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Rückseite LP "Anyone's Daughter, Piktors Verwandlungen"

….dein Leben heißt: Verwandle dich

ist meine Antwort auf die Frage: welcher Satz hat dich in deinem Leben am meisten geprägt.

Der Satz stammt von Anyone’s Daughter und ist eine Zeile aus dem Stück „Piktor’s Verwandlungen“ – eine

Märchen mit philosophischen Zwischentönen, das eine Vielzahl von Interpretationen zulässt: Der Mut zur Wandlung wird hier angepriesen, in feinfühligen Worten die Liebe als Weg ins Glück dargestellt und, wie schon in Hesses „Steppenwolf“ und dem großartigen Gedicht „Stufen“, der Unterschied zwischen Leben und bloßem Überleben verdeutlicht.

wie Musikreviews schreibt.

„Sei nicht wie der, den man verglich, den man den „Alten Baum“ genannt, halt ein Kristall in Deiner Hand, Dein Leben heißt, verwandle dich!“ – so die letzte Strophe.

Mich hat vor allem der Mut zur Wandlung erreicht, er wurde zu meinem Leitsatz. Ich habe aus dieser Botschaft die Fähigkeit entwickelt, mich den Umständen anzupassen und mich dabei zu verändern. Es hat nur dreimal in meinem Leben nicht gut funktioniert – als ich einsehen musste, dass meine erste Ehe am Ende war, als mein Unternehmen in Insolvenz ging – und als ich in der Ausbildung zum Lehrer scheiterte. Meine berufliche Anpassungsstrategien habe ich ganz gut in diesem Beitrag beschrieben. Und wie es mir ging, als ich mit dem Unternehmen und später dann in der Lehrerausbildung scheiterte – steht hier.

Wie ich das manchmal mache – weiß ich nicht so genau. Meine Mutter sagte immer, dass für jede Tür, die zufällt, eine andere aufgeht. Das, verbunden mit

dein Leben heißt: Verwandle dich

hat mich weit getragen. Ich hatte nie ein Problem damit, Dinge, die geschehen, zu akzeptieren. Mich damit abzufinden, dass es anders ist, dass es anders werden kann. Dinge, die ich nicht ändern konnte, anzunehmen, mich daran anzupassen. Nicht an die Arbeitslosigkeit – sondern daran, dass ich mir was anderes suchen muss. Aber zum Beispiel an die Pandemie – es gab für mich nie einen Zweifel daran, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen und dass ich zu meinem eigenen Schutz Maßnahmen ergreifen musste. Nicht alles, was geschehen ist, hätte so geschehen müssen – aber wenn man wenig weiß – dann macht man in so einem Fall lieber ein bisschen mehr als zu wenig.

Verwandle dich und die offene Tür – haben mich zu einem Optimisten gemacht. Der Erfolg dieser Lebensstrategie – haben mich mit der Depression leben lernen lassen.

Es gab viel zu verwandeln in meinem Leben. Mit manchen Dingen war es einfach, mit manch anderen war es schwer. Ich wuchs in einem behüteten Haushalt auf, meine Mutter war Hausfrau, mein Vater arbeitete als Meister in einem großen Industrieunternehmen. Sie hatten ein Haus gebaut, kamen einigermaßen über die Runden. Mit 16 war ich zum ersten Mal am Meer. Ein Urlaub im Jahr musste genügen. Als es aus Gründen eng wurde, ging meine Mutter arbeiten, entfaltete sich – aus einem Putzjob auf geringfügiger Basis wurde eine Vollzeitstelle als Marktleiterin im Lebensmitteleinzelhandel – binnen anderthalb Jahren. Ich war in der Pubertät – und musste mich radikal umstellen. Auf einmal war meine Mutter morgens schon weg, mein Vater vor ihr zu Hause. Das hat viel mit mir gemacht. Und die viele Freiheit war nicht nur gut für mich.

Die Entscheidung, die erste Ehe zu beenden bspw. war keine leichte Entscheidung. Arbeit zu finden, nachdem mein Versuch, in den Außendienst zu kommen, gescheitert war.  Eine Insolvenz mit einem Unternehmen hinzulegen – und weiterzumachen. Einen Weg, mit Erfolgen und Niederlagen in der Politik umzugehen – kein Mandat zu gewinnen, trotzdem in den Landesvorstand gegen prominenten Widerstand gewählt zu werden und weiterzumachen. Bis heute an anderer Stelle – ohne Amt. Oder eben auch mit Dingen aufzuhören, wenn man merkt, dass man sich kaputt macht. (Worin ich nicht so gut bin: anerkennen, dass andere im direkten Umfeld oder ich krank bin.)

Resilienz nennt man das wohl:

Zu den 7 Säulen der Resilienz gehören Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, das Verlassen der Opferrolle, ein Erfolgsnetzwerk, positive Zukunftsplanung und Selbstreflexion.

Und doch tue ich mich manchmal schwer damit und es wird nicht leichter, je älter ich werde.  Ich habe Routinen entwickelt, Lösungsstrategien – wenn die nicht mehr funktionieren, komme ich an meine Grenzen, benötige längere Zeit. So wie ich es hier beschrieben habe – wo meine Unfähigkeit, mit meiner beruflichen Situation umzugehen, mich in eine tiefe Depression stürzte. Und ich zum ersten Mal wirklich Hilfe benötigte, um neue Lösungsstrategien zu entwickeln.

Mit „das haben wir schon immer so gemacht“ konnte ich nie wirklich etwas anfangen. Es gibt einen Wert in Erfahrung und Routinen, der wichtig ist. Aber würde ich mich beschreiben, dann wäre ich einer, der einen Stein ins Wasser wirft, um die Wellen zu sehen – die Veränderungen, die entstehen. Ich habe Glück in meinem Arbeitsumfeld, dass ich das dort tun kann, dass meinen Anregungen Wertschätzung entgegengebracht werden, dass Kritik als konstruktiv angesehen wird. Ich muss nicht rebellieren, um Dinge aufzubrechen. Dabei sind es nicht immer gute, zielführende oder fachlich korrekte Vorschläge. Mein Vorgesetzter bespricht die Dinge, die ich ins Spiel bringe ernsthaft, er wägt ab und meistens sind meine Vorschläge richtig. Manchmal sind sie richtig, aber nicht zu realisieren. Aber wichtig ist vor allem, dass sie ernst genommen werden, ich weiß, dass meine Stimme gehört wird und einen Einfluss auf das hat, was geschieht.

Politisch habe ich davon gelebt, dass es immer hieß „wir brauchen jemanden wie dich, der die Dinge anspricht“. Im grünen Umfeld war das, solange noch basisdemokratisch, „normal“. Durch Tricks hat man das mehr und mehr ausgemerzt – bis hin zu Kretschmann, der mehrfach betonte, er benötige keine „Besserwisser“. Einer der vielen Gründe, ausführlicher in meinen Texten zum Austritt erläutert, die dazu führten, dass sich die Wege trennen mussten. Heute bleibt mir kaum mehr als Verachtung für die, die denen folgen, die den Kurs vorgeben, sich nicht gegen die zersetzende Kraft der faulen Kompromisse zur Wehr setzen. Die, die sie als Leitlinien in die Welt setzen – für die soundso. In der LINKEN ist das alles etwas schwieriger – gelebte Basisdemokratie ist dort eher ungewohnt. Ich weiß nicht, ob ich dort bleiben kann – immer noch nicht. Veränderungen sind dort nicht so sehr gewollt, Beharrungskräfte stark. Eigentlich nicht mein Umfeld.

Die Pandemie hat wie kein Ereignis zuvor aufgezeigt, dass Anpassungen an die Realität mit dieser Art der Politik kaum durchzuführen sind. Realpolitik ist heute, dass man sich anpasst an das, was man denkt, was gerade noch möglich ist. Dabei war es in der Pandemie nötig, sehr schnelle, sehr tiefgreifende Anpassungen vorzunehmen. Der Lärm einer kleinen Minderheit hat am Ende dazu geführt, dass vieles nicht durchsetzbar wurde, was nötig gewesen wäre, um weniger Tote oder Schwerkranke zu fordern. Dieser Lärm hat dazu geführt, dass die Pandemie für beendet erklärt wurde. Und sie hat vor allem dazu geführt, dass alles wieder so wurde, wie bisher. Dass nichts gelernt wurde – weder aus dem mangelhaften digitalen Bildungssystem noch aus der Notwendigkeit,  weniger Kontakte zu anderen Menschen zu haben, resultierendem geringeren Verkehrsaufkommens – um zwei Themen zu nennen. Alles soll so bleiben wie es ist.

Dieselben Reflexe erzeugt der Klimawandel – und es ist kein Wunder, dass sich Querdenkende auf diese Themen stürzen, ihre Verschwörungen darauf aufbauen, negieren, dass es überhaupt ein Problem gibt – an das sich alle mit Verhaltensänderungen anpassen müssen. Die Einsicht ist gar nicht gewollt. Vielleicht hat das Leben diesen Menschen zu wenig abgefordert, vielleicht konnten sie sich immer durchmogeln, haben nie ihre Grenzen kennengelernt und sie neu stecken müssen, über den Horizont oder auch nur den Tellerrand blicken müssen.  Und wie die Pandemie und der Umgang mit der Klimakrise gezeigt hat, ist diese Haltung weiter verbreitet, als man denkt.

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Maurice

Danke für deine Offenheit und diesen guten Text. An vielen Stellen finde ich mich wieder und es tut immer gut zu wissen, dass es „Mitwisser“ gibt.