wie wollen wir leben?

Zwei ganz aktuelle Skandale erschüttern die Republik derzeit. Da ist einerseits amazon, die mit schlechten Arbeitsbedingungen, Ausbeutung Schlagzeilen machen. Der Bericht passt in eine Reihe von Berichterstattungen der ARD, die sich sehr intensiv mit Verbraucherthemen auseinander setzen – von der kik-Reportage bis hin eben zu diesem Bericht über amazon.

Achso: so neu ist das gar nicht:

Und da ist andererseits der Bericht über den sogenannten „Pferdefleischskandal“. Pferdefleisch, Herkunft irgendwo in Europa, soweit man weiß, landet als billiges Streckmittel in Lasagne und anderen Hackfleischgerichten.

Beide Skandale stellen die Verbraucher_innen vor ein schier unlösbares Problem: der bequeme Einkauf, so günstig wie möglich steht konträr zu Produkten, die entweder unter unmöglichen Bedingungen produziert, verpackt oder versendet werden. Es trifft immer wieder zu, es passiert immer wieder und selbst die Medien können nur schulterzuckend fast berichten – und zusammen mit den Verbraucher_innen auf den nächsten Skandal warten. Kurzzeitiger Aktionismus führt zu nichts, am System insgesamt ändert sich nichts. Denn vor allem scheint den Menschen wichtig zu sein, bequem und möglichst günstig einzukaufen. Ohne Rücksicht auf Moral, ohne Rücksicht darauf, wie billigste Preise zustande kommen.

Woran liegt das? Es geht ja auch anders. Ich kauf anders ein. Bezahle das allerdings mit einem höheren Zeitaufwand und einem höheren Preis.

Es ist letztendlich das Ergebnis einer Politik, die die persönliche Verantwortung des Einzelnen in den Vordergrund stellt. Die Gewerkschaften bashed, Solidarität in Frage stellt, Arbeitnehmerrechte in Zweifel zieht und egoistische Motive für das einzig Wahre erklärt. Unterstützung Schwächerer gibt es nicht, wer sich nicht wehrt, kommt unter die Räder, wer sich nicht wehren kann, hat Pech gehabt. Dazu das Mantra des Turbokapitalismus, Geld verdienen ist das Wichtigste, wie Einkommen zustande kommt, ist völlig egal. Es gibt für alles genügend Beispiele.

Die Lüge beginnt mit dem „Sieg“ des Kapitalismus über den Sozialismus. Die UDSSR auseinder gebrochen, die Wiedervereinigung ein Sieg der BRD über die DDR. Des Systems BRD über das System DDR. An der bleibt nichts Gutes. Betriebe werden abgewickelt, kapitalistischen Gesetzen unterworfen, D-Mark ersetzt Ostmark 1:1 und mit sechsfacher Kostensteigerung einhergehend. Menschen werden arbeitslos, um Perspektiven gebracht. Zu kritisieren gibt es da nichts, wer die Stimme hebt, war bei der Stasi, ist Kommunist, ewig gestrig oder schlicht ein fauler Ossi. Kommunismus wird von der positiven Utopie zur Drohkulisse. Der solidarische Gedanke, vertreten unter anderem von den Gewerkschaften, mit Füßen getreten, ad absurdum geführt. „Jetzt ist es vorbei mit der Sozialromatik und schau Dir mal an: nichts ist geblieben, die sind ja alle bankrott gegangen, hat alles nichts getaugt. Sozialromatiker!“ – meist von denselben Leuten erzählt, die Multikulti für erledigt erklärt haben oder Andersdenkende als Gutmenschen bezeichnen. Konservative. Nicht nur CDUler, sondern auch eine ganze Reihe von SPDlern – und natürlich der FDP.

Bis heute hin zur marktgerechten Demokratie der Angela Merkel. Der Agenda 2010 der Herren Schröder und Fischer.

Die Gier wurde freigelassen, die Solidarität eingesperrt. Unternehmen sind dazu dazu, Gewinn zu machen. Früher sprach man von einem „angemessen Gewinn“. Heute von 25% Rendite. Keiner bekommt den Hals voll.

Frustrierend ist: der Moloch ist so groß, man findet fast keine Lösung. Doch eigentlich ist es ganz einfach.

Kurzfristig: es muss sanktioniert werden. Ein Betrieb, der zum Beispiel Pferdefleisch verarbeitet und dafür sorgt, dass Verbraucher_innen getäuscht werden, darf nicht mehr produzieren. Schließung. Austausch der Geschäftsführung und aller, die davon gewusst haben.  Nicht nur Geld- sondern auch Gefängnisstrafen. Die gesamte Produktion wird umetikettiert und verkauft. Dann Wiederaufnahme der Produktion. Ohne Pferdefleisch.

Zuwas benötigen wir Fleischimporte? Wieso muss Fleisch in Rumänien geschlachtet, nach Holland gefahren, dort zerlegt, nach Deutschland transportiert und dort verarbeitet werden? Zu was bitte?

Binnen eines  Jahres kann die aktuelle, in Deutschland produzierte Fleischmenge auf artgerechtere Haltung umgestellt werden. Dazu muss man nur den Mut haben, entsprechende Vorschriften zu erlassen. Und diese durchzusetzen. Wer anders produziert, kann das hier nicht mehr tun. Der Verkauf von anders produzierten Produkten aus wird verboten. Wer es dennoch tut, muss seinen Laden schließen bzw. wird der Geschäftsführung enthoben. Die Ware wird vernichtet oder an die Tafeln verschenkt.

Und so weiter. Das ziehen wir durch, für alle Lebensmittel. In 10 Jahren weiß niemand mehr, was für einen Fraß wir in den Läden gefunden haben – und gekauft haben.

Dazu eine klare Kampagne, die das positiv begleitet. Das fördert. Die Zustände ungeschönt darstellt.

Denn die Verbraucher_in will keinen Fraß. Eigentlich erwartet sie, trotz vermutlich besserem Wissen, dass das Essen, das sie kauft, gutes Essen ist. Keiner will Schokolade aus Kinderarbeit. Trotzdem wird sie gekauft – weil es die Menschen überfordert, sich die andere zu suchen, sie zu finden – oder manchmal auch, sie zu bezahlen. Nutelle für 2,99 € oder Samba für 6,99 € – da weiß man, wohin man greifen muss. Der Rest interessiert nicht, weil es niemand wissen will. Und weil niemand den Mut hat, eine politische Kampagne mit massiver Informationspolitik zu fahren – gegen die mächtigen Bauernverbände und Lebensmittelkonzerne.

Übrigens: so anonym so ein „Konzern“ auch ist: in allen Funktionen von der einfachen Produktionsmitarbeiterin bis hin zur Geschäftsführung arbeiten Menschen, die jederzeit sagen könnten: wir machen das zukünftig anders…..

Wir alle wollen einfachen Einkauf, einen Kühlschrank, der einfach irgendwo bestellt und jemand bringt mir die Sachen dann ins Haus. Und der, der mir die Sachen bringt, soll einen ordentlichen Lohn haben. Das gern machen. Und keine 12 Stunden schuften müssen für 1100 € im Monat. Und selbst wenn ich in einen Laden gehe, will ich gute Sachen kaufen können. Zu einem bezahlbaren Preis. Bedient werden von freundlichen Verkäufer_innen. Die anständig bezahlt werden. Einen sicheren Job haben. Wenn ich irgendwo was bestellt, dann will ich die Ware schnell haben. Verpackt von jemandem, der anständig bezahlt wurde. Ich will keine Kleider aus Kinderarbeit, keine aus Sklavenarbeit, keine, die nach dem 25. Mal waschen aussieht wie Wäsche früher nach 10 Jahren. All das und noch viel mehr sollte selbstverständlich sein. Und kein sozialistisches Geschwätz oder eine Utopie.

Was wir tun können? Klar: nur noch da einkaufen, wo das alles genau so schon ist. Aber das können eben nicht alle. Nicht die Verbraucher_innen sind in der Pflicht. Die Konzerne. Und die Politik. Ich warte.

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4 Gedanken zu „wie wollen wir leben?

    1. Lusru

      Aktive soll man ndoch nicht bremsen, Tantchen. Das ist doch wichtig zu wissen, wofür ein Vertreter steht, was er vertritt – also nicht gleich wieder zertreten, ist doch alle richtig und wichtig, was der Hausherr sagt.

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    2. Lusru

      carta.info „woanders“ und „etwas weiter gedacht“ an Tantchen:

      „Isolationshaft“:
      small talk ist unverzichtbar, ist völlig integer, wie er auch immer rieselt – er ist wie der erste Schnee: zögerlich, unfertig, dünn und viel zu warm, bleibt selten in Erinnerung, weil er meist, kaum gefallen, schon wieder dahinschmilzt zu müder Pläre.
      Und doch: gäbe es ihn nicht, würden wir nie die weiße Pracht behutsam in weiß gekleideter Verschneiter erleben.
      Nicht wichtig, nicht fruchtbar, aber unverzichtbar, gewissermaßen wie jungfräuliche Vorh ut für die große Schiebung der Natur, in der sie Staubspuren des Vergangenen für eine unbeständige Weile verbirgt, dabei belanglose aber erholsame Momente erlaubt, wenn manFrau es auch braucht, es will.
      Belanglosigkeit ist nicht so ohne Belang, wie es oft scheint, manchmal sogar Ruppig.
      Sich über diesen small talk, diesen ersten Schnee von vorhin deshalb zu echoffieren, ist zeigt auf: Hier gibt es keine Nöte oder Sorgen, auch keine Lieder?
      Nur wie zeige ich es? Vielleicht mal small talk, flächig aber oben, reizlos streichelnd.
      Jay, jay.

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  1. Lusru

    Bavo Jörg Rupp – Setzen, Eins.
    Oder besser Eins plus.
    So, Problem erkannt – und nun weitermachen:
    Der mit den 4 Jobs, die Leiharbeiter, die Arge-Nutzlos-Auszubildenden, Hartz4-familys, Rentner, EU-Behinderten, ewigen Zangsasylantisten, Alleinerziehenden, Pfleger und Gepflegte und Friseure, Wachmänner, Hermes- und DHL-Sub-Paketboten usw. usw. kaufen natürlich weiter bei Amazon, Kik und Aldi, zumal die ja nirgendwo in die Werbung nehmen: „Erstklassige Kinderarbeit – aber alles nicht in Deutschland oder mit Deutschen“, aber eben doch das Mindestpreismaß für mindestend die Hälfte der Bevölkerung bieten, manchmal auch Pferdefleisch im Rindfleisch und Schweinefleisch im Döner gratis dazu …
    Darf es noch etwas Genmais aus dem Land der Träume sein, das manche gern großzügig „Amerika“ nennen (stop: damit ist weder Kuba noch Kanada noch Brasilien oder Mexiko gemeint, alles „Amerikaner“…)?

    Ja, die Käufer / Verbraucher müssen sich halt mal etwas anstrengen und ordentlich und besser untersuchen, was sie denn da kaufen, wieviel illegaler Genmais untergemischt wurde etc., denn: Das ist (die sind) „der Markt“, und der machts bekanntlich …

    Oder wir schreiben alle mal auf, was eigentlich zu tun ist.
    Nicht vergessen: WER muß WAS tun.

    Skandal ist nicht schlimm, das belebt den Blutkreislauf, aber was unregelbar dabei so ausgeschüttet wird an mehr oder minder Elend (und das nicht nur im „großen D“), da schreit einiges, immer mehr.
    Nur wie so oft:
    Man gewöhnt sich schon daran und – hört nicht mehr hin, man kommt ja sonst zu nichts anderem mehr – so wollen wir ja nicht leben.
    Tja, aber anders doch eigentlich auch nicht …
    Lusru: Setzen, 5 , du hast abgeschrieben, das kennen alle schon …
    Wieder ein PlagiatSkandal, wieder keine MinisterQualität.

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