You are currently viewing Corona, Schule und die Kinder
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Corona, Schule und die Kinder

Auf Elternabenden, Elternbeiratssitzungen, in den Sozialen Medien und in der Zeitung tauchen sie immer auf – die Kinder, die zurzeit zur Schule gehen, die „Generation Corona“, die „verloren“ geht, schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. In Querdenkergruppen wird diese Geschichte schon lange erzählt, gepaart mit Horrorstories von Kindern, die an der Maske erkranken oder solchen, die gar daran sterben.

Ja, auch mich mache mir Sorgen, wie in diesem System dauerhaft Schule unter Pandemiebedingungen funktionieren soll, wie Lehrpläne verwirklicht werden sollen, wie Noten vergeben werden, wie man alle Schüler:innen mitnimmt auf dieser Reise und keines vergibt. Es gibt tausende Berichte – und gerade als Elternbeirat in der Schule, als Gesamtelternbeirat in der Stadt, als LEB-Mitglied nimmt man sie wahr, werden sie an einen herangetragen, oft genug mit vorwurfsvollem Ton – von Kindern, die vergessen wurden, von Klagen über ungerechte Noten, von der Trauer über ausgefallene Bildungsreisen und Veranstaltungen. Das alles ist richtig und es gibt viel zu beklagen, viel zu kritisieren und das Wenigste ist falsch – bis auf alle Geschichten, die aus der Querdenkerecke kommen.

Was in all den Debatten fehlt, ist allerdings der Blick nach Vorne, die Perspektive auf das, was „danach“ passiert, auf die Chancen, die in dieser Pandemie stecken – nicht nur für Schule, sondern auch für Schüler:innen. Wir sollten die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, das Gute an Hybridunterricht und Homeschooling zu retten und das System in seiner Gesamtheit zu überdenken. Positiv gesehen, stehen wir am Beginn einer Transformation, vergleichbar mit der, die Verbrennerautos nach und nach aus unserem Alltag verdrängt, in der (selbstfahrende) Carsharingfahrzeuge und ÖPNV den Individualverkehr mit PS-starken, schicken, teuren Autos ersetzen werden. Diese Transformation muss durchdacht gestaltet werden.

Da ist zunächst einmal die Frage nach der Daseinsvorsorge. Die Infrastruktur in Deutschland sollte ohne Zugangsbeschränkungen zugänglich sein. Weder Strom, Wasser, Wohnraum im Grundsatz, Straßen, Post – und natürlich Bildung.

Was vor 26 Jahren, als mein damals 4600 Baud-Modem die ersten Piepser von sich gegeben hat, nur zu ahnen, aber nicht abzusehen war, findet sich im Internet das Wissen der Welt. Viel Richtiges, viel Schlaues, vieles, was man sich nicht ungeprüft aneignen sollte, vieles, was schlicht falsch ist. Zugang zu Kunst, Zugang zu Musik, Zugang zu großen und kleinen Künsten, Kurse in Makramee und Klavier, Reparaturanleitungen und Diskussionen. Alles, was unsere Gesellschaft ausmacht, findet sich in einem Abbild im Netz. Zu lernen, das, was davon relevant ist – für eine:n selbst, für die Gesellschaft, für eine gestellte Aufgabe in Schule oder Beruf – das sollten schon die Kleinsten von Anfang an lernen. Dazu braucht jedes Kind einen eigenen Laptop oder ein anderes adäquates Device. Und dazu braucht jedes Kind einen Zugang zum Internet, das ihm:r die Bandbreite liefert, um Informationen abrufen zu können und sich auch online mit anderen auszutauschen, ohne dass es eine Ruckel/Unterbrechqual wird – oder einfach nur ein Spiel zu spielen oder Musik zu hören. Internetzugänge und Hardware sollten in die Lernmittelfreiheit aufgenommen werden. Wir können jetzt, nach einem Jahr sehen, dass es bis heute nicht geschafft ist, dass alle Kinder die Chance haben, sich auf diesem Weg am Unterricht zu beteiligen. So wie es richtig ist, dass die Lehrenden nicht auf ihre privaten Geräte zurückgreifen müssen, so selbstverständlich wie ein Schulbuch sollte die Ausgabe an Geräten und einen Zugang für Schüler:innen ab dem ersten Schultag sein. Und so wie man andere Schulbücher im Laufe des Schullebens sammelt, so kann man zum Beispiel alle 2 Jahre ein anspruchsvolleres Gerät bekommen.

Das wird dazu führen, dass sich Unterricht auch zusehends so verändern kann, dass Selbstlernphasen mit Inhalten aus dem Netz – vielleicht in den unteren Stufen in abgegrenzten Bereichen, später dann im „ganzen“ Internet – ein elementarer Teil der Schulbildung werden. Lehrende werden zunehmend(er) zu Lernbegleitenden, die Anregungen geben, grobe Fehler korrigieren, Beispiele geben. Inhalte selbst zu vermitteln, wird nicht mehr so große Relevanz haben.

Überhaupt Selbstlernen: Zu Beginn der Schullaufbahn und in festem Rhythmus oder bei Schulwechseln sollte die Schule feststellen, welchem Lerntyp Schüler:innen angehören. Die Bedürfnisse, wie Inhalte vermittelt werden, ist unterschiedlich – ob jemand auditiv, visuell, motorisch, kommunikativ, personenorientiert oder medienorientiert lernt, sollten sich darin spiegeln, wie Schule stattfindet. Vielleicht konzentriert man Klassen zukünftig besser nach Lerntypen (und Lehrer:innen nach Vermittlungstypen) anstatt nur nach Jahrgang?

Muss Unterricht ausschließlich in Schulgebäuden stattfinden, die viel Geld verschlingen und deren Qualität und Ausstattung vom Reichtum der Gemeinde abhängig ist, in der sie steht? Nein, muss er nicht. Wir haben gelernt, dass Schule auch anderswo stattfinden kann. Zu Hause, wenn gewährleistet ist, dass der:die Schüler:in teilnimmt, wenn gewährleistet ist, dass dieses Zuhause sicher ist. In Bibliotheken, in Kunstgalerien, im Park, auf einer Weltreise – wäre es denkbar, die Präsenzpflicht auf wenige Tage/Wochen im Jahr festzulegen und ansonsten entscheiden Schule, Schüler:in, Eltern gemeinsam, wie oft ein Kind vor Ort teilnimmt? Kann Unterricht nicht immer gestreamt werden – und man kann auch am Strand von Quebec teilnehmen, weil man mit den Eltern beim Whalewatching ist? Könnte so ein berufliches Auslandsjahr der Eltern kompensiert werden, ohne dass das gesamt soziale Umfeld flöten geht? Kann man so nicht mal drei Wochen bei den Großeltern wohnen oder dem:r besten Freund:in – auch an anderen Orten wie dem Heimatort? Können Kinder so Bildung wahrnehmen, obwohl die Eltern keinen Wert drauf legen? Reichte nicht eine Schule, die die Schüler:innen so mithilfe (nicht alleine) von Algorithmen diversifiziert, dass eine Sortierung nach Leistungsklassen nur noch intern stattfindet – eine Schule für Alle? Und für all die, die damit nicht zurecht kommen – können die nicht in viel kleinere Schule oder Klassen gehen – und so viel mehr Raum zur Entfaltung bekommen? Kann das nicht normal werden – und damit jedes Kind all das werden, zu was es in der Lage ist?

Wir können den Blick auf all das richten, was in diesem Jahr gut war. Ja, die Kinder leiden unter fehlenden sozialen Kontakten. Ja, es gibt Bildungslücken. Ja, es ist für die Schule und für die Lehrenden anstrengend – weil „normal“ ist noch immer das, was vor der Pandemie war. Ist das tatsächlich so? Haben unsere Kinder nicht Kompetenzen erworben, die in keinem Lehrbuch stehen? Ich habe in dieser Zeit von einigen Kindern gehört, die über das Gehabe ihrer Querdenkereltern nur die Nase rümpfen, ihre Maske tragen und das Attest, das die Eltern besorgt haben, nicht vorzeigen. Unsere Kinder haben gelernt, mit Frustration umzugehen – wenn wir sie bestärkt haben darin, dass unveränderliche Dinge dazu führen, dass man anders mit Situationen umgehen muss und Dinge manchmal schief gehen. Sie haben gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen – weil der Schulausflug nicht stattfindet, die Abschlussfeier anders wird als mal gedacht. Sie haben gelernt, durchzuhalten, so ärgerlich technische Schwierigkeiten auch waren und egal, wie unfähig die Lehrperson war. Sie haben Medienkompetenz erworben und viele Kinder, für die vor einem Jahr ein Computer noch ein Buch mit sieben Sigeln war, gehen heute sicher damit um. Sie können uploaden, scannen, Videochats, Online-Zusammenarbeit, Cloudcomputing, E-Mails, Bildschirmpausen. Gleiches und Ähnliches gilt für Lehrer:innen. Und Schulleitungen. Und vor allem: wir Eltern. Wir wissen viel mehr über die Schule und wie Unterricht stattfindet. Wir haben gelernt, unseren Kindern mehr zu vertrauen. Wissen, dass wir ihnen nicht immer die Hand halten können. Wir haben unsere eigenen Bildungslücken, was Medienkompetenz angeht, geschlossen.

Wir haben alle viel gelernt, viel Wichtiges in diesem Jahr. Es kann und wird der Beginn einer neuen Schulkultur sein. Denn eines ist sicher: zurück zum alten Normalen: das kann keine:r wollen.

0 0 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments