Zahlenspiele mit AufstockerInnen

Zwei große deutsche Zeitungen liefern unterschiedliche Interpretationen eigentlich eindeutiger Zahlen. Deutlicher kann man es kaum machen, dass die Hoheit über die Statistik nicht in den Zahlen selbst liegt – sondern in ihrer Interpretation. Was ist passiert?

Die Süddeutsche Zeitung titelt:

Staat muss immer öfter Löhne aufstocken

und erklärt:

Nach den BA-Angaben gab es 2012 im Jahresdurchschnitt etwa 323.000 Haushalte mit einem sogenannten Hartz-IV-Aufstocker, der ein sozialversicherungspflichtiges Bruttoeinkommen von mehr als 800 Euro bezieht. 2009 waren es noch etwa 20.000 weniger.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint:

Weniger Aufstocker in Deutschland

und gibt die Zahlen des DIW wieder, die sagen:

die Zahl der sozialversicherten Aufstocker über alle Gehaltsklassen hinweg zwischen 2009 und 2012 sei um 19.000 gesunken.

Einig sind sie sich im Zitat der BA-Sprecherin:

SZ:

Der Anstieg der Single-Aufstocker könne auch mit höheren Mietkosten und gestiegenen Hartz-IV-Leistungen zu tun haben. „Je höher die Kosten für die Unterkunft und je höher der Hartz-IV-Regelsatz, desto mehr Menschen haben Anspruch auf unsere Hilfe, die vorher ihren Lebensunterhalt allein bestreiten konnten.“

FAZ:

 Es sei vielmehr empirisch bewiesen, dass die Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze mehr Menschen einen Anspruch auf staatliche Leistungen ermöglicht haben, die zuvor keinen hatten. Außerdem zwängen die steigenden Wohn- und vor allem Energiekosten mehr Menschen, sich Unterstützung vom Amt zu holen.

Die FAZ belegt eindrucksvoll, wie man sich die Welt schön rechnen kann: 1325.438 Aufstocker über tatsächlich alle Gehaltsklassen hinweg (bezieht man die Selbständigen mit ein) in 2009 gegenüber  1.324.387 in 2012 sind tatsächlich 1.051 weniger Aufstocker.

Was nicht erzählt wird:

Das Arbeitsvolumen ist von 2009 von 55.881.Mio Stunden auf 58.115 Mio Stunden gestiegen. Die Anzahl der Beschäftigten von 40.362.000 auf 41.613.000. Die durchschnittliche Arbeitszeit stieg dabei von 26,83 Stunden pro Woche auf 27,07 Stunden.

Die Frage ist allerdings, warum man die 2012er Zahlen in Bezug zu denen aus 2009 setzt – dem Höhepunkt der Krise?

Betrachtet man längerfristige Zahlenreihen, so ergibt sich folgendes Bild:

Die gestiegene Zahl der Erwerbstätigen ging allerdings nicht mit einem gestiegenen Arbeitsvolumen einher, denn die geleisteten jährlichen Arbeitsstunden der Erwerbstätigen gingen im gleichen Zeitraum (zwischen 1991 und 2012) von 59,7 Mrd. Stunden auf 58,1 Mrd. Stunden zurück. Das entspricht einem Minus von 1,6 Mrd. Stunden oder von 2,7%.
Das reduzierte Arbeitsvolumen und die gestiegene Zahl der Erwerbstätigen spiegeln sich in der gesunkenen Zahl der geleisteten jährlichen Arbeitsstunden je Erwerbstätigen wieder. Diese Zahl ging zwischen 1991 und 2012 von 1.545 Stunden auf 1.397 Stunden (um 9,6 %) zurück

Die Arbeitsmarktreformen, die demografische Entwicklung (von Gerhard Schröder ja vorausgesagt und daher Agenda 2010 genannt!) haben einen Teil der Arbeitslosenzahlen erwartungsgemäß aufgefangen. Fakt bleibt aber die Tatsache, dass es insgesamt weniger Arbeit gibt, die auf mehr Schultern verteilt wird. Der Nebeneffekt – verstärkt durch fehlende Tarifbindung, Lohndumping – ist,  dass immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage sind, die gestiegenen Lebenshaltungskosten aus eigener Kraft zu schultern – wie es die BA-Sprecherin ja richtigerweise sagt. Aus eigener Erfahrung (Maßnahmeteilnehmer_innen) weiß ich, das viele vor allem dann aus der BA-Statistik fallen, wenn sie gerade noch Wohngeld beziehen. Und da ist die Statistik eindeutig: trotz von 2009 auf 2010 gestiegener Arbeitsstunden und Erwerbstätigen, ist die Zahl der Wohngeldempfänger_innen 2010 drastisch gestiegen. Wenn das Wohngeld nicht vom Jobcenter kommt sondern direkt von der Gemeinde – dann taucht es in der Aufstocker_innenstatistik nicht mehr auf.

Diese Annahme wird bestätigt durch den Trend, dass zunehmend Singles betroffen sind. (und sich hier vermutlich eine Reihe von Doppelhaushalten verbirgt, die eigentlich Erwerbsgemeinschaften sind).

Fazit:

Nichts ist besser, die Anzahl geleisteter Arbeitsstunden sinkt, obwohl tw. deutlich mehr Menschen Arbeitsverhältnisse haben.  Den Aufschwung bezahlen die Arbeitnehmer_innen. Und immer mehr müssen aufstocken, so sehr man mit zahlen rumtrickst. Übrigens: was die FAZ nicht erwähnt, nur abbildet: 2009 gab es 224.092 Aufstocker_innen aus dem Midijob-Bereich (400-800 € Einkommen), 2012 waren es 240.737. 16.645 mehr. Das deckt sich mit der gesunkenen Arbeitszeit und den zahlen aus der Vollzeitbeschäftigung, wo es auch mehr sind. Der Trend ist nur positiv, wenn ich die 400 €-Jobs und die Selbstständigen mit einbeziehe. Lass ich genau die weg, sind es sogar 36816 mehr Auftocker_innen. Will heißen: das bisschen Trend von 1051 (und das könnte der demografische Wandel sein) wird völlig aufgefressen von weniger Arbeitszeit, damit weniger Leben-Können von einem Vollzeitjob  und wachsender Unsicherheit am Arbeitsmarkt. Trendwende also Fehlanzeige.

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8 Gedanken zu „Zahlenspiele mit AufstockerInnen

  1. Lusru

    Saubere Darstellung, präzise recherchiert, und WER druckt das nun? Welche ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN verbreiten gemäß öffentlich- rechtlichem Anspruch DIESE (SOLCHE) Darstellungen? Ob die DAS überhaupt noch selber recherchieren, selber verstehen, wie es für die Darstellung erforderlich wäre?
    Der Hase liegt nicht nur bei denen im Pfeffer, die nur noch mit „geliehenen“ Statistik-Brocken gewollt oder ungewollt verschwindeln, sondern auch bei deren AUFSICHTSGREMIEN, den RUNDFUNKRÄTEN
    Laß es derucken, wo auch immer, rechtzeitig vor den Wahlen

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  2. Papa Picknick

    „Der Anstieg der Single-Aufstocker könne auch mit höheren Mietkosten und gestiegenen Hartz-IV-Leistungen zu tun haben.“ …. und mit der Umverteilung per Unterhaltsrecht.

    Hinter vielen angeblichen „Single-Aufstockern“ stecken Väter mit Kindern. Und dass diese mehr Hartz-IV-Leistungen in Anspruch nehmen müssen, hat nicht nur mit steigenden Mieten und Regelsätzen zu tun, sondern mit immer steigenden Unterhaltsforderungen. Unterhalt ist Armut per Gesetz, daher müssen viele Unterhaltspflichtige aufstocken, d.h Gesetze in Anspruch nehmen, die Armut wieder beheben.

    Merkwürdig, alle wissen das. Die Bundeagentur vermerkt alle Unterhaltszahlungen und auch Jörg Rupp kennt den Zusammenhang.

    Aber über die Wirkung der Unterhaltspflichten im Aufstocker-Spiel schweigen sie alle.

    Es ist doch egal, ob jemand wegen der Profitgier oder wegen der Unterhaltsgier zum Aufstocker wird. Die Kombination von Mindestlohn und Mindestunterhalt wird das Ganze noch verstärken. Praktisch vorallem Männer kommen dann gnadenlos unter die Dauerkontrolle und Gängelung der Hartz-IV-Behörden. Ein heimliches Ziel?

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Was hat das mit dem Thema zu tun?
      Ich kann es Ihnen aber beantworten: eingeführt hat es rot-grün unter mithilfe von CDU und FDP die die Gelegenheit nicht ausließen, es im Vermittlungsausschuss zu verschärfen – und weitere Verschärfungen seit der Einführungen durchgeführt haben unter anderem die geschönte Arbeitslosenstatistik wieder einzuführen. Wir wollten, als Beispiel unter vielen, nie eine Einführung in Höhe der alten Sozialhilfe, da haben sich aber SPD, CDU und FDP durchgesetzt.

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      1. m3t4b0m4n

        Mit Hartz4 den Sozialstaat zu schreddern und anschließend soziale Ungerechtigkeit anzuprangern, das ist schon ziemlich Wahlkampf-Schitzophren. Das Tor habt ihr aufgestossen, da nutzt auch keine Vertuschungs-Diskussion über Nuancen. Würdet ihr wenigstens die Sanktionen abschaffen, wie Grüne immer wieder so gerne behaupten? Nö, die grünen Besserverdiener sind ja schließlich nicht betroffen.

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        1. Jörg Rupp Beitragsautor

          Eigentlich hab ich gar keine Lust, auf diesen faktenbefreiten Tonfall zu antworten. Und werde es auch nicht tun.

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