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Lindemann, Sexismus und der neue Mann – und ich

Männer, Mannsein, Rolle des Mannes, Männlichkeitsbilder – Schlagwörter, die in den Tagen der Debatte um sexuelle Übergriffe bis hin zu Berichten über KO-Tropfen, die bei Rammstein-After-Show-Parties die Runde machen. Es wird diskutiert, es wird in Schutz genommen, es wird mit allem Recht angeklagt und es gibt eine mehr oder weniger breite Empörung. Und wie der Deutsche so ist – trotz des Missbrauchsskandals um Till Lindemann kaufen die Deutschen Rammstein. Mehr als je zuvor.

„Das ist halt so“, „was hat sie erwartet“ und montags abends dann zur besten Sendezeit dann die Debatte, ob Herr Lindemann überhaupt noch kann – inklusive Dickpic im Öffentlichen Rundfunk. Ja, und auch das ist passend zu einer Debatte in Deutschland. Wir sprechen über den Täter – und die Opfer bleiben auf der Strecke, werden retraumatisiert, müssen sich fragen, wer sie denn schützt, während Lindemanns Anwälte sie mit Unterlassungserklärungen und Forderungen in beträchtlicher Höhe einzuschüchtern versuchen. Man versucht, die Idole, die Stars zu schützen, anstatt sie vom Sockel zu stoßen, ihre Platten anstatt in den Charts zu platzieren, nicht mehr länger zu verkaufen. Sollen sie doch schauen, wie sie ihre Musik losbekommen. Es ist scheinbar NICHT anrüchig, als mittelalter bis alter Mann junge Frauen vermutlich zum Sex zu zwingen, zu überreden, zu manipulieren, vielleicht sogar am Ende mit KO-Tropfen vergewaltigt zu haben. Es gibt entsprechende Erlebnisberichte und man ist fast froh, dass die Staatsanwaltschaft ermittelt, um zu klären, was zu klären ist. Macht macht was mit einem – und nicht immer das Beste.

Ich befasse mich schon lange mit Männerbildern in dieser Gesellschaft. Ich bin mit einer eskalierten Scheidung mit damals drei kleinen Kindern betroffen, habe erst um das Recht auf elterliche Sorge, dann um den Auszug eines Kindes kämpfen müssen. Ich habe mich in dieser Zeit – das war 1998 ff. – im Internet zuerst informiert, dann bin ich auf Foren getroffen, in denen sich Männer über ihre Scheidungsgeschichten ausgetauscht haben, rechtlichen Rat gegeben haben, sich halfen. Ich war auf Männergrillpartys, auf Exentreffs, beim VAFK, habe Männergrün gegründet, das grüne Männermanifest mit unterzeichnet, bei der Böllstiftung als Experte gesprochen, mit Andreas Kemper und anderen ein Buch dazu geschrieben, mich für einen Mann gehalten, der in dieser Hinsicht ziemlich viel weiß, die Fallstricke kennt. Ich habe mich mit dem bundesdeutschen Sexismus auseinandergesetzt, der an Fastnacht über die Republik hereinbricht und mich meine ganze Jugend lang begleitet hat. Habe meine Rolle, meine Rollenbilder hinterfragt. Ich war mir sicher – ich bin kein Sexist, ich habe Respekt vor Frauen, ich kenne die Fallen. Von wegen.

Doch – denn die Normalität, mit der sexuelle Belästigung, Beleidigung, Sexismus herunter gespielt wird, die Art und Weise, wie Männer Rainer Brüderle ihre Solidarität zusichern – ganz vorne die unerträgliche BILD – die Sprüche von „ach hab dich nicht so“ bis hin zu „die will  doch, die tut nur so“, all das ist schlimm.

habe ich damals geschrieben. Um auch an die Sache mit Rainer Brüderle zu erinnern – und die so ähnlichen Reaktionen damals darauf wie heute bei Rammstein. Ich warte immer noch, dass genügend Leute aufstehen und sagen: Schluss jetzt mit der Rechtfertigung – so geht das nicht. So wie ich es selbst erlebt habe. Und da war es richtig – auch wenn ich damals Zeit gebraucht habe, alles zu verstehen, was ich getan hatte. Stichwort „Titten und Beine“.

Ich bin nicht reich, bin nicht prominent, habe kein Pressesprecher, hatte fast keine Fürsprecher. Ich war uneinsichtig, zornig, habe weder mich noch die verstanden, die Abstand zu mir hielten. Keiner sagte: der ist doch anders, das kennen wir so nicht von ihm. Ich habe viel verwechselt in diesen Tagen und der taz-Artikel von Ulrich Schulte beschreibt mich und meine aus Selbstrettung inszenierte und wohl für mich notwendige Selbstgerechtigkeit ganz gut. (und wenn ich ihn heute lese, dann rührt da noch ganz viel in mir).

All das war nach einigen Wochen vorbei, der Shitstorm, die Häme, die Rücktrittsforderungen, die nicht mehr mögliche Kandidatur für den Landtag, die Presseberichte, die Anrufe, die Beschimpfungen, die Häme und mein bis ins Mark erschüttertes Selbstbewusstsein.

Was aber nicht vorbei war, war die Aufarbeitung. Ich konnte und wollte mich nicht mit mir abfinden, mit dem, was da aus mir herausgebrochen war. Ich musste verstehen lernen, warum dieser Tweet, dieser Gedanke, der doch Sexismus anprangern wollte

„im Kern sexistisch“, denn der Vorwurf, das Äußere taktisch einzusetzen, treffe traditionell nur Frauen.

war. Ich arbeitete bei einem Bildungsträger, der von fünf Frauen geführt wurde. Ich war einer der wenigen Männer dort. Und meine Chefinnen und meine Kolleginnen, die besten der Welt, haben mich nicht davon kommen lassen. Sie schätzten mich – aber meine Aussage schätzten sie nicht. Aber sie wollten, dass ich es verstehe – damit ich dort weiter arbeiten konnte. Denn sonst wäre das nicht möglich gewesen. Sie wollten, dass ich lerne, dass ich begreife. Ich war bereit, herauszufinden, was mich da in aller bundesweiten Öffentlichkeit entblößt, demaskiert hatte. Vor mir selbst. Nicht nur vor allen anderen.

Es war ein schmerzhafter Prozess. Ich fand und finde bis heute Sexismus in mir. Sexismus, den ich erlernt hatte. Männlichkeit, die ich ablehne. Ich fand und finde in mir den Sexismus, den Männer in dieser Gesellschaft erlernen, den ich als Junge genauso erlernt hatte wie Lesen und Schreiben (als unter 10-jähriger konnte ich „Einst lief ich am Strande der Donau entlang“ singen – und ich kann es bis heute leider auswendig). Ich musste erkennen, dass Wissen und Tun verschiedene Dinge sind. Ich lernte zuzuhören, mich nicht zu rechtfertigen, sondern mich zu bedanken für einen Hinweis, an mir zu arbeiten, für einen Blick und für eindeutige Kritik an Aussagen. Es dauerte bis zum Ende dieses langen Jahres, bis ich einigermaßen stabil war und ich wieder sicherer im Umgang mit anderen war. Bis zum Ende des Jahres, als meine direkte Vorgesetzte kam und mir Hochachtung aussprach für meinen inneren Prozess, den ich leistete. Bis heute kämpfe ich mit mir und dem, was da in mir sitzt. Ab und zu kommt von meiner Frau ein Blick oder ein Hinweis. Und den nehme ich ernst – auch wenn ich ab und an versuche, abzuwehren, von mir zu weisen. Im Nachhinein wird mir immer klar: wie kann ich ihr sagen, dass sie in dieser Frage Unrecht hat. Ich lerne und es hört wohl erst auf, wenn ich sterbe. Zu tief verankert ist das männliche Rollenbild, ist die Idee, dass Frauen verfügbar sein müssen, zu groß die Gewohnheit des männlichen Blicks auf die Dinge, die Männer begehren.

Niemand interessiert sich dafür, ob sich Männer ändern, ob sie bereuen, ob sie an sich arbeiten. Wäre es so, könnte man darüber berichten. Wieso tut das keine*r. Rainer Brüderle – würden Sie das heute nochmal so sagen? Oder sind Sie sich darüber bewusst, woher die Emplrung kam?

Und nun Lindemann. Rammstein konnte ich noch nie leiden. Musikalisch und die Art der Inszenierung stieß mich immer ab. Ich glaube, ich kenne nicht ein Lied. Aber es geht nicht um Rammstein. Es geht um einen Mann, der sich nimmt, was er kriegt. Weil er es kann. Notfalls wohl auch mit Gewalt. Und es geht um Männer, die des rechtfertigen. Schlimmer noch – ihm Beifall klatschen. Um eine Gesellschaft, die wegsieht. Um Fans – männliche und weibliche – die sich vor die Band stellen. Um Aussagen, die Lindemann schützen wollen, die an „hätte sie keinen kurzen Rock getragen, dann wäre sie nicht vergewaltigt worden“ oder „das hat sie doch selbst gewollt“ erinnern. Vielleicht – aber offensichtlich in so vielen Fällen nicht so. Es geht darum, dass in dieser Gesellschaft noch immer eine Debatte möglich ist, als wäre das irgendwie harmlos, normal, zu rechtfertigen – wie sexuelle Gewalt beim Oktober- und vielen anderen Festen. „Was trinkt sie auch so viel  – kann sie sich ja denken, dass einer über sie herfällt“. Selber schuld – sozusagen. So etwas ist möglich und steigert sich dann in der Frage, ob Lindemann überhaupt noch kann. Also, die Frauen, die ihn anklagen, die lügen – weil er wäre ja soundso in seinem Alter nicht mehr ausreichend sexuell leistungsfähig. Als wäre das auch nur irgendwie relevant.

Lindemann und alle anderen Männer, denen vorgeworfen wird, so zu agieren, können es tun, weil sich niemand von ihnen so abwendet, dass es sie träfe. Sie haben keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen, was sie da tun. So wenig wie man sich mit Rassismus, mit Antiziganismus, mit Ableismus, mit Fatshaming, mit all dem Scheiß auseinandersetzen möchte in dieser Gesellschaft. Tut man es, ist man woke. Verlangt man, dass es aufhören soll, erst recht.  Wären wir nur alle etwas woker. Denn dann würde niemand sagen: ach, nun lass mal gut sein, das meint er nicht so. Das dachte ich damals auch. Aber ich meinte es schon so, auch wenn ich es gut meinte. Und es war gut, dass mir das jemand gesagt hat. Es hätten nicht so viele sein müssen – aber ohne all das, hätte ich nichts gelernt – über mich und die Welt, in der ich lebe. Und so hab ich keine Millionen wie Rammstein – aber ich bin doch um so viel reicher.

P.S.: ich hab versucht, alle Klippen, die mir mein erlerntes Männerwissen stellt, zu umschiffen. Sollte mir das nicht ganz gelungen sein, bitte gebt mir einen hoffentlich freundlichen Hinweis.

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Alex.

DANKE!!! genau darum geht es. der weg ist lang und nicht einfach. auch mir als frau fallen immer wieder nicht grade frauenfreundliche gedanken an mir auf. die tendenz ist wenigstens je länger je weniger, trotzdem hat es mich schockiert, als mir das bewusst wurde. es zeigt halt, wie tief das alles sitzt, wie normal vieles, heute -idR- undenkbare, war. (ich hätte solche aussagen wie in ‚hart aber fair’ eigentlich im 2023 nicht mehr für möglich gehalten. noch schlimmer finde ich jedoch, dass es da keinen aufschrei gab. wie immer haben alle geschwiegen und somit diese AWM strukturen weiter bestärkt. unfassbar!!)
leider sind halt die wenigsten bereit (u/o fähig?) sich immer wieder kritisch zu hinterfragen und so eine entwicklung voranzutreiben. das schmerzt, ist unangenehm. also schreit man lieber ins selbe horn wie die grosse masse und findet ‚woke sein‘ doof, oder wenn man richtig cool sein will, links.
ich musste mir letztes jahr, nachdem ich grenzwertiges verhalten an einem firmenanlass kritisch angesprochen habe, anhören: ja komm jetzt, man darf ja gar nix mehr, so ist’s ja nicht lustig. korrektes verhalten ist also unlustig. aha. ich war sprachlos! eigentlich hätte ich jedoch fragen müssen, warum genau man nur auf kosten von frauen (oder randgruppen) witze reissen kann.
dieser skandal hat mir leider schmerzhaft klar gemacht, dass wir noch viel zu tun haben. solche beiträge geben mir immerhin ein bisschen des verlorenen glauben in die menschheit zurück. deshalb nochmal: DANKE!

Maik Eiffel

Dieses Trauma werden sie (zu Recht) niemals los!

Maik Eiffel

Täuschen Sie sich da mal nicht!
Sie merken offenbar überhaupt nicht, dass Sie sich permanent selbst rechtfertigen – als Mann, als Mensch, als #linksökowasweißichversüffter, als Grüner der jetzt Linker ist, als Individium das die Erde zerstört, oh nein halt: Sie wollen sie ja retten, sorry!

Sie sind jemand, der nicht den Mut hat, seine Informationen breit gefächert einzuholen, immer nur das Weichgespülte aufkocht… Das ist keine Lebensleistung!

Merken Sie nicht, das die plötzlich sooo schützenswerte Pressefreiheit als Argument herhalten muss, um Desinformation bewußt zu erzeugen? Schade!

Bsp.: auf Grund der Kampagne, die sich aktuell gegen Lindemann richtet, beschuldigen Sie sofort die Band RAMMSTEIN der Täterschaft (ja, durch die Nennung Lindemann im direkten Zusammenhang mit Rammstein ist das so aufzufassen!)

Die Beschuldigung richtet sich somit gegen alle/s was dazugehört – und das ist nicht wenig, das ist ein Unternehmen!
Aber Sie wissen im Vorfeld schon alles genau, verurteilen genau so im Voraus, Mainstream halt…

Maik

„Euer Ehren“, wir leben immer noch in einem Rechtsstaat! Selbst wenn Sie die Befähigung zum Richteramt besäßen, stünde es Ihnen nicht zu, einen Menschen öffentlich zu verurteilen, bevor seine Schuld nicht vor einem ordentlichen Gericht unter Beachtung aller in der Prozessordnung niedergeschriebenen Vorschriften für die Durchführung des Strafverfahrens festgestellt wurde!
Sie missachten Menschenrechte! Alle Kenntnis die Sie zum Vorgang haben, können max. aus den Medien, vorwiegend den „sozialen“ Medien, haben – Oder waren Sie dabei! Schlimm was das alles anrichtet…
Sie reiten jedes Pferd das gute Quoten hat, widerlich!

…und der von Ihnen erwähnte „innere Prozess der nicht abgeschlossen ist“ – genau dieser ist gemeint mit meinem Eingangspost!

Schönen Tag noch! Ich werde mich jetzt nicht mehr bei Ihnen melden. Es macht keinen Sinn da Sie nach wie vor extrem uneinsichtig und beratungsresistent sind, alles nur für Sie passend reden/schreiben und Grund- und Menschenrechte nach Ihrem Gusto fordern!

Rob

Die Staatsanwaltschaft in Litauen hat heute bekannt gegeben das sie keine Ermittlungen einleiten6wird.