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Rücktritt als Vorsitzender des Gesamtelternbeirats

Diesen Text habe ich heute an die Presse gegeben und das Schulamt informiert

Rücktritt

Ich trete mit sofortiger Wirkung von meinem Amt als Vorsitzender des Gesamtelternbeirats Karlsruhe zurück.

Die Begründung dafür liegen zum Teil in meiner Person, zum anderen an bildungspolitischen Entwicklungen innerhalb der Elternschaft. Aber der Reihe nach:

Anfang des Frühjahres 2022 hat sich meine Depression, die ich eigentlich gut im Griff zu haben schien, zurückgemeldet. Die Auseinandersetzungen mit Querdenken in Karlsruhe und dem Umland hatte mich neben „normaler“ politischer Arbeit sehr in Anspruch genommen, teilweise war ich täglich mit Auswertung, Beobachtung der Szene beschäftigt. Was zu Beginn „einfach“ schien, hat sich zusehends zu einer Dauerbelastung entwickelt, die ich kaum eindämmen konnte. Da aber die Demonstrationen zurückgingen, konnte ich hier Engagement reduzieren – aber das Kind lag schon im Brunnen. Es wurde zusehends schwieriger, den Alltag UND mehrfaches Engagement zu bewältigen.

In Absprache mit dem restlichen Vorstand machte ich bis nach dem Ende der Osterferien eine Pause und nahm auch nicht an der Sommersitzung des GEB teil, da ich in die Vorbereitungen nicht eingebunden war. Es hätte mich zu diesem Zeitpunkt auch überfordert. Nachdem ich nach und nach wieder inhaltlich teilnahm, wurde ich beruflich Mitte Mai stark herausgefordert. Also musste ich wieder etwas auf die Bremse treten.

Seit Anfang Juni ging es besser und ich wollte die Arbeit wieder aufnehmen. Allerdings wurde ich schon auf der Ebene des Landeselternbeirats, dessen Mitglied ich auch bin, mit der Initiative für das G9 konfrontiert. Obwohl ich früher ein Gegner des G8 war, auch aus persönlichen Gründen – einer meiner Söhne war im Doppeljahrgang – hat sich im Laufe der Zeit meine Haltung dazu geändert. Das G9 ist heute, nach der langen Zeit, kaum mehr finanzierbar, nicht bei den eingeschränkten Mitteln, die in den Bildungshaushalten liegen. Vom Bedarf an Klassenraum bis hin zum existenten Lehrer*innenmangel und Unterrichtsausfall ist kaum vorstellbar, wie eine Rückkehr vonstatten gehen soll. Klar, mehr Geld muss ins System – aber soviel ist klar: der ganz große Wurf, der nötig wäre, um das UND alles andere, das notwendig ist – Stichworte wie Digitalisierung, Lehrer*innenbildung, kleinere Klassen, die ALLEN zugute kommen würden, wird nicht erfolgen. CDU und Grüne blockieren sich in dieser Legislatur in dieser Frage selbst. Und die CDU ist und bleibt die Partei der Schuldenbremse. Und ob sich die Mehrheitsverhältnisse im Land so ändern, dass genau dies anders würde – ist kaum zu erwarten. Und selbst wenn: woher sollte das Geld dafür kommen? Soviel Realismus muss sein.

Die Initiative verstehe ich daher auch als einen Kampf der Gymnasien mit allen anderen Schularten um größere Anteil an der Bildungsfinanzierung. Und natürlich wäre eine Rückkehr zum G9 ein Angriff auf die Gemeinschaftsschulen – und die Oberstufen an den beruflichen Gymnasien, die ja längst allgemeinbildend sind. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass treibende Kräfte die sind, die sich schon immer gegen längere gemeinsame Bildung gewehrt haben. Man möchte gerne so früh wie möglich unter sich sein. Die Ständegesellschaft, die Basis unseres überholten, dreigliedrigen Schulsystems, feiert fröhlich Urständ. Und selbstverständlich, nicht zu vergessen, ist diese Initiative, gefüttert mich falschen und unvollständig kommunizierten Umfragedaten, ein Angriff auf das grün geführte Bildungsministerium. Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass wir keinen Rollback zu G9 benötigen, sondern endlich einen Aufbruch in ein Bildungssystem mit zwei Säulen, längerem gemeinsamen Lernen, Lernen ohne Noten, dafür mit Wertschätzung für jede*n Schüler*in und deren Talente und nicht zuletzt ein Bildungssystem, dass endlich Bildungserfolg und Herkunft entkoppelt. All das bietet das G9 nicht – sondern wird das Gegenteil produzieren. Stillstand, weiterhin frühe Selektion der Kinder, Frustration und Ungerechtigkeiten. So wenig, wie wir zur „guten alten Zeit“ zurückkehren können, so wenig können wir zurück in die Zeiten, in denen gesellschaftliche Klassen das Maß des Zugangs zu mehr oder weniger, zu guter oder schlechter Bildung definierten. Im Gegenteil – genau das muss endlich überwunden werden.

Im LEB bin ich Vertreter der beruflichen Gymnasien – da gibt es für mich keine Konflikte. Als Vorsitzender des GEB ist mir aber deutlich geworden, dass die Gymnasialvertretenden in Karlsruhe sich der Initiative anschließen wollen. Ich müsste als GEB-Vorsitzender diese Position mit vertreten – und das kann ich nicht. Es ist für mich eine deutliche rote Linie. Ich kann das weder vertreten, noch kann ich dazu schweigen. Dazu ist es ein zu wichtiges Thema. Ich würde aus der Rolle fallen, ich könnte dem Amt nicht mehr gerecht werden. Das aber kann ich mit der Verantwortung als Vertreter für alle Eltern, die dieses Amt mit sich bringt, nicht unter einen Hut bringen.

Daher erkläre ich meinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden des Gesamtelternbeirats Karlsruhe mit sofortiger Wirkung.

Ich bedanke mich bei den Eltern, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben und bitte um Verständnis für diesen Schritt. Und ich bedanke mich außerordentlich bei meinen Vorstandskolleg*innen, die in den Wochen meiner Pause selbstverständlich meine Aufgaben mit übernommen haben.

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