You are currently viewing Kurzgeschichte: 8. Januar, Generalstreik
Bild von Matthias Böckel auf Pixabay

Kurzgeschichte: 8. Januar, Generalstreik

2022

Russische Soldaten haben nach Angaben eines ukrainischen Geschäftsmannes die gesamte Ausrüstung eines Landmaschinenhändlers in der von Russland besetzten Stadt Melitopol gestohlen und nach Belarus transportiert. Dort mussten die Plünderer allerdings feststellen, dass die Traktoren und Mähdrescher im Wert von schätzungsweise 5 Millionen US-Dollar nutzlos sind – denn sie wurden mit einer Fernbedienung blockiert.

November 2023

„Wie kommen wir da rein?“ fragte Peter.

„Puh, das wird schwer.“ Kate war nicht so optimistisch wie er. Sie warf ihre langen Dreadlocks zurück und setzte ihre Grübelmine aus. „Schau mich nicht so an, ich denke nach“

„Ein Hack von außen ist nur möglich, wenn wir einen Virus vorher einschleusen können. Also müssen wir rein. Wer hat Zugang von außen?

Kate schaute auf Ihre Notizen. „Es gibt keine Reinigungsfirma, die machen das selbst. Die Leute sind fest angestellt, verdienen gutes Geld. Stellen gibt es da keine, die werden immer unter der Hand besetzt. Wenn man niemanden kennt, kommt man da nicht ran. Und ich kenne niemanden. Du etwa?“

Peter verneinte. Er stand auf, holte sich einen frischen Kaffee.

„Hm, und wenn wir besonders dreist sind?“

„Was stellst du dir vor?“

Er begann, ihr die Umrisse seines Plans vorzustellen.

8. Januar 2024

Aus dem ganzen Bundesgebiet rücken Bauern mit Traktoren in Berlin ein. Der Generalstreik, den rechtsextreme Landwirte forciert haben, wird wegen der allgemeinen Unzufriedenheit ein voller Erfolg werden. Schon in den frühen Morgenstunden sind die Autobahnen nach Berlin übervoll, es bilden sich lange Staus. Zwischen den Traktoren finden sich Geländewagen von Jägern, vereinzelt LKWs, kaum private PKWs. Die Warnungen vor den Staus wegen der Proteste zeigen Wirkung. Um 11 Uhr an diesem 8. Januar ist Berlin dicht, auf den Straßen geht nichts mehr.

CDU-Chef Merz zeigt sich auf der großen Rednerbühne vor dem Brandenburger Tot, er fordert erneut die Bundesregierung dazu auf, Neuwahlen abzuhalten. Auch Christian Lindner, der eigentliche Verursacher der Proteste, wird freudig begrüßt. Cem Özdemir wird auf dem Weg zur Bühne von mehreren Landwirten zuerst mit Salatköpfen beworfen, dann körperlich bedrängt. Er nimmt Abstand von einer Rede. Bundeskanzler Scholz schafft es auf die Bühne, kommt aber nicht eine Sekunde zu Wort, zu laut sind die Buhrufe.

Traktorenmotoren heulen laut auf, die Menge jubelt. Der Bauernaufstand zeigt, wie vorgesehen, der Politik die Harke. Jetzt wird es wahr – hoffen viele.

Peter und Kate und eine Handvoll Mitstreiter beobachten in den Sozialen Medien den Fortgang der Ereignisse, von einem Internetcafé aus. Sie protokollieren, sie machen sich Notizen, identifizieren rechtsextreme Aufpeitscher anhand Videos und Fotos von den Protesten, machen Screenshots von Plakaten, die den Umsturz fordern.

Als der Präsident des Bauernverbands ans Mikro tritt, wird es leise. Auch in der Wohnung von Peter und Kate steigt die Spannung. Die ersten Sätze fallen, Begrüßung, Teilnehmerzahlen. Dann der entscheidende, der erwartete Satz: „Startet Eure Motoren. Lasst sie laut aufbrüllen, damit die Decke im Kanzleramt wackelt“.

Ein ohrenbetäubender Lärm bricht los und es gibt Gerüchte, dass im Kanzleramt zwar nicht die Decke gewackelt habe – aber doch das eine oder andere Bild von der Wand fiel. Wohl ausgerechnet das von Angela Merkel.

Als der Lärm am lautesten schien, nicht aufhören wollte – auf einmal schlagartige Stille. Alle Motoren gingen aus, kein einziger lief mehr, bis auf etwa zwei Dutzend der älteren Traktoren, die noch nicht mit modernen Systemen ausgestattet waren. Alle anderen waren aus. Und nicht nur sie: jeder Traktor, der in Berlin Straßenkreuzungen blockierte, auf Autobahnen stand, auf der Straße des 10. Juni, vor dem Bundestag, dem Bundesrat, dem Landwirtschaftsministerium, alle waren aus. Und nicht einer ließ sich mehr starten.

Kate und Peter saßen im Internetcafé in der Schönhauser Allee. Sie grinsten. Sie wollten schreien, lachen, tanzen. Aber sie genossen ihren Triumph still. Sie schauten sich an, stießen die Fäuste zusammen.

Nachdem es ihnen gelungen war, am 1. Januar Reinigungskräfte bei den großen Traktorenhersteller einzuschleusen und damit einen internen Zugang zum jeweiligen Netzwerk möglich war, hatten sie einen Virus eingeschleust, der es ihnen erlaubte, die Fernsteuerungssysteme zumindest der modernen Traktoren zu übernehmen. In dem Moment, als der Protest der Landwirte am lautesten war, übernahmen sie die Kontrolle. Sie schalteten die Traktoren aus und da sie alle Zugänge gekapert hatten, gelang es niemandem mehr, diese wieder anzustellen.

15.000 Traktoren standen in Berlin, die sich nicht mehr bewegen ließen. Es dauerte 14 Tage, bis die Hersteller wieder die Kontrolle zurück hatten, der Virus identifiziert und unschädlich gemacht war, die Passwörter zurückgesetzt und damit alle Systeme zur externen Kontrolle wieder steuerbar war. Bei manchen Traktoren mussten Steuergeräte ausgetauscht werden, bevor sie wieder ansprangen. Der Schaden ging in die Millionenhöhe, alleine die Verkehrsbehinderungen, Umleitungen störten den Verkehr in Berlin immens. Der Präsident des Bauernverbandes musste zurücktreten, viele Rädelsführer waren isoliert, anhand der Dokumentationen mussten viele mit Anklagen und empfindlichen Strafen rechnen. Der Landwirtschaftsminister, der sich auf die Seite der Bauern gestellt hatte, meldete sich krank und kam erst Ende Februar wieder zurück in sein Amt. Und so mancher Bürgermeister, Landrat oder Abgeordnete musste sich von seinen Wähler*innen viel Kritik anhören, in Form von Briefen, Zeitungsartikeln und öffentlichen Verlautbarungen. Viele ruderten zurück, entschuldigten sich.

Auch im Jahr 2024 erzielten die deutschen Landwirte hohe Gewinne, der durchschnittlich Fünfjahresgewinn über alle Betriebe war wie schon im Jahr zuvor sechsstellig. Bauernproteste waren vorerst nicht mehr zu erwarten.

0 0 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
2 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Bernd Stelter

Haha, erwischt!
Die BNN nehmen ihre Statements wohl gerne als „Leserbriefe“ an! Da sieht man, welchen Drecksjournalismus wir im Lande haben. Nur grün-links ideologisch! Wer dagegen verstößt, muss bestraft werden! Dabei gehen Sie genauso vor, wie die Nazis (welche auch Sozialisten waren)
Mit ihren Beschimpfungen der raffgierigen Bauern erreichen sie durch ihre Dummheit und Arroganz Gottseidank das Gegenteil von dem, was sie wollten: teurere Lebensmittel, im Ausland produziert! Hoffe sie sind damit zufrieden! Das sie für Klimakleber Verständnis haben, ist mir klar. Sie wollen eine Subsistenzwirtschaft, die praktisch die ganze Welt auszahlt! Das funktioniert natürlich nicht! Dann übertreiben und lügen sie noch im Bezug zu Habeck.
Sie sind ein pseudo-religiöser, dummer Egozentriker, dem aller Besitz weggenommen gehört und der höchstens in Wiesloch gut aufgehoben ist! Hoffe Wagenknecht nimmt ihnen die letzten Stimmen!