Wir haben urgewählt

und eine interessante Wahl getroffen: Katrin Göring-Eckart und Jürgen Trittin führen die Partei in den Bundestagswahlkampf. Das Ergebnis der Urwahl ist dabei sehr eindeutig. Überraschend das schlechte Abschneiden von Claudia Roth. Ein wenig überraschend das deutliche Abschneiden von Karin Göring-Eckart. Ich selbst habe Claudia gewählt – aus rein inhaltlichen Gründen. Claudia steht für eine starke Verankerung in der Partei, Claudia kann Attacke. Katrin steht dagegen für mich als Präses der evangelischen Kirche gar nicht erst zur Debatte – ich finde nicht, dass eine Kirchenvertreterin mit ihrer Funktion eine solche prominente Rolle in der Partei spielen sollte. Und ich hadere noch immer mit ihren Positionen, die sie öffentlich in Sachen Hartz IV geäußert hatte.

Für mich bemerkenswert ist dabei etwas anderes. Ich vermute jetzt mal – das ist reine Spekulation – das Katrin die einzige in der Runde der ernst zu nehmenden Kandidat_innen war, die zumindest für eine Art Generationenwechsel steht. Dass Jürgen gewonnen hat und auch in der Eindeutigkeit, war abzusehen. Er hat seit Jahren diese führende Rolle und daher gab es auch keinen ernsthaften Gegenkandidaten. Nun, bei zwei Stimmen pro Wähler_in hätte allerdings sein Ergebnis auch noch deutlicher ausfallen können – aber er steht eher für die „alte Riege“. Nicht das Katrin nicht auch dazu gehörte – aber Jürgen, Renate als die zwei ehemaligen Minster_innen und Claudia als diejenige, die während rot-grün die Geschicke der Partei lenkt – wird damit sicherlich nicht in der Form identifiziert. Meiner Meinung nach war das zu erwarten – der eine Grund ist ein vermeintlich unverbrauchtes, bislang nicht so präsentes  Gesicht.

Meine zweite Annahme ist, dass doch einige auch eine ausgleichende Persönlichkeit neben einem Jürgen Trittin haben wollten, der Attacke kann. Katrin ist wie keine andere in öffentlichen Rollen, in der sie nie durch Lautstärke auffällt. Sie hat damals eine ergreifende und beeindruckend Rede nach dem Amoklauf von Erfurt gehalten – angemessen. Sie ist Präses der evangelischen Kirche und sie ist Bundestagsvizepräsidentin. Ihre Wahrnehmung insgesamt ist die einer Politikerin, die nicht poltert, die überlegt Argumente sucht und um eine sachliche Art bemüht ist.

Die dritte Botschaft ist: die Lager spielen immer weniger eine Rolle. Es ist Zeit, Gräben zuzuschütten. KGE mag als Reala gelten – aber als solche ist sie nicht in Erscheinung getreten (außer, man hat sich etwas mehr mit der Politikerin beschäftigt und wo sie wie wirkt und agiert). Künast ist von ihrem Flügel abgeschrieben worden. Trotzdem hat sie knapp 40% erhalten. Und mit Claudia konnten sich die wenigsten anfreunden – auch der eigene Flügel hat sie nicht per se gewählt. Es herrscht ein großes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit. Das ist auf Parteitagen zunehmend wahrzunehmen. Streit ja, auch gerne leidenschaftlich. Aber nach einer Abstimmung ist es zunächst dann einmal gut, dann sollte das erreichte Ziel oder der gefundene Kompromiss vertreten werden. Dass man dabei nicht das Zeil aus den Augen verlieren darf – völlig klar.

Mit der Überraschung gehen natürlich die Spekulationen einher. Der Spiegel schreibt mal wieder schwarz-grün an die Wand. Das wäre das Signal. Das ist Kokolores. Ich sehe momentan keine Anzeichen, dass irgend jemand schwarz-grün wollte (und im übrigen, wenn jemand aus 32 Jahren ein knappes halbes Jahrhundert Existenz der Partei macht,

Nach einem knappen halben Jahrhundert der Existenz ist dies der dritte Markstein am Lebensweg der Grünen.

kann ich ihn nicht wirklich ernst nehmen Da fehlt es ja schon an den Grundkenntnissen). Nicht nach dem Berlindebakel, dass Renate Künast und die Gesamtpartei aus ungeahnten Höhen auf den Boden der kalten Realität zurückgeholt hat. Andere wähnen Claudia Roth am Ende und meinen ihr empfehlen zu müssen, auf die Bewerbung für den Bundesvorsitz zu verzichten. Auch das ist Quatsch. Zum jetzigen Zeitpunkt, also in einer Woche, einen Vorsitzendenwechsel, kein Jahr mehr vor der Bundestagswahl durchzuführen, ist gefährlich. Und unnötig. Claudia Roth bleibt eine glaubwürdige Vorsitzende.

Was deutlich für mich ist: für Trittin, Künast und erst recht Roth ist der Zenit überschritten. Wenn es zum Regierungswechsel kommt, werden wir die drei nochmal brauchen. Ihre Erfahrung. Ihr dickes Fell. Ihr strategisches Vermögen. Aber sie werden sich darauf vorbereiten müssen, dass in ihrer Ministerz- oder Staatssekretärzeit (oder was auch immer) andere in der Fraktion und der Partei endlich nach vorne drängen. Göring-Eckart, Deligöz, Müller-Gemmecke, Dörner, Schick, von Notz, Özdemir, Janecek. Beispiele von mehreren, die ich dazu im Kopf hätte. Und sicherlich der eine oder andere, den bisher noch niemand auf der Rechnung hat. Aber auch für KGE und andere, alt gediente rot-grüne wird es Zeit, sich auf Neues vorzubereiten. Wir sind eine Partei geworden, bei der aus zweijähriger Rotation Dauermandatierte wurden. Damit sind nicht alle glücklich. Der Generationenwechsel dämmert. Und der nächste kündigt sich schon an.

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