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persönlich: Arbeitsplatzverlust nicht überwinden können

Unser Gehirn speichert negative Emotionen zusammen mit Erinnerungen, damit wir nach der Verarbeitung fundierte Urteile fällen können. Da uns dieser „Verteidigungsmechanismus“ helfen soll, aus Situationen zu lernen und Wiederholungen der gemachten Fehler zu vermeiden, bedeutet dies auch, dass wir diese negativen Erfahrungen immer wieder psychisch erneut durchleben, wenn wir uns in ähnlichen Situationen befinden. –

hab ich als Beschreibung meiner Situation auf der Seite einer App gefunden, die als eine Art Online-Psychologe oder Lebensberater fungieren möchte. Das trifft nicht ganz, was mich derzeit umtreibt, aber einigermaßen.

Ich bin 56, ich bin geschieden, ich habe viermal in meinem Leben meinen Arbeitsplatz verloren, habe zwei Shitstorms erlebt, wurde politisch ausgebootet, hab meinen besten Freund an meine Exfrau verloren. Ich habe Dinge erlebt, die man traumatisch nennen kann, ich habe gelernt, damit umzugehen und bin in Sachen Arbeitsplatz doch auch immer wieder auf die Füße gefallen und wenn ich mich dazu neu erfinden musste. Habe, wie man sagt, „was draus gelernt“. Aus allem. Und doch.

Aus aktuellem Anlass sozusagen, ein persönlicher Bericht aus dem Maschinenraum „der Rupp“, weil ich seit Donnerstag letzter Woche stark beschäftigt war und bin mit mir und meinen Emotionen. Ich hatte 4 Tage lang Angst um meinen Arbeitsplatz. Angst, obwohl ich mich sicher fühle, ein gutes Verhältnis zu meinen Chefs habe, Kritik äußern darf – sodass der in mir hausende Rebell kein Futter kriegt –  Angst, eigentlich völlig grundlos. Nicht nur eigentlich, wie sich natürlich herausgestellt hat. Was ist passiert?

Letzte Woche fragt mich mein Chef in einer kurzen Nachricht, ob ich diese Woche in die Zentrale nach Frankfurt kommen könne. Er erkläre mir später, worum es geht. Da er selbst in Urlaub war, konnte ich nicht nachhaken. Mir war sofort klar, dass er im Hintergrund vermutlich Termine mit anderen absprechen musste. Und dass es um was ging, was zunächst mal nicht in die Unternehmensöffentlichkeit sollte. Rational betrachtet kenne ich meine Position, weiß, dass ich geschätzt bin. Weiß, dass ich mir höchstens Sorgen um meinen Job machen müsste, wenn die Firma schließen würde. Rational. Im Kopf.

Emotional ist was anderes passiert. Emotional war ich sofort in Panik. Angst um den Job, was hab ich falsch gemacht, was passiert mit mir, kommt da die Firmenrechtsanwältin dazu, wo hatte ich keine Kontrolle, hat wer was über mich gesagt und nun flieg ich raus und vor allem: was könnte das gewesen sein? Ich hab ja bis auf die normalen Kleinigkeiten nichts falsch gemacht. Im Gegenteil. Der Standort läuft gut. Vielleicht kennt ihr das – die Gedanken rasen und obwohl man weiß, dass die Angst unbegründet sein muss – ist sie da.

Viermal hab ich in meinem Leben die Arbeitsstelle verloren. 1992, 4 Wochen bevor der Jüngste unserer großen Söhne auf die Welt kam. Ich war Mitarbeiter im Außendienst bei damals Brinkmann und Niemeyer,  verkaufte Tabak und Zigaretten an kleinere Großhandelsgeschäfte, die es damals überall gab, an Kioske, Schreibwarengeschäfte oder überprüfte die Platzierung in Supermärkten. Ich trug Hemd, Krawatte und Sakko, fuhr einen neutralen Firmenkombi und verdiente 4200 Mark im Monat brutto. Ich hab die Kündigung nicht kommen sehen. Ich dachte, ich käme gut über die Probezeit. Umsätze waren okay, ich war ein bisschen abgelenkt durch die Schwangerschaft meiner damaligen Frau, aber es schien alles gut. Binnen 14 Tagen war alles vorbei – Firmenwagen, Warenproben, ein cooler Job, Einkommen.

2001, ich arbeitete bei Techno Et Control einer IT-Firma, die vor allem Großkommunikationsserver baute. Ich hatte dort mein Praktikum während der Umschulung zum IT-Kaufmann gemacht, sie hatten mich freiberuflich übernommen. Ich habe die Arbeit geliebt, sie war interessant, ich lernte viel, wir hatten interessante Kunden, der Geschäftsführer war ein wenig extravagant – aber wir verstanden uns gut. Wie so oft in meinem Leben habe ich da professionelle Sympathie mit wahrer Sympathie verwechselt. Im Sommer 2001 fuhren wir in Urlaub, als ich aus dem Urlaub kam, rief mich der Geschäftsführer in sein Büro und kündigte mir. So richtig weiß ich bis heute nicht, wieso. Irgendwas mit „Sie haben Ihr Projekt im Urlaub nicht weiter betreut“. Krass war, dass er meinte, er habe es schon vor dem Urlaub gewusst, aber wollte mir den nicht vermiesen. Wir hätten uns das Geld aber sicher lieber gespart. Auch die Kündigung hab ich nicht kommen sehen. Ich dachte, es wäre alles gut.

In beiden Fällen fiel ich schnell auf die Füße, fand nen Job. 1992 kramte ich meinen Personenbeförderungsschein raus und fuhr Taxi, 2001 wurde ich 4 Wochen später in Ettlingen bei der OSD eingestellt und machte dort 2 Jahre lang Softwaresupport. Auch dort wurde ich entlassen, aus finanziellen Gründen, die Firma musste auf Weisung der Bank 10% des Personals entlassen – aber diese Entlassung machte mir nicht so zu schaffen. Die vierte Entlassung führte zu einer ernsten Depression bzw. offenbarte diese.

Wenn man mich fragt, ist es vor allem die Kündigung bei Techno Et Control, die bei mir diese Ängste auslöst. Es war vor allem das Gefühl von totalem Kontrollverlust, vom anlasslosen Verlust einer fast Freundschaft. Das Gefühl – wäre ich da gewesen, hätte ich es abwenden können. Hätte Einfluss nehmen können. Das Argument, die Begründung „Projekt nicht im Urlaub begleitet“ war sicher vor allem vorgeschoben – aber es machte was mit mir. Als ich 10 Jahre lang bei initial war, hatte ich jedes Jahr, wenn wir in den Jahresurlaub fuhren, Angst, was passieren würde, wenn ich zurück käme. In diesem Umfeld machte ich das transparent, dass es mir so ging. So wie in der jetzigen Firma auch. Meine damaligen Chefinnen haben sich sogar ein wenig lustig drüber gemacht – „das machen wir immer so“ – so dass wir gemeinsam drüber lachen konnten. Das wäre ein absurder Gedanke gewesen. Und trotzdem – bei jedem Urlaub diese Angst – was passiert, wenn ich zurück komme?

Und ja, das muss man Trauma nennen. Und vielleicht müsste ich es auch so behandeln.

Mir ist diese Angst in meinem Berufsleben als jemand, der Menschen wieder auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelte, oft begegnet. Ich konnte manchmal mit meiner eigenen Erfahrung Mut machen – aber es gelang nicht immer. Immer wieder habe ich erlebt, dass Menschen, die schon einen Praktikumsplatz hatte, der zu einem Job führen sollte (ich habe in der Regel auf Offene Stellen hin vermittelt), nicht antraten. Erkrankten, sich abmeldeten, nicht mehr kamen. Immer wieder habe ich erlebt, dass Menschen, die eine gute Chance hatten, nach einem Praktikum übernommen zu werden, einen nahezu unerklärlichen Rückzieher machten. Ein ehemaliger Mitarbeiter, den ich eingestellt hatte, wollte kein Probezeitgespräch führen. Er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ich ihn entließ – ab dem Tag, an dem ich ihm sagte, dass wir zum Ende der Probezeit miteinander sprechen. Er hatte sein ganzes Berufsleben lang erlebt, dass diese Gespräche dazu führten, dass man ihn entlassen wird (als wir ihn einstellten, wusste er nicht, wie lange er schon arbeitslos war). Das wollte er nicht wieder erleben, er wollte den Job behalten – aber bevor er dieses Gespräch führen musste, lieber entlassen werden. Ich signalisierte ihm deutlich, dass ich ihn übernehmen wolle – aber er traute dem Braten nicht. Er provozierte mich, schrie mich an, bedrohte mich, lief einmal davon, kam aber wieder – bis der Tag des Gesprächs kam, ich ihm im Gespräch nochmal sagte, dass ich zufrieden sei, wir ihn übernehmen würden. Aber „normal“ wurde er erst wieder am 1. Arbeitstag, nachdem die Probezeit um war und er weiter arbeiten konnte.

Dieser Aspekt findet kaum Beachtung, wenn man über Menschen spricht, die arbeitslos sind, wenn man erkundet, warum Menschen lange arbeitslos sind, keinen Job mehr finden. Wer sein Leben lang ein gradliniges Berufsleben hatte, Stellen gewechselt hat, um voran zu kommen oder sein ganzes Berufsleben lang bei einem Arbeitgebenden beschäftigt war, kann sich das kaum vorstellen. Wer mal arbeitslos wird, schnell wieder was findet, kann sich das nicht vorstellen. Es gibt Menschen, die könnten arbeiten, tun es aber nicht – weil sie Angst davor haben, wieder entlassen zu werden. Das Sofa des bekannten Leids nennt man das auch. Den Umgang mit den Gefühlen, die man hat, wenn man entlassen wird, dem will man sich nicht erneut stellen. Die Ablehnung einer Bewerbung – die kennt man. Da hat man sich noch nicht gebunden, noch keine Hoffnungen investiert. Wenn man da einen Job nicht bekommt – damit kennt man sich aus. Auch deshalb werden oft sehr schlechte, sehr unvollständige Bewerbungen geschrieben. Da kriegt man ne Absage – das kennt man, damit kann man umgehen. Ich lade immer alle ein. Manchmal lässt sich jemand darauf ein, vielleicht nochmal ein bisschen Hoffnung zu haben. Aber sehr oft halt nicht. Weder Arbeitsagentur noch Jobcenter zeigen für „sowas“ Verständnis, Arbeitgebende erst recht nicht – die Sozialen(!) Medien sind voll von Berichten über schlechte Bewerbungen oder sich Bewerbende, es gibt ein ganzes Gebirge voller Vorurteile.

Ich kenne mich, ich kenne den Mechanismus, der da abläuft bei mir, ich weiß, was los ist – und doch kann ich mich dem nicht entziehen. Mit meinem Chef hab ich gestern gesprochen, es ging am Ende terminlich drum, wann das, zu dem ich da in Frankfurt gebraucht werde, tatsächlich statt findet und daher hat er abgefragt und konnte nichts weiter dazu sagen. Und ja, es durfte erst einmal niemand etwas Konkretes wissen. Es ist eine schöne zusätzliche Aufgabe und die muss zusammen mit anderen in der Zentrale besprochen werden. Mehr ist es nicht – also ein Grund zur Freude und inhaltlich eine Bestätigung meiner guten Arbeit. Aber bis ich es wusste – ging es mir ein paar Tage lang ganz schön schlecht. Jetzt freu ich mich auf die neue Aufgabe und erst einmal ist alles wieder gut. Bis zum nächsten Mal.

P.S.: Über mein Schultrauma habe ich hier schonmal geschrieben.

P.S.S.: das ist einer dieser Texte, die in einem brodeln (also thematisch) und der dazu führte, dass ich heute früh um 4 Uhr wach wurde und bis jetzt (6:20 Uhr) daran schrieb

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Gerhard W. Barmeier

Selbst wenn wir beide in vielen Punkten unterschiedlicher Meinung sind, oder vielleicht gerade deshalb, interessiert mich Ihr Hintergrund. Deshalb Danke für diese Schilderung!
Ich selber war zweimal arbeitslos, jeweils mehr als ein Jahr. das erste Mal mit knapp über vierzig, weil mein Job mich völlig überfordert hatte und ich kurz vorm Burnout stand. Ich habe natürlich gedacht, die ganze Welt wartet auf mich. Nach über hundert Bewerbungen und einem Intermezzo bei jemandem, der einen Firmennachfolger suchte, habe ich dann einen Job bekommen, der sich im Nachhinein als mein absoluter Traumjob herausgestellt hat, den ich aber ohne meine Vorgeschichte nie angenommen hätte.
Ein Riesenproblem in der Zwischenzeit war die Ungewissheit, weil ich keine Ahnung hatte, wie und vor allem wo sich meine Zukunft gestaltet.
Fünfzehn Jahr später wurde ich dann vom Konzern mit „goldenem Handschlag“ verabschiedet. Zu dem Zeitpunkt war ich die älteste Führungskraft mit unbefristetem Arbeitsvertrag, also war es nicht allein Unfähigkeit, die mir den Job gekostet hat.
Mit Freistellungsphase und Arbeitslosigkeit hat es dann fast anderthalb Jahre gedauert, bis ich meinen jetzigen (Teilzeit-)Job gefunden habe.
Ich hätte auch direkt in die Rente rüberrutschen können, wenn auch mit massiven Einbußen. Das wollte ich aber nicht.