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Konsequenzen aus dem Fall Anton Böhe

Neben der Aufarbeitung der Gewalt, die von Anton Böhe ausging und die damals geduldet wurde, bleibt der politische Aspekt dieser Angelegenheit bislang völlig undiskutiert.

Am 9. Juli erschien in den BNN ein Bericht, der darstellte, wie es überhaupt dazu kam, dass Anton Böhe Ehrenbürger und damit Namenspate für eine Straße wurde.

Im Text steht – und da es bislang keine Gegendarstellung gibt und andere Quellen das bestätigen, scheint das zu stimmen – dieser bemerkenswerte Abschnitt:

„Die SPD wollte unbedingt Hirth durchbringen“, erzählt der damalige CDU-Gemeinderat Karlheinz Reisenauer. „Wie das so ist, wollten wir dann auch einen. Böhe hatte sich Verdienste erworben.“ Hirth habe eine „braune Vergangenheit“ gehabt, so Reisenauer. Er sei von der christlichen Jugend kommend zur Hitlerjugend gegangen und sehr aktiv gewesen. Das sei ein Grund gewesen, ihn abzulehnen. Der „Kuhhandel“ sei dann doch zustande gekommen. „Da hat man halt die Grott geschluckt.“ Sprich: Man wurde sich einig. „Ohne Nominierung Hirth hätte es keine Nominierung Böhe gegeben. Über Gewalt ist nie gesprochen worden.“ (Quelle: BNN vom 9.7.2021)

Zunächst einmal finde ich, dass „wollten wir dann auch einen“ ein beredtes Bild davon abgibt, wie Politik manchmal bis heute funktioniert – nicht nur in Malsch. Das sind die berühmten „Kompromisse“ um die es auch manches Mal geht und die viele doch für so sinnvoll halten. Ich bin ja eher für klare Haltung. Gerade in solchen Fragen. Wie jemand, der mit offensichtlicher aktiver brauner Vergangenheit, noch im Jahr 1964 Bürgermeister werden konnte, muss man da gar nicht erst diskutieren. Man schaute gerne noch weg, so kurz nach 1945. Bei den Heimatfreunden klingt das zwar alles so, als sei ihm das alles nur passiert – aber diese Darstellung scheint in diesen Punkten nicht vollständig zu sein.

Nach seiner Bürgermeisterzeit aber schaute die SPD weiterhin weg – die aktive braune Vergangenheit spielt im Jahr 1983 keine Rolle mehr. Und so benennt sie ihn zum Ehrenbürger. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang. 1983 ist nicht 1964, man hat sich einige Jahre schon endlich auch um die Aufarbeitung der Nachkriegszeit bemüht. Die SPD hätte das kritisch betrachten müssen. Hat sie nicht. Damals nicht.

Und heute? Dieser Teilaspekt geht in der Debatte um die Gewalt des Anton Böhe völlig unter. Damit ein ehemaliger Bürgermeister mit aktiver brauner Vergangenheit Ehrenbürger werden konnte hat man gleichzeitig zugelassen, dass ein Kinderschläger Ehrenbürger wird.

Beide Parteien schweigen zu diesen Aspekten. Herr Geiger, Bürgermeisterstellvertreter der CDU, findet, dass das „eine andere Zeit“ war – das mag ja sein. Aber was heute Unrecht ist, konnte damals kaum als Recht erkennbar sein. Da kann man sich nicht darauf berufen, dass damals „andere das Sagen“ hatten. Sondern muss auch persönlich Konsequenzen ziehen. Man wollte vermeintlich honorige Gestalten der Gemeindegeschichte für sich reklamieren, wollte zeigen: schaut her, aus unseren Reihen ging ein Ehrenbürger hervor, man hat das parteipolitisch ausgeschlachtet.

Weder CDU noch SPD haben bisher Worte gefunden für diesen Kuhhandel, der mittelbar durch Joe Degado aufgedeckt wurde. Weil endlich einer den Mut aufbrachte, den einen Missstand zu beleuchten, anzuprangern, wurde der andere offenbar. Die Reaktionen von SPD und CDU auf das, was sie da damals ausgehandelt haben, fehlen aber bislang völlig. Und dass Franz Hirth weiterhin Namensgeber für eine Straße bleiben sollte – das sollte dringend diskutiert werden.

Und SPD und CDU sind dringend aufgerufen, endlich öffentlich Stellung zu nehmen. Ausführlich. Denn weder aus dem Schweigen der SPD noch aus dem „damals waren andere Zeiten“ geht hervor, ob man weiterhin dazu steht, dass diese beiden Personen, um die es beim Kuhhandel ging, heute erneut für die Ehrenbürgerwürde nominiert würden. Für mich sieht es derzeit so aus, als sei das für die beiden Parteien weiterhin kein Problem. Sie sind damals in eine Jauchegrube gestiegen – und in der stehen sie noch immer. Wird Zeit, dass sie heraussteigen.

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