Zeit der Einkehr

2013-03-27 07.34.19

Das ist ein Blick in die Straße, in der ich wohne. Am Donnerstag vor einer Woche wurde mein Sohn, 9 Jahre alt, von einem Auto angefahren. Es ist nicht viel Schlimmes passiert. Er hat eine Gehirnerschütterung, ein Schleudertrauma. Es wurden zwei kleinere Gehirnblutungen festgestellt, die sicher gut verheilen. Genau eine Woche später durfte er wieder nach Hause. Er muss noch ruhig bleiben die nächsten drei Wochen. Er kriegt noch schnell Kopfschmerzen, Schwindel.

Passiert ist es aus Unachtsamkeit, er war etwas spät dran zum Klavierunterricht. Hat sich beeilt, ist hinter parkenden Autos raus auf die Straße gefahren. Einen Weg, den er gut kennt, tausendmal gegangen ist. Es ist der Weg, den er als Fünfjähriger alleine zum Kindergarten gegangen und später mit dem Fahrrad gefahren ist. Im ersten Schuljahr, damals noch in Malsch auf der Regelgrundschule, ebenfalls sein täglicher Weg. Er weiß um die Gefahr dort. Der Fahrer des PKW wohnt hier, er weiß, dass hier immer viel Kinder auf der Straße sind und fuhr nur Schritttempo. Trotzdem diese Verletzungen.

Im Januar ist meine Exfrau gestorben. Von jetzt auf nachher, wie man so sagt. Nur 50 Jahre ist sie alt geworden.

Schicksalsschläge, will man meinen. Kommen und gehen. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Es ist nicht so, dass das Leben immer freundlich zu mir war. Früh geheiratet, früh geschieden. 3 Kinder. Ausbildung, Arbeitsplatz, Arbeitsplatzwechsel, arbeitslos, Weiterbildung, Selbstständig, Konkurs, Umschulung, suchen, noch zwei Kinder, finden, noch ne Ausbildung, nicht geschafft, Umwege, jetzt seit 5 Jahren glücklich beim jetzigen Arbeitgeber und in der zweiten Ehe. Immerhin.

Zu Wahlen gestellt. 1990 beim Ausbildungsbetrieb für den Betriebsrat. 3 Stimmen fehlten für die Freistellung. 2005 für den Parteirat. Eine Stimme fehlte um zu zeigen, dass ich auch anders kann als dagegen, sondern konstruktiv. Zwei Jahre später ähnlich knapp, dann 2009 endlich die Chance – und sie wahrgenommen. Reingerutscht als Letzter. 2011 mit dem drittbesten Ergebnis zusammen mit Dirk Wehrhahn wiedergewählt.  Bundestagslistenkandidat: 2 mal auf Platz 20, knapp ist Ulrich Schneider, der 2011 nachgerückt ist, 2009 an mir vorbeigezogen. Bei der Listen-LDK im letzten Jahr ohne Platz nach Hause gefahren.

Der Unfall und der Tod meiner Exfrau haben meine Perspektive verändert. Und doch tut es weh, zu wissen, vermutlich hätte ich dabei sein können. Würde gerne. Und doch, will ich vermutlich nicht so leben. 16 Stunden Tage, fast keine Freizeit. Wissend, dass sich binnen Minuten alles ändern kann. Das Leben aus der Bahn geworfen werden kann. Unfall am Donnerstag, am Sonntag haben sie festgestellt, dass es doch die kleinen Hirnverletzungen gibt. Meine Frau ist Ergotherapeutin. Auch sie sagt: wenn er Ruhe gibt, ist es okay. Aber als ich am Montag früh am Bahnhof ankam überwältigte mich die Angst. Ich musste lange und tief atmen, bis die Angst vorbei war. Den ganzen Tag konnte man es mir anmerken, sagten die Kolleginnen – auch wenn wir um halb zehn Entwarnung von den Ärzten bekamen. Und dann kommt ne Mail: „Platz 20 schaffen wir locker“ – und ich denke doch: hätte, wenn und aber. Ich wäre gern dabei gewesen.

Eine liebe Parteifreundin hat gesagt: irgendwann muss man es einsehen. Manchmal gibt es keinen Weg. Aber aufgeben – das kann ich irgendwie auch nicht.

Warum ich das blogge? Weil es mich beschäftigt. Und ich es gerne teilen möchte.

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12 Gedanken zu „Zeit der Einkehr

  1. Tante Jay

    Es ist das Kleine, was uns Innehalten läßt. Nicht das Große.

    Kleine Unfälle, kleine Veränderungen, kleine Dinge.

    Und es sind die kleinen Leute, die uns zeigen, was eigentlich wichtig ist im Leben.

    Prioritäten setzen: Muss man, und man muss bereit sein, genau diese Prioritäten auch zu überprüfen.

    Man merkt es, wenn so ein Zeitpunkt gekommen ist. Blogger bloggen dann 😉

    Am Ende ist doch nur eins wichtig: Das man so gelebt hat, das man sich selbst noch im Spiegel begucken kann.

    Wenn man *das* erreicht hat, ist doch alles andere zweitrangig.

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  2. Thomas Dyhr

    Es sind tatsächlich die harten Schicksalsschläge, die einen dazu bewegen, über die eigene Prioritäten und eingefahrenen Gleise nachzudenken und sich zu bewegen.
    Ich wünsche dem Jungen alles erdenklich Gute und eine baldige Genesung.

    Grüße aus Brandenburg
    Thomas Dyhr

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Thomas, dankeschön. Ich kämpfe nur mit dem Loslassen der alten Perspektive 🙂 Zumal ich es ja zu einem Teil nicht ganz freiwillig tu.

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  3. Tilo

    Lieber Jörg, Deinem Sohn gute Besserung und Dir und Deiner Familie alles Gute. Dein Fußballverein darf dennoch gerne in Liga 3 bleiben. 😉

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  4. Alexander Schestag

    Ich kann dich gut verstehen. Bei mir waren es ähnliche Gründe, warum ich damals die Leitung der UG Netzpolitik abgegeben habe – auch wenn ich nicht so offen drüber gesprochen habe, wie du jetzt.

    Leider kam für mich über die Jahre noch ein Aspekt hinzu, der letztlich auch bei meinem Parteiaustritt eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hat. Zusammenfassen kann man ihn mit der Erfahrung: Wenn ich etwas für die Partei tat, war ich „in“. Aber wirklich gewürdigt wurde es nicht, wie ich mehrfach und insbesondere ganz am Schluss feststellen musste. Und zu Zeiten, als ich selbst in Not war und Unterstützung gebraucht hätte, hat sich nie jemand von der Partei blicken lassen. Diese bittere Erfahrung hat sich wie ein roter Faden durchgezogen und hat mich damals über Prioritäten nachdenken lassen. Und mich persönlich hat es jetzt zu der Erkenntnis geführt, dass ich mich nie wieder für eine Partei so aufreiben werde. Es gibt Dinge, die wichtiger sind im Leben und mich mittlerweile zufriedener machen.

    Ich wünsche dir von Herzen, dass du jetzt andere Erfahrungen machst als ich damals und von der Partei persönlich nach all den Jahren immensen Engagements auch persönlich Unterstützung bekommst. Und ich wünsche dir viel Kraft für diese Zeit und deinem Sohn gute Besserung.

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  5. Luci Brion

    Liebster Jörg,

    du weisst, ich überfliege Texte oft, deinen jedoch habe ich gelesen. Und dann nochmal. Und dann hatte ich einen Knoten im Hals.

    Der Unfall deines Jungen tut mir sehr leid und ich wünsche ihm gute Besserung und hoffe, dass nichts nachkommt. Wie du weisst habe ich auch 3 Kinder, die zwar alle schon volljährig sind, aber ich verstehe deine Gedanken.

    Auch dieses auf und ab im Leben kenne ich sehr, sehr gut.

    Die Notbremse, die du hier gedanklich ziehst kann ich nachvollziehen und glaube mir, ich sitze heute länger am Frühstückstisch als sonst, weil mir deine Ausführungen sehr nahe gegangen sind.

    Wie immer drücke ich dich ganz fest.

    Deine Luci

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  6. Arne Babenhauserheide

    Ich wünsche deinem Sohn gute Besserung und schnelle Erholung – sowohl von den Verletzungen als auch von dem Schock.

    Und bin über deinen Text und die Kommentare hier ins Grübeln gekommen.

    Die Lebenszeit einzuteilen finde ich auch wirklich schwer. Ich habe einen 40-Stunden Job, Frau und Kinder, und ich will noch ein paar Hobbies hinkriegen. Da sehe ich dann andere an mir vorbeiziehen, die einfach mal 4 Stunden pro Tag in ihre Hobbies stecken können – fast so viel wie ich in der ganzen Woche. Und heute war ich bei einem Auftritt von einem guten Freund und habe gedacht, singen würde ich auch gerne wieder.

    Aber es geht halt nicht alles gleichzeitig im Leben, und wenn ich mir die Freiheit nehmen will, auch mal längere Onlinediskussionen zu führen, muss ich bei irgendwas Abstriche machen.

    Früher hätte ich das wohl (noch viel stärker) bei der Familie gemacht. Das hat sich geändert, als ich das Vorwort zu einem Webcomic gelesen habe, der inzwischen auch gedruckt verkauft wird – und dessen Autor heute damit sein Geld verdient: (frei übersetzt) „Die 4 Jahre, die ich meine Kinder kaum gesehen habe, bekomme ich nie wieder“.

    Ich habe mich dann gefragt, ob das ein Preis ist, den ich wirklich zahlen will. Oder ob etwas kürzer treten und langsamer machen nicht auch reicht.

    Mein Schluss war, dass ich nichts machen will, was mich zwingt, meine etwa monatliche Rollenspielrunde aufzugeben (die Leute sind bisher immer für mich eingestanden, wenn ich in Problemen war). Und dass ich Abends mindestens eine Stunde für meine Kinder will. Und eine für meine Frau. Und dann bleibt auch schon nicht mehr so viel… (ich kann gerade mehr schreiben, weil alle drei bei den Schwiegereltern sind – bis Sonntag noch). Und eigentlich brauche ich auch einen unverplanten Abend, an dem ich einfach mal Freunde besuchen kann, oder einfach was lesen oder spielen. Aber das klappt bisher noch nicht wirklich…

    Für Politik frage ich mich, ob wir nicht doch klarere Delegation brauchen – und klarere Arbeitszeiten. „Wir finanzieren dir, dass du uns 10 Stunden die Woche vertreten kannst“. Vielleicht auch 30 Stunden, dann aber als echten Beruf bei der Partei. Mit festen Arbeitszeiten.

    Warum kannst du eigentlich von deiner politischen Arbeit noch nicht leben? Und warum schaffen es unsere Abgeordneten nicht, sich auf eine 35-Stunden Woche zu beschränken? Werden Ergebnisse wirklich besser, wenn man Marathon-Sitzungen macht? Gibt es da einen Wettbewerb, immer noch etwas mehr reinzustecken?

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Mein Problem ist ja, dass ich das irgendwie auf die Reihe bekomme. ja,ich bin, wenn ich ehrenamtlich ein ganzes Wochenende (und nicht nur eins im Jahr) zu wenig für die Familie da bin. Und derzeit arbeite ich auch wieder 35 Stunden. Ich brauch allerdings Politik, um mich auszutoben. Ich hab ADS, keine starke Ausprägung, und brauch nochmal was, aus dem ich Energie ziehen kann, aber mich auch auspowere. Mein Beruf fordert mich zwar umfassend, aber phasenweise eben auch sehr einseitig.
      Und ich fand immer, dass man sich gesellschaftlich engagieren sollte. Ich versuch ja grad den Dreh zu kriegen, mich stärker lokal zu engagieren – im Gegensazt zu noch vor 10 Jahren interessiere ich mich mehr für Kommunalpolitik.
      Naja, ich sags mal so: Grüne (und auch Linke) arbeiten richtig im Bundestag. Kleine Parteien – von der FDP abgesehen – müssen halt jedes Themengebiet genau so wie eine große Partei besetzen. Da kommts auf jedeN an – daher war ja auch die tw. Aufhebung der Trennung von Amt und Mandat für uns keine gute Idee.
      Unsere grünen Abgeordneten arbeiten so viel, weil sie über ihr Fachgebiet wirklich etwas wissen wollen und alle kompetent sind. Egal wen ich frage oder sehe: alle haben einen immens langen Tag. Natürlich: hätten wir 40%, könnte man mehr verteilen. Denn auch die Wahlkreisarbeit bedeutet ja oft, dass man die Wochen, in denen man nicht in Berlin ist, dann durchs Bundesland tourt, hinzu kommen Termine bei Initiativen und Verbänden. Das macht so viel aus, dass ich zwischenzeitlich sage: nein, das will ich vermutlich doch nicht. Ich lasse mir eine Hintertür offen, das weiß ich auch. Weil der Wunsch, Abgeordneter zu sein und am großen Rad mitzudrehen, immer noch vorhanden ist. Und der Reigen in 4 Jahren ja wieder eröffnet ist.
      Sohn: er braucht halt noch ne Weile, bis er wieder fit ist. Gestern hat er starke Kopfschmerzen vom Pizza schneiden bekommen….

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