und von ihr gelenkt von mir distanzierte. Ein blöder Artikel über meine ehrenamtliche Tätigkeit bei einem Verein, der sich gegen Kinderpornografie engagierte (1997!) und in dem die Journalistin aus vier Söhnen drei machte – weil der eine meine Stiefsohn war und wir getrennt waren. Das hat er wohl – wenn ich seinen Brüdern glauben darf – mir nie verziehen.

Zu Anfang blieben wir Freunde, wie wir es uns versprochen hatte. Dann wurden aus neuen Freunden neue Partnerschaften, der mittlere der großen Söhne zog zu mir und musste diesen Umzug vor Gericht erstreiten. Wir sahen uns viel vor Gericht, sparten nicht mit bösen Briefen und dann irgendwann E-Mails. Eine versuchte Mediation ging schief, nachdem wir wieder zusammen gelacht hatten. Bei aller Wut auf sie freute ich mich insgeheim, wenn wir uns zulächelten – was bei unvorhergesehenen Treffen wie beim Einkaufen schon mal vorkam – sie lebte am Schluss auch in Malsch – und hoffte, dass irgendwann trotz aller Verletzungen, die wir uns in den Jahren zugefügt hatten, es eine Chance auf eine Versöhnung gab. Ich hatte schon angefragt, ob wir uns nicht einmal zu einem Kaffee oder Spaziergang treffen könnten. Sie war noch skeptisch – sagte nicht nein – aber auch nicht sofort ja.

Und auch wenn ich mir manchmal, wenn ich sehr wütend war, gewünscht hatte, dass sie vor mir stürbe, so schockte mich doch dieser Dienstag, an dem der jüngste von den Großen zu mir kam und mir sagte, dass sie im Koma läge. die WhatsApp-Nchricht, dass sie tot sei, erreichte mich 24 Stunden später, als ich gerade am Kopierer auf Start gedrückt hatte. Es ist kaum zu beschreiben, was ich empfand. Neben dem, was ich im Jahresrückblick beschrieb

In Gedanken hastete ich voraus, Geburtstage, Weihnachten ohne sie. (und irgendwie kam mir auch die Hochzeit einer der Söhne in den Sinn und wie die wohl sein wird ohne sie). Ich machte mir ganz viele Gedanken, was denn alles so anders werden würde und hatte und habe auch nicht wenig Angst davor, mit den großen Jungs nun ohne sie zu sein – auch wenn wir eine Art Patchworkfamilie geworden sind mit meiner zweiten Frau. Die wird für Enkel, so denn sie denn jemals kommen, die Oma werden – ihr seht, so weit kann man voraus schweifen und solche teilweise absurden Gedanken machen einem zu schaffen.

konnte ich es kaum glauben. Ich wollte es nicht glauben. Es war völlig unwirklich – und ist es irgendwie bis heute.

Ich habe in dem Jahr erkannt, dass sie immer noch einen Platz in meinem Herzen hat. Ich habe sie geheiratet, weil ich sie liebte. Wir hatten wundervolle Jahre miteinander. Sie fehlt mir. Die Waisenrente zu organisieren, für die beiden Jungs, die Anspruch darauf haben, hat mir schier das Herz zerrissen. An Weihnachten kamen sie und sagten mir, dass auf dem Grab noch kein Grabstein sei. Ich fuhr mit ihnen hin, an dem Tag, den sie sonst mit ihr verbrachten, und organisierte hinterher auch das – damit dieses Grab – im Familiengrab der neuen Familie – ein Ort ist, an den meine Söhne zum trauern gehen, ein angemessener Ort ist. Als ich vor Weihnachten alte Dias scannte und viele Bilder aus unserer Ehezeit wiedersah – saß ich oft lange vor Bildern von ihr aus der Zeit, in der wir noch glücklich waren. Eine Woche lang dauerte das scannen – es war eine Woche voller Höhen und Tiefen. Ich trauere noch immer um sie. Ich muss immer noch drüber reden, dass sie nicht mehr da ist. Und auch über das, was sich verändert dadurch. Der Große mit Freundin in Vancouver – zwei bis drei Jahre Work&Travel von Kanada nach Australien. Der Mittlere in München – und offenbar glücklich mit dem Beruf, den er erlernt. Alle beide sehr erwachsene Männer. Der „Kleine“ – irgendwie und irgendwo  wird er anfangen zu studieren. Sie fehlt ihnen.

Ich hab das Gefühl – ich hab das meiste richtig gemacht für sie im letzten Jahr. Und trotzdem erwisch mich, wie ich mit ihr bespreche, was los ist mit den Jungs, was los war mit uns. Sie fehlt mir auch. Sie – und die Hoffnung auf eine Versöhnung. Auf einen Kaffee. Auf ein Lächeln beim Einkaufen, das in die Zukunft weist. Es gibt keine solche Zukunft mehr. Nicht mit ihr. Das heißt nicht, dass diese Zukunft schlecht wäre. Es wird nur anders.

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2 Gedanken zu „von Dingen, die gesagt werden müssen

  1. Tante Jay

    Jörg, Trauer ist ein Prozess, der irgendwann zum Abschluß kommen muss.

    Dein ganzer Bericht zeigt: Das hat bei dir nicht funktioniert. Du trauerst um eine Frau, die nicht mehr die deine war, mit der dich nur noch die Söhne verbunden haben.

    Und möglicherweise, aber das kannst nur du selbst entscheiden, bleibt deine jetzige Frau, die, die bedingungslos zu dir hält, auf der Strecke.

    Es gibt professionelle Trauerberatung. Bestatter kennen solche Mediatoren im allgemeinen – nimm sie in Anspruch. Du *musst* das, was zwischen euch war, aufarbeiten und das funktioniert nicht, indem du immer wieder in der Vergangenheit steckenbleibst und dir ausmalst, was alles anders gelaufen wäre, wenn….

    Deine *jetzige* Frau verdient etwas besseres. Und du auch.

    Schließ das Kapitel ab – und tu das mit der professionellen Hilfe.

    Aber fall bloß nicht auf die Eso-Tanten rein 😉

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