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Zeugnistag – Wertschätzung statt Noten

Das Zeugnis einer Freien Schule unterscheidet sich fundamental von dem einer konventionellen Schule. Am Ende der 10. Klasse braucht es beides – die allerersten Zensuren im Schulleben und eine Rückmeldung, die das alles in den richtigen Rahmen setzt.

Sohn 4 war 9 Jahre auf der Freien Aktiven Schule in Karlsruhe und hat in diesen Tagen als externer Prüfling an einer regulären Werkrealschule seine Prüfung abgelegt. Sein Notendurchschnitt war unter 1,5, ihm stehen alle Wege offen, die er von nun an gehen möchte und seine Wunschschule hat ihn aufgenommen. Er hatte bis zur 6. Klasse überwiegend freies Lernen, nach eigenen Wünschen, neben täglich zwei (Schul-)Stunden „Fächerzeit“ – Deutsch, Englisch, Mathe. Freies Lernen, schreiben, wenn schreiben dran ist, Lesen, wenn Lesen dran ist, Rechnen lernen im eigenen Tempo, andere Inhalte nach Interessenlage, als Angebot.  An warmen und heißen Tagen viel Aufenthalt im Freien auf dem Schulgelände, Fußball spielen, auf Bäume klettern, arbeiten im Bauwagen, Kochen, Musik machen, Ausprobieren, Videos drehen, Unsinn machen, Lachen, Spielen, Tun. Von 8:30 bis 13:00 Uhr.

Ab Klasse 7 intensive Vorbereitung auf die später abzulegende Prüfung, mit Nachmittagsunterricht zweimal die Woche. Mit Lernbegleitern auf Augenhöhe und per „Du“, natürlich in einer sehr kleinen Einheit im Vergleich zu Schulklassen an konventionellen Schulen.

Die Leistungen aller waren sehr gut, sie sind – wie jeder Jahrgang vor ihnen – aufgefallen in den Prüfungen, als wissend, selbstbewusst, klar, offen, gut vorbereitet, motiviert.

Einsen und Zweien haben einen Wert – und der Wettkampf um die besten Noten (ich war doch das ganze Jahr besser als der in XYZ) vorhanden – aber doch nicht so relevant.

Wichtiger war und ist die Rückmeldung der Schule, so, wie sie es all die Jahre gekannt haben anstatt bewertet zu werden. Damit man sehen kann, was es bedeutet, wenn die Leistungen wertgeschätzt und nicht bewertet werden, habe ich (mit seiner Erlaubnis) hier zwei Auszüge aus den Rückmeldungen:

 

Kinder werden stark, wenn sie erfahren, dass das was sie tun, okay ist. Nicht, wenn sie dafür gelobt werden, sondern ohne Wertung beschrieben wird, was sie können. Kein „du hast das gut gemacht“, sondern „du hast Dir angeeignet“ und ähnliche Formulierungen. Natürlich wird ihnen gesagt, wie die Noten wären, hätten sie ein Prüfungsarbeit abgeliefert – das hilft in Hinblick auf die Vorbereitung zur Prüfung. Bis dahin hatten sie nie Noten. Und trotzdem haben sie alles gelernt, was wichtig war für die Werkrealschulprüfung.

Unser Sohn weiß im Großen und Ganzen, was er weiterhin möchte – für sich. Er hat sich für die weiterführende Schule entschlossen, für eine seiner Wahl – obwohl wir Eltern vermutlich eine andere Schule für ihn gewählt hätten. Er möchte (noch) keine Ausbildung machen.

Ich wünsche jedem Kind, dass es eine solche Schule besuchen darf. Ich wünschte, dass mehr von diesen Elementen in die reguläre Schule einfließen – und sie nicht durch Lehrende ad absurdum geführt werden, in dem sie Smileys statt Noten vergeben. Ich wünsche mir Wertschätzung für alle Schüler*innen – statt einen Überlebsnkampf in der Aussortierungesmaschine. Eine Schule für Alle bis zur Klasse 10. Ohne Noten, ohne Klassenarbeiten. Mit viel Freiraum bis Klasse 6. Ein gutes System.

Nicht verschweigen darf man, dass auch dieses System einer permanenten Evaluation bedarf, einer Beobachtung und Rückmeldung, Verbesserung und Anpassung. Nicht alle Kinder sind gleich, haben unterschiedliche Bedürfnisse. Eine Schule, die wertschätzt anstatt wertvolle Zeit mit Leistungsüberprüfungen zu vergeuden, kann das.

Habecks Vorschlag zur Hartz-IV-Reform verfehlt das Thema

Thema verfehlt, Inhalt nicht durchdrungen. Mangelhaft.

Mehr bleibt nicht vom großen Vorschlag des grünen Bundesvorsitzenden, der den großen Durchbruch in der Hartz-Reformierungswunschliste sein soll. Ähnlich wie Nahles'“Bürgergeld“-Vorschlag bleibt er im Ungefähren stecken und verweigert die Ursache der Misere zu benennen: den Kapitalismus.

Dabei fängt er gut an, er beschreibt die Dinge, wie sie sind (und holt damit die Leute ab):

Höhere Bildung ist für Kinder aus ärmeren Haushalten oder von Migrant*innen kaum zu erreichen. In unseren Großstädten können immer mehr Menschen die steigenden Mieten nicht bezahlen. Auf dem Land schließt die letzte öffentliche Bibliothek, Bus- und Bahnverbindungen werden eingestellt. Und es herrscht Pflegenotstand. Diese Probleme lassen sich nicht mit Sozialtransferleistungen bekämpfen. Nur die Kombination aus einer guten öffentlichen Infrastruktur, guter und fair bezahlter Arbeit und einer funktionierenden Einkommenssicherung schafft die nötige Sicherheit.

Der falsche Gedanke ist und bleibt: alle müssen sich irgendwie über Leistung das Vertrauen in die öffentlichen Institutionen zurückerwirtschaften können.

Er nennt als

zentrale Elemente eines neuen Garantiesystems:
• Anreiz statt Bestrafung
• Die Höhe der Garantiesicherung muss existenzsichernd sein
• Der Zuverdienst wird attraktiver, damit Menschen von ihrer Arbeit wirklich profitieren
• Das Schonvermögen wird deutlich angehoben.
• Die Zahlungen erfolgen bedingungslos, aber bedarfsgeprüft.
• Bündelung aller existenzsichernden Leistungen

Das Grundproblem bleibt die Idee, dass jede*r sich über Arbeit zu definieren hat, dass Gerechtigkeit und Zufriedenheit irgend etwas mit Geld zu tun haben könnte. Und an der Stelle kann man eigentlich aufhören zu lesen, weil auch das Habeck-System, bis es durch die Gremien und mögliche Koalitionen ist, sich nicht allzusehr von Hartz-IV unterscheiden wird. Wer Zahlungen an Bedingungen knüpfen möchte, diese aber Bedarf nennt, hat nicht im Ansatz begriffen, um was es tatsächlich geht. Die Beschreibung der Realität sind Lippenbekenntnisse – weil die Realität so weit weg ist von dem, was er erlebt und erleben kann, dass er es nicht durchdringt.

Das setzt sich fort mit „Leistungsprämien statt Sanktionen“:

Mit Arbeitslosen sollen die Jobcenter auch weiterhin Eingliederungsvereinbarungen schließen können, aber diese sollten belohnt und angereizt werden. Für diese Anreize sollen die Jobcenter einen eigenen Etat und verschiedene Instrumente der Förderung erhalten.

Wer funktioniert, wer sich dem Arbeitsmarkt unterwirft, der wird belohnt. Wer das nicht tut, wird damit nicht belohnt – also bestraft.

Bis hin zu

Eine Frage der Gerechtigkeit: Wer arbeitet, muss davon profitieren

ist dieser Vorschlag eine Fortsetzung der grünen „Fördern und Fordern“-Losung, mit der Katrin Göring-Eckart dieses unselige, menschenverachtende System so viele Jahre verteidigt hat. Nichts Neues also – als Nachricht bleibt übrig: „Grünen wollen Hartz-IV-abschaffen“ – und durch ein neues, gleichartiges System ersetzen.

Um  zurück zur Beschreibung zu kommen:

Höhere Bildung ist für Kinder aus ärmeren Haushalten oder von Migrant*innen kaum zu erreichen.

Woran das liegen mag? Das liegt an einem Schulsystem, dass immer noch sortiert, das vor allem Leistung in den Vordergrund stellt und so früh Weichen stellt, die bei Anfangsschwierigkeiten Einfluss auf den gesamten Schulweg haben. Höhere Bildung für alle wäre zu erreichen, schaffte man morgen die Noten während der Schullaufbahn ab und ersetzte sie durch ein System der Wertschätzung für jede Leistung. Dann ist es irrelevant, wie die Basis beim gemeinsamen Start war – alle werden gesehen, alle werden dafür geschätzt, was sie können. Das frappierendste Beispiel bleibt für mich dafür das unsportliche Kind, das es nach dem 20. Versuch endlich schafft, über einen Kasten zu springen, vielleicht seine Angst endlich überwindet – und das Kind aus dem Sportverein, das dies einfach „so“ kann. Die größere Leistung liegt beim ersten Kind, besser benotet wird das zweite Kind. Dabei erbringen beide im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas Großartiges. Relevant wird die tatsächliche benotete Leistung aber erst in der Frage, ob jemand diesen Sport z. B. zum Beruf machen möchte.

In unseren Großstädten können immer mehr Menschen die steigenden Mieten nicht bezahlen.

Das liegt an einem von der Leine gelassenen Wohnungsmarkt, der Umwandlung von sozial gefördertem Wohnungsbau und dem fehlenden Ersatz und Ausbau desselben. In den Städten wird es in guten Wohnlagen enger und teurer – auf dem Land baut man nur Reihenhäuser. Dort (hier!) wird man – etwas überspitzt formuliert – schon als Kommunist betrachtet, wenn man „Geschosswohnungsbau“ in den Mund nimmt. Instrumente, mit denen Leerstand reduziert werden könnte, aber in das Eigentumsrecht eingreifen, werden immer als „Enteignung“ gebrandmarkt. Aber ist das Ziel mehr Einkommen zu erzielen, um die höheren Mieten bezahlen zu können oder sollte das Ziel nicht besser sein, die Mieten wieder radikal zu senken?

Auf dem Land schließt die letzte öffentliche Bibliothek, Bus- und Bahnverbindungen werden eingestellt.

Weil auch diese Einrichtungen dem „Markt“ unterworfen sind. Eine Kommune, die finanziell schlecht ausgestattet ist, wird natürlich solche Einrichtungen schließen. So wird aus notwendiger Infrastruktur ein „nice-to-have“ – wie man es hier seitens der CDU-Bank immer wieder gerne formuliert. Wer aber keine Bücher kaufen kann und keine leihen, wer sich kein Internet leisten kann bzw. schon gar keine Geräte, um Inhalte gut darzustellen, anzuzeigen, zu bearbeiten – sondern mit altem Smartphone und einer Daten-Pre-Paid angewiesen ist, der hat keinen oder schlechteren Zugang zu Wissen.

Und es herrscht Pflegenotstand.

Weil die Bedingungen unerhört und unerträglich sind. Das wird seit Jahren beschrieben. Da aufzudröseln, sprengt den hiesigen Rahmen. Aber das fängt nicht nur bei der Bezahlung an. Sondern vor allem bei der Belastung. Und die geht einher mit: Pflege ist dem Markt unterworfen.

Also wäre der große Wurf, die richtige Antwort:

Wer möchte, dass alle Menschen in diesem Land dieselben Chancen haben, muss sie freistellen von der täglichen Existenznot. Wer einsieht, dass es Menschen gibt, die nicht unter kapitalistischen Bedingungen arbeiten möchten oder können, muss ihnen ihre Entfaltung ermöglichen – steht eigentlich so im Grundgesetz. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, auskömmlich, mit angemessenem Wohnraum und freien Zugang zum Internet, zu ÖPNV, zu Bibliotheken und Museen, zur öffentlichen Infrastruktur, die komplett zurück muss in die öffentliche Hand. Von der Wiege bis zur Bahre. Das wie eine negative Einkommenssteuer wirkt und daher hohe Einkommen davon ausnimmt – sodasss nicht auch derdie Zahnärzt*in oder derdie Erb*in Grundeinkommen ausbezahlt bekommt. Steuergerechtigkeit herzustellen – zurück zur hohen Besteuerung hoher Einkommen und dem Schließen von Steuerschlupflöchern – um all das adäquat finanzieren zu können. Denn das Geld ist da – aber so wie die Armut-Reichtumsschere immer weiter auseinandergeht (in den westlichen Staaten), landet es offenbar bei denen, die eh schon zu viel haben.

All das bietet das Habeckpapier nicht – und lässt natürlich das größte Problem außer Acht: Zeitarbeit, Werkverträge und Personalvermittlung, privatisiert und ein wesentliches Erpressungsinstrument der Jobcenter. Und mit einem großen Anteil an der Tatsache, dass Arbeit heute nicht mehr auskömmlich für viel zu viele Menschen ist. Ein Grundeinkommen würde diese einfach vom Markt fegen – wei niemand mehr zu diesen Bedingungen arbeiten müsste. Aber da kneift die grüne Partei. Wie eh und je.

von hochbegabten Kindern, Schule und irgendwas mit Digitalisierung

Das Netz ist empört. Da sagt doch tatsächlich jemand

„Wo in Klassenzimmern der Schimmel die Wände hochkriecht und Schulklos verstopft sind, reicht es nicht, Tablets und WLAN bereitzustellen“, sagte DGB-Vizechefin.

Und das, wo es doch jetzt endlich, endlich Geld geben soll für diese Digitalisierung der Schule. Frau Wanka, ihres Zeichens fast gänzlich unbekannte Bildungsministerin, was ja schon ein Licht auf die Problematik wirft, wird folgendermaßen zitiert:

Bis 2021 sollen über einen „DigitalPaktD“ 5 Milliarden Euro Bundesmittel in die Digitalisierung von Schulen fließen. 40.000 Schulen in Deutschland (alle außer Förderschulen) sollen einen Breitbandanschluss, WLAN und Computer bekommen.

Ich bin sicher, da sind nicht nur Förderschulen vergessen worden, sondern auch die privaten Schulen.

Und, dieses Netz ist auch ganz aufgeregt. Da gibt es jetzt so einen Kleinstcomputer, der Calliope heißt und nicht weniger als das ganze Schulsystem revolutionieren soll, wenn man der „Zeit“ glauben möchte. Und das Saarland macht den Anfang. Das Saarland. Ich bitte Euch!

Die vielleicht größtmögliche Umwälzung des deutschen Schulsystems passt in eine Hand. Sie heißt Calliope mini. Es handelt sich um einen Kleinstcomputer auf einer Platine, mit dem alle, wirklich alle Kinder in Deutschland schon in der Grundschule lernen sollen, wie IT funktioniert. Das ist der ambitionierte Plan des Kölner Unternehmers Stephan Noller, und er ist damit schon erstaunlich weit.

und

Digitalkunde als Pflichtfach ab der ersten, spätestens ab der dritten Klasse – für Noller ist das zwingend nötig, um die kommenden Generationen auf die digitale Gesellschaft vorzubereiten.

Herr Noller hat also was produziert und das an das saarländische Bildungsministeriun verkauft. Könnte ich mir vorstellen. Jetzt wird es klarer.

Beides gehört zusammen. Denn beides zeigt, wo es bei der Bildung krankt. Da ist die Idee, dass W-Lan und Internet aus der Schule ausgeschlossen werden muss. Weil die Kinder ja nur daddeln – wie die Bildungsministerin in einem Anfall von Jugendsprache sagt. Denn ohne diese Idee wären Schulen wie viele anderen Einrichtungen zuallererst an das Wissen der Welt angeschlossen worden. Der Umgang mit Internet, Smartphone, Kommunikationsapps und Apps zur Wissensgewinnung ein ganz normaler Teil des Unterrichts geworden. Und wenn Lehrer*innen bereit wären, Dinge anders zu machen, so in der heutigen, digitalen Welt. Ein angemessener Bestandteil des Unterrichts in allen Fächern könnten Laptops und Tablets sein – bis hin zu solchen Aufgaben:

Finde die Antwort auf die Frage mit Hilfe des Internets, gebe sie in eigenen Worten wieder und benenne Deine Quelle.

Ob das dann „Laptopklassen“ sind oder was anderes, ist dabei schnurz. Sorgt dafür, dass Kinder, deren Eltern die Digitalisierung ihrer Kinder ablehnen und sie von entsprechenden Geräten fernhalten, aus welchen Gründen auch immer, den Umgang mit den entsprechenden Geräten und Programmen erlernen können.  Wichtig ist aber, dass Kinder auch lernen, das Wissen anders zu erlernen ist. Durch Spielen, durch Fragen, durch Bücher, durch Filme, durch Erfahren, durch besichtigen, durch tun. Und noch wichtiger – dass es keine Lehrer*innen braucht, die ihnen dieses Wissen eintrichtern oder gar noch die Wiedergabe bewerten.

Du hast eine Antwort auf die Frage gefunden, deine eigenen Worte gefunden. Du hast die Quelle nicht angegeben, obwohl das die Aufgabenstellung war.

Wie schön das wäre. Leider stünde heute in Regelschulen:

ungenügend, weil keine Quellenangabe, daher keine Punkte möglich

drunter.

Und damit sind wir beim Problem des „Calliope“. Bei einem von zweien, die ich benennen möchte. Erstens wird die Arbeit mit diesem Ding bewertet werden

Nenne mindestens 5 auf der Platine aufgebrachten Bauteile oder Verschaltungen
Aus welchem Material sind die Lötstellen
Wo finden Platinen ihren Einsatz?
Aus welchem Land kommt Zinn?

(und sicherlich keine Frage zu den Produktionsbedingungen dieses Wunderdings – aber das nur ganz am Rande)

und ähnlich schlaue Frage, für die man Noten geben kann.

Und zweitens geht die Einführung dieses Dings ja mit der Frage nach dem Pflichtfach „Informatik“ einher. Eine Frage, über die ich in der BAG Medien der GRÜNEN schon lange mit Leuten wie Richard streite oder auch Alexander Salomon, grüner MdL in Baden-Württemberg aus Karlsruhe.

Ich muss möglicherweise nicht sagen, dass ich vollkommen gegen ein Pflichtfach Informatik bin. Ich bin überhaupt gegen Pflichtfächer vor der 7. Klasse – von Grundlagen wie Mathe, Deutsch und eine zweite Fremdsprache abgesehen. So, wie ich gegen Noten und Zeugnisse bin. Außer da, wo sie notwendig sind (Abschlüsse) oder von den Kindern verlangt werden. Es gibt dafür vielerlei Gründe.

Ein Pflichtfach Informatik – gar schon in der Grundschule – ist in meinen Augen völliger Humbug. Die Idee, das alle verstehen sollen, wie etwas funktioniert, wie Computer funktionieren, wie Richard permanent davon schwärmt, dass „coden“ die Sprache ist, die bald alle sprechen müssen, um die Welt zu verstehen, dass man verstehen muss, wie die digitalen Instrumente funktionieren – ist ein elitärer Ansatz, der das eigene Verständnis über alle anderen stellt. Die Idee ist zutiefst diskriminierend – gegenüber all denen, die damit nicht umgehen können oder wollen. Kein Mensch interessiert sich dafür, wie Lichtschalter funktionieren – man bedient sie, das Licht geht an und wenn es nicht mehr geht, kauft man nen neuen oder ruft den Elektriker.

Darüber hinaus ist der Gedanke, dass das auch noch alles in der Schule passieren soll, als Pflicht, mit der Bewertung von Lehrer*innen – der Grundstein dafür, dass es wirklich ein Rohrkrepierer werden wird.

Kinder brauchen die Freiheit, zu entdecken, wer sie sind, was sie wollen. Sie brauchen Anregungen und Angebote, die Freiheit, Fehler zu machen, ohne dass die Welt untergeht (ungenügend!) und daraus zu lernen. Sie brauchen ein wertschätzendes Umfeld, keine Noten. Sie brauchen eine Ecke in der Schule, in der sie das Angebot annehmen können – und es auch wieder lassen. Weil sie es wollen. Egal, ob es Computer, Coden oder das Aufschneiden von Mäusen oder Klavierspielen geht.

Wenn man die von ihnen genutzten Geräte – Smartphones, PCs/Laptops/Tablets in den Schulalltag integriert, dann wird man erleben, das sie mehr oder weniger von alleine lernen, damit umzugehen. Wenn man mit Ihnen Schreibtraining macht und die Powerpoint-Präsentation bewertet – und keine Alternativen zur Präsentation lässt – dann wird man sie eher davon abhalten, zu lernen, wie man E-Mails schreibt, asynchron und synchron kommuniziert, Bewerbungen schreibt, Bilder bearbeitet und so weiter. All das, was man jetzt gerne als Pflichtfach, abfragbar in die Schule bringen möchte.

Wir haben einen hochbegabten (hier der Test, nachdem gewertet wurde) Sohn.

Befund Auszug

Befund Auszug

Es ist nicht ganz so wie im Film „Mein Sohn, der Klugscheißer„, den wir auch gesehen haben. Kind 5 ist überaus interessiert an der Welt, löchert uns mit allem möglichen, ist strukturorientiert (und damit konträr zu mir, was mich sehr wahnsinnig macht). Er hat eine hohe soziale Kompetenz, rechnete schon vor der Grundschule mit negativen Zahlen (die er sich mittels Wetterberichten selbst beigebracht hatte), spricht eine sehr gewählte Sprache. Computer sind für ihn Zeugs zum spielen, etwas, womit er seine Wetterstation auslesen kann, Videos schauen. Er interessiert sich schlicht weder fürs coden noch dafür, wie so ein Ding funktioniert. Kommt vielleicht noch. Vielleicht auch nicht. Minecraft würde er spielen – wir fragen uns gerade, ob es dafür nicht noch ein bisschen früh ist (er ist 8).

Er lernt Dinge „einfach so“. So ging es mir früher auch. Dinge gehen in den Kopf – oder eben nicht. Stures Auswendiglernen und einfaches Reproduzieren – fiel mir schon immer schwer.  Für abgekürzte Rechenwege bekam ich immer Punktabzug….Auch J. hat nur einen Durchschnittswert dafür – was den Rest nach fast beängstigender macht.

Ein Zwang, etwas zu erlernen, würd‘ ihn erschrecken. Wenn wir ihn zum Lesen anhalten, kommt „jetzt kommt wieder was mit Lesen, gell Papa?“. Er geht auf eine freie, aktive Schule. Konzeptioniert als Montesorrischule, an die Erziehungsmethoden der Wilds angelehnt. Ein Glücksfall für uns. Als es endlich dran war, das mit Lesen und Schreiben so nach Norm, in der zweiten Klasse bei ihm (zur Beruhigung seiner Eltern), hat er binnen 4 Monaten Schulzeit „Lies mal“ Heft 1 bis 6 durchgearbeitet. Danach war das erst einmal durch. Jetzt ist halt was anderes dran. Parcours. Micky Maus. Minecraft, Natur. Dinge, die sein großer Bruder macht – wie Jogginghosen und Turnschuhe tragen (es ist schlimm! :-)). Er ist dran. Um zu wissen, was er lernen möchte, muss er rausfinden, wer er ist. Das lernt er nicht, indem man ihm Wissen eintrichtert und bewertet – sondern wenn er Angebote hat und rausfinden kann, was ihm Spaß macht – und dass er Dinge falsch machen kann, sich irren kann, sich umentscheiden. Sein größtes Problem eigentlich derzeit – alles muss perfekt sein, sonst ist es nichts. In der Regelschule würde er untergehen. So wie ich untergegangen bin, der ich alles, aber wirklich alles in Frage gestellt hab. Wenn man mich ließ – habe ich nur Einsen geschrieben – in der 10. Klasse in Französisch zum Beispiel (Danke, Herr Zell!). Wo man mich zwang, war ich schlecht. Das werden wir ihm ersparen. Der IQ-Test hat viele Empfehlungen für Förderschulen. Alles, restlos, ist auf „Erfolg“ ausgerichtet. Wir werden ihn erst einmal noch auf der Freien Schule lassen. Damit er seinen Weg findet.

Und so sollte es allen Schüler*innen gehen. Sie sollten Zeit haben, ihren eigenen Weg zu finden, Jahre, nicht Monate. Gemeinsam mit anderen Kindern, inklusive Inklusionskindern. Ohne dass „Bildungsexperten“ und Lehrer*innen meinen, sie könnten ein Individuum und das, was es tut bewerten. Ich denke mit Grausen an den Kunstunterricht zurück…Um ihre Neigungen und Fähigkeiten für die Berufswahl einschätzen zu können, kann man sie testen – wenn sie alt genug sind. 15 oder 16 Jahre. Vorher kaum. Außer, sie drängen, wollen es unbedingt – wie hochbegabte Kinder es manchmal tun (oder eben auch nicht).

Ob er all das mit oder ohne Laptops lernt, ist dabei egal. Ich teile die Einschätzung, dass die Welt sich zunehmend und zusehends digitalisieren wird, dass man also wissen muss, wie diese Dinger zu bedienen sind – Roboter, Fahrkartenautomaten und der Fernseher oder das Tablet. Damit das alle lernen können und jedeR dieselben Chancen hat, muss das  Angebot in der Schule da sein – in Form von Alltagsintegration. Alles andere ist elitäres Gehabe, das eigene Wissen über das Anderer stellen, weil es ja SO toll ist. Ist es nicht. JedeR ist anders. Dem Raum zu geben und die Kinder dazu zu bringen, herauszufinden, WIE anders – das wäre das Bildungsziel einer Schule.(und das würde nebenbei noch alle Probleme von Kindern mit Migrationshintergrund im Schulsystem, wie Julia es beschreibt, beheben)

Alles andere kommt von alleine – in einem fördernden Umfeld. Achso – und in dem sollte definitiv keine Schimmel die Wände hochkriechen und die Fenster dicht sein und die Heizung nicht kaputt.

Und das ist die Bildungs-Revolution, die ich mir wünsche. Und Herrn Noller weiterhin gute Geschäfte.

Orientierungslosigkeit

Da steht es, in einer Umfrage einer Studentin der Uni Landau zu Antiziganismus, unter „allgemeine Einstellungen“:

umfrage

Ist das so? Ist es so einfach, so profan?

Ich vermute ja.

Orientierungslos, überfordert von einer unüberschaubaren Schwemme an Informationen. So sucht man sich einfache Antworten – dann kann man am Wochenende auch noch was unternehmen und muss keine Zeitung lesen? So ungefähr?

Woher könnte aber Orientierung kommen, für all die Orientierungslosen? Damit sie wissen, was los ist?

Daher?

(1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.

Ich bin nicht überzeugt. Meine Hauptkritik an „meiner“ grünen Partei besteht vor allem darin, dass sich mehr und mehr in Wohlgefallen verflüchtigen. Nicht auf dem Papier, nicht in der Meinung der meisten, die in dieser Partei arbeiten – aber im praktischen politischen Handeln wird der Kompromiss als Allheilmittel gepredigt – wo oft genug die viel beschworene Haltung gefragt wäre, das Nichtweichen, das Beharren auf der ursprünglich erhobenen Forderung.

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft nebenher auf Youtube Konstantin Wecker. Unter andrem die wunderbare Aufzeichnung des gemeinsamen Auftritts mit Reinhard Mey und Hannes Wader „Es ist an der Zeit“.

Unbeugsamkeit, Rückgrat. Lernen aus der Vergangenheit. Bettina Wegner formulierte es so:

Menschen ohne Rückgrat, ha’m wir leider schon zuviel

und es nimmt Formen an. Kritik ist verpönt, Nachfragen untersagt. Vor einigen Monaten/Jahren wurde die Debattenmailingliste der LAG Bildung in Baden-Württemberg geschlossen, weil sich per Mail eine Diskussion um Informatikunterricht entsponnen hatte – einhergehend mit einigen Mails und einer scharfen Debatte zwischen Alex Salomon und mir (zu dem ich nach wie vor ein gutes Verhältnis habe). Die Reaktion war: Abmeldungen von der Liste und dann die Schließung dieser Liste durch die LAG-Sprecher_innen – Debatten werden in einer politischen Partei nicht mehr ausgehalten. Warum dann aber in einer Partei sein? Es gibt eine Gruppe „Linke in baden-Württemberg“. Gegründet in den Nullerjahren, hat man zu Beginn Sommerakademien gemacht, sich getroffen, diskutiert. Heute schafft man es gerade noch so, sich regelmäßig zu treffen und über Personalentscheidungen zu diskutieren – das vordringliche Ziel der Abgeordneten und Funktionsträger*innen in dieser Gruppierung. Aus einer inhaltlichen Partei wurde mehr und mehr eine Leiter für die Karriere Einzelner. Wie soll so eine Gruppe, so eine Partei bei der politischen Willensbildung mitwirken?

Orientierungslos ist, wer keinen Plan hat, keine Landkarte. Keine eigene Meinung, nur nachplappert – oder sich überfordert fühlt. Wer sich überfordert fühlt, kann Dinge offenbar nicht einordnen. Nachrichten einordnen in den eigenen Wertekanon. Ein Wertekanon, der sich entwickeln muss. Der geformt wird. Vom Elternhaus, dem sozialen Umfeld, der Schule, am Arbeitsplatz, der Universität. Heute ist es verpönt, Stellung zu beziehen. Stellung beziehen stört. Stört bei der Karriere, egal ob in Politik oder sonst. Wir leben in einer Welt der sozialen Netzwerke, unser Leben hat mit dem Internet und seiner sozialen Infrastruktur eine weltweit nachlesbare Antwort auf die Frage: „wie tickt der?“ möglich gemacht. Also lassen wir das doch lieber mit der Haltung und der Stellung beziehen. Vor Facebook-Kommentaren wird ja nicht umsonst seitens diverser Bewerbungstrainer*innen gewarnt.

Orientierunglos ist man, wenn man das Gefühl hat, man kann nicht mithalten, man kann sich vor allem nicht wehren gegen die überbordende Erfahrung und rhetorische Gewandheit eines politisch Engagierten. Dann lässt man es doch gleich lieber. Ich stand mit 17 zum ersten Mal an einem Mikrofon, in einer vollen Halle bei einer CDU-Veranstaltung und hab einfach gesprochen, über Krieg und Frieden und Innenpolitik. Ich hab mich nicht einschüchtern lassen.

Wo wird heute diskutiert? In Talkshows im Fernsehen wird es vorgekaut, innerhalb von Minuten werden komplexe Themen durchlaufen, Lösungen zu bieten. Keine Auseinandersetzung, und wenn dann eine rein plakative – kein Wunder, dass AfDler so begehrt sind, ebenso wie früher die Piraten. Überlegen, nachdenken, lernen. Ich erinnere mich, dass ich mit 13 einerseites „Atomkraft-Nein Danke“ auch auf französisch formulieren konnte – mit 22, als Laie, als Nichtphysiker, konnte ich das Trenndüsenverfahren erklären.  Ich habe mich auseinander gesetzt, mit Atomkraft, mit Erneuerbaren Energien, mit Stromsparen, mit Klimawandel. Das ging, trotz Familie mit 4 Kindern, einem 60-Stunden-Job und Freizeitstress.

Heute geht das für viele offenbar nicht mehr. man spricht von Freizeitstress, viele Menschen sind mit Selbstoptimierung oder dem nächsten spannenden Event beschäftigt. Wenn man dreimal die Woche ins Fitnesstudio muss, alle 14 Tage zum Friseur und Nageldesigner, die Kinder zu Klavier, Nachhilfe und Sportplatz gefahren werden müssen – wo bleibt da noch die Zeit um nachzudenken über die komplexe Welt mit ihren mannigfaltigen Problemen? Wen interessiert es da noch, ob für die Ernte vom Nescafé und Kakao für die Nutella Kindersklaven benutzt werden? Und wenn’s keiner weiß oder wissen will – warum in aller Welt sollten sie dann den Kauf boykottieren? Es fehlt das Bewusst-sein.

Alle Welt spricht von einer Verrohung der Debatte, herbei geführt von einem Rechtsruck, wie man ihn sich vor 10 Jahren nicht hätte vorstellen können. Fehlende Empathie für Geflüchtete, die an die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber den Schicksalen der von den Nazis verfolgten Bevölkerungsgruppen erinnert. Gleichzeitig wird offenbar, dass grundlegendes Wissen fehlt – bspw. um die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes:

(2) In keinem Falle darf ein Grundrecht in seinem Wesensgehalt angetastet werden.

Da wird munter über die Wiedereinführung der Todesstrafe oder die Abschaffung des Asylrechts schwadroniert – oder ganz aktuell, die Ausweisung von türkischstämmigen Anhängern Erdogans.

Dieses Grundgesetz zu achten, seinem Geist Leben einzuhauchen, durchzusetzen, was es verspricht und anmahnt, sich selbst einzuschränken, sich selbst dazu druchzuringen, nicht nur an sich selbst, sondern die anderen zu denken, die ebenso wie man selbst eine unantastbare würde sowie das gleiche Recht auf Unverletzlichkeit haben – anstrengend. Unnütz. Gutmenschentum. Moralinsauer.

Weil es, so ist es, an politischer Bildung fehlt. Zu guter Letzt. Weil man leichter „Merkel muss weg“ ruft – anstatt zu sagen, wie denn eine bessere Republik aussehen könnte.  Orientierungslos, nur dem eigenen Gusto nach wird durch das Land gepoltert, den ‚Stammtisch immer im Gepäck. Für sich selbst die maximale Rücksicht und Sonderregeln verlangen – Hauptsache, man kommt nicht zu kurz.

Dass aber Orientierung auch und vor allem daran wächst, dass man am Leben anderer teilnimmt, andere Perspektiven einnimmt, Verständnis und Verstehen entwickelt, diese wunderbare Verfassung, die weitaus besser ist als ihr Ruf und ihre Umsetzung, verteidigt – das ist  beinahe unbekannt heute. Kein politischer Trick wie „sichere Herkunftsländer“ ist legitim, um den Artikel 16 zu beschädigen. Keine Dauerüberwachung zur Aushöhlung der Unverletzlichkeit der Privatsphäre und das Postgeheimnis. Keine Zweiklassenmedizin mit „mehr Wettbewerb“, mit der Privilegien verschafft werden und die in politischen Forderungen nach dem „sozialstaatsverträglichen Frühableben“ gipfelten.

Wer Orientierung braucht, sucht sich welche. Wir alle müssen dafür sorgen, dass es eine ist, die auf dem Boden des Grundgesetz steht. Wir müssen für MEHR Gemeinsinn streiten – und für weniger Egoismus. Gesetze, Regeln, Moral Kultur werden sich nur verändern, wenn alles hinterfragt UND für etwas besseres gestritten wird. Den Missstand zu verwalten und das dann „Verantwortung“ zu nennen, ist billig – und verantwortungslos. Noch lange nicht ist die humanistische Botschaft des Grundgesetzes umgesetzt, wahre Demokratie geschaffen.

wo Bildung versagt

ich war mal ein Fan von Stefan Raab. Als TV Total noch einmal die Woche oder so kam, die Gags noch originell waren und er kein Superstar, bevor die Bühne hin und her fuhr – zu „Maschendrahtzaun“-Zeiten oder „Gebt das Hanf frei“.

Heute bin ich bei Facebook auf dieses Video gestoßen:

Im ersten Moment musste ich lachen, teilweise ist es echt absurd. Man hat ja immer die Hoffnung, dass das alles gestellt ist.

Dann eine Diskussion bei Facebook dazu – und dann war ich auf einmal mitten im Berufsleben und in der Politik – und mir war klar, dass das ganze nicht lustig ist.

Da werden junge Menschen vorgeführt – egal ob gestellt oder nicht, denn es gibt tatsächlich Menschen, die schlicht ungebildet sind, keine Ahnung haben, wie viele Menschen in Deutschland leben oder nicht in der Lage sind, einzuschätzen, wie viel Prozent von irgendwas 10.000 Menschen sind. Auch damit habe ich manchmal zu tun.

Wenn man wie ich daran glaubt, dass kein Mensch dumm geboren wird – dann ist es ein gesellschaftlicher Skandal, dass es menschenmöglich ist, sich so um Bildung herumzudrücken, dass Kindern die Möglichkeit nicht gegeben wird, schlau(er) zu werden. In Kindergarten und Schule ist es oft genug so, dass Lehrer_innen oder Erzieher_innen resignieren. Wir kennen Berichte aus Problemschulen, aus Kindergärten mit „bildungsfernen Elternhäusern“. Es gibt kein Geld für intensivere Betreuung, andere Bildung. Diese Menschen werden dann, wenn sie aus dem „kostenlosen“ Schulsystem fallen, aber zum gesellschaftlichen Problem. Sie bekommen keinen Ausbildungsplatz oder oft genug nur eine Hilfsarbeit. Unter 25 Jahren greift Hartz IV nicht – sie sollen noch zu Hause wohnen und fallen in die Erwerbsgemeinschaft. Ja, es gibt Programme für Menschen unter 25 – aber da ist es doch eigentlich längst zu spät. Ich treffe hin und weider auf Menschen, die noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss haben – wie kann sowas zugelassen werden? Die Unfähigkeit zur Eigenverantwortung oder die der Eltern – das hätte doch in den Jahren zuvor jemand feststellen können?

Erst wenn diese Menschen kostenpflichtig ins System kommen – Hartz IV, Erziehungsberatung, Maßnahmen, Drogen, Knast – dann auf einmal wird gejammert. Und über sie gelästert.Sie diskriminiert. Vorgeführt. Ausgelacht. Wie bei Stefan Raab – oder eben als „Sozialschmarotzer“ bezeichnet. Wer kennt sie nicht, die „Problemviertel“ in seiner/ihrer Stadt, wo sie dann wohnen?

Vielleicht ist der Weg, de ich bisher vertreten habe – erst Qualität in die Kitas zu bringen und sie dann verpflichtend zu machen, doch nicht der Richtige? Und warum wollen wir Qualität – aber wo bleibt die Offensive? Ich hatte schon einmal eine sehr harte Auseinandersetzung mit Grünen, als ich vorschlug, aus den Frauen, die von der Schleckerpleite betroffen waren, diejenigen zu identifizieren, die eine Umschulung zur Erzieherin machen können. Ich erlebe immer wieder, dass gerade die Hürde Englisch für den Erzieher_innenberuf eine hohe Hürde ist – wusstet ihr, dass immer noch Leute von der Schule abgehen, die kein Wort Englisch sprechen können, oder dass Lehrer_innen Leute aus Englisch rauswerfen, weil sie es eh nicht könnten? Höre ich immer wieder. Auch die Hürde für die Kinderpflegerin ist hoch – und trotzdem gibt es viele junge Menschen – Frauen und auch Männer – die diesen Beruf ausüben könnten. Hilfskräfte im Kindergarten, die Erzieher_innen entlasten – und so den WEg frei machen für mehr Qualität.

Als Gemeinderat weiß ich: das kostet Geld. Aber kostet es denn am Ende nicht nur noch mehr Geld, wenn wir es weiterhin zulassen, dass das System an den Kindern versagt? Und kostet es nicht noch weitaus mehr Geld, diese Menschen durchs Sozialsystem zu schleifen?

Gemeinden – die Träger_innen der Kindergärten und KiTas, können das nicht allein tragen, das ist klar. Es muss Geld her.

Halbzeit – Endzeit?

ampelmannIch hadere wie seit langen nicht mehr mit meiner Partei. Seit der BDK13 sind ein paar Tage vergangen und noch immer hat meine zornige Rede (es gibt keinen Redetext, ich hab sie frei gehalten und leider hab ich noch kein Video davon, bemühe mich aber weiterhin darum) ein paar Schwingungen, die ich zwar so erwartet habe – aber leider merke ich, dass ich mich noch immer nicht ganz beruhigt habe. Ich schaue nicht nur skeptisch, sondern ein wenig überkritisch auf das, was vor allem im Landesverband Baden-Württemberg passiert. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass ein aufgebrachter Winfried Kretschmann versucht hat, mich nach der Rede wenige Meter vom LV NRW entfernt zusammenzustauchen. Es war ein eindeutiger Versuch, mich klein zu machen. Während der rund 5 Minuten hat er laut geredet, mich permanent unterbrochen, herumgefuchtelt, mir keine Sekunde lang zugehört. Er hat mir seine Wahrnehmung der Dinge um die Kritik, die von Boris, ihm und Dieter Janecek aus Bayern – das sind die drei, die ich in der Rede benannt habe – am Steuerprogramm versucht, in den Kopf zu schreien. Leider bin ich weder ängstlich noch für sowas empfänglich – ich lass mich gerne überzeugen, aber nicht zusammenschreien. Kein gutes Beispiel für die Politik des Gehörtwerdens – die wohl nur für ausgesuchte Politikfälle gelten soll und innerparteilich gar nicht. Winne Hermann meinte hinterher, dass ich kaum davon ausgehen kann, dass ich Leuten auf die Füße treten und ihnen noch vor die Füße spucken kann und trotzdem für nett gehalten werden kann. Nunja, ich trenne innerlich die Kritik am Verhalten der Person von der der Person selbst – will heißen, in der politischen Auseinandersetzung kann es auch mal spitz oder in klaren Worten zugehen – hinterher sollte man immer noch gemeinsam ein Bier trinken können. Das schaffen andere offenbar nicht. Und vor allem glauben mir das genau die, die das nicht schaffen, nicht. Selten wurde mir das so klar wie nach dieser BDK.

Zur Wahlanalyse hat aber denke ich, Steffi Lemke das gesagt, was gesagt werden musste. (keine Ahnung, warum der Youtuber alle Reden hier verlinkt, aber ihr könnt ein paarmal auf nächsten Beitrag klicken, dann hört ihr Steffi)

Zurück ins Land. Kretschmann hat jedenfalls einen langen Brief geschrieben, mit der er seine (also die Sicht der Regierung) auf die Bilanz der grün-roten Regierung zieht. Selbstverständlich eine positive Bilanz, ein wenig Selbstkritik – nicht alles geht, manches geht langsamer, aber wir haben ja auch noch viel vor – die ich auch größtenteils teile. Und Winfrieds Verdienste um die Endlagersuche können gar nicht hoch genug geschätzt werden. Hier hat er einen gordischen Knoten durchschlagen.

Was bleibt ist dieses Gefühl des Unwohlseins – zu vieles ist ungereimt. Die Bildungspolitik wird gelobt – wiewohl sie der Teil der Landespolitik ist, der am stärksten in der Kritik steht. Dabei sind die Anwürfe der Opposition kaum ernst zu nehmen.Aber eigentlich müsste über dem Brief als allererstes stehen: wir sanieren den Haushalt. Nun, das ist notwendig, schließlich waren wir da auch immer für – aber diese widerstandslose Unterwerfung unter die Schuldenbremse tut schon weh. Vor allem, wenn im gleichen Atemzug Steuererhöhungen auf Bundesebene widersprochen werden. Zumindest solchen, die die „Wirtschaft“ treffen (wobei es ja vor allem die Unternehmer_innen und Geschäftsführer und ihre persönlichen Einkünfte waren, die wir gemeint hatten). Die Schuldenbremse ist faktisch falsch. Besser wäre es gewesen, Ausgabenbereiche davon auszunehmen und vor allem darum zu kämpfen – wie die Bildung.

Da ist einerseits der Stellenabbau bei den Lehrer_innen. Die demokraphische Rendite wird kaum reinvestiert. Es wird argumentiert, dass wir 20% weniger Schüler_innen haben  werden und nur 10% der Lehrer_innenstellen abbauen. Das mag richtig sein, aber ein einfaches Verständnis der Grundrechenarten hülfe. Wenn 20% weniger Schüler_innen über das Land weniger da sind – so sind das bei einem Klassenteiler von 30 maximal 6 Schüler_innen weniger. Das bedeutet, dass   Lehrer_innenstellen frei werden, mindestens 4 Klassen bestehen müssen. Größere Klassenteiler würde man kaum in Kauf nehmen. Das heißt aber auch: in allen Schulen, in denen keine 4 Klassen eines Jahrgangs bestehen, kann nicht ein Lehrer_instelle abgebaut werden, ergibt sich keine Rendite. DASs Gemeinschaftsschule eher Schulstandortsicherungsmaßnahme ist als eine neue Bildungspolitik kann ich am eigenen Ort wahrnehmen – meine Kinder werden wohl weiterhin zur FASKA gehen. In der Debatte um die Abschaffung des Sitzenbleibens hat man gut gemerkt, wie mutig unseres Bildungspolitik tatsächlich ist. #nicht. So bleibt die Demütigung weiterhin  bestehen und dass der MP meint, das „solle man nicht so ernst nehmen“ zeigt von wenig Fingerspitzengefühl.

Dann ist da die Sache mit den Studiengebühren. Die Ministerin war schon immer gegen die Abschaffung der Studiengebühren. Nun sind sie doch im Koalitionsvertrag gelandet und wir haben sie abgeschafft – was richtig war. Im Sommer, mitten im Wahlkampf jedoch, überraschte uns erst die Fraktionsvorsitzende Sitzmann mit Plänen für Studiengebühren für Nichteuropäer – und jetzt aktuelle im Entwurf des Landeshochschulgesetzes findet sich der Plan, Gebühren, bspw. für Eignungstests von einer Kann-Bestimmung in eine verpflichtende Gebühr umzuwandeln. Eine Studiengebühr durch die Hintertür sozusagen. Das mag etwas pointiert formuliert sein – aber letztendlich ist es so. Oder wie Campusgrün es formuliert:

„Wenn wir damit beginnen, flächendeckend und verpflichtend kostenpflichtige Eignungstests für Studienbewerber*innen einzuführen, werden sich viele in Baden-Württemberg um kein Studium oder nur noch um ausgewählte Hochschulstandorte bewerben können.

Das sind nur die Punkte, die mir akut zu schaffen machen. Die Bürgerbeteiliugung ist beim Nationalpark gut umgesetzt worden, trotzdem bleibt verbrannter Boden und man weiß nicht so recht, wie man das hätte verhindern können. Das ist das nach wie vor fehlende Informationsfreiheitsgesetz, das uns als Bürgerrechtspartei eigentlich auf den Nägeln brennen sollte. Da sind in meinen Augen Versäumnisse in der Asylpolitik, bis hin zur Verharmlosung der Situation der Roma im Kosovo, die mit allem Recht viel Kritik in der Bundespartei gesorgt hat. Von der Zivilklausel will ich gar nicht reden, ein unerträgliches Geschehen. (dazu findet sich kein Wort im Brief vom MP).

Die absehbare Neuwahl des Landesvorstands tut dann ihr Übriges. Der Realoflügel wird im Parteirat nicht durchzocken, warum auch. Der linke Flügel wird  eingebunden bleiben, ich wette aber darauf: vor allem durch die Fraktionen. Mich würde es kaum wundern, wenn kaum ein linker oder ungebundener Basisvertreter_in weiter im Parteirat verbliebe. Aber selbst wenn – der zukünftige Geschäftsführende Landesvorstand ist durch den Weggang von Harald Dolderer, der als Schatzmeister sich an die Neutralität weitgehend gehalten hatte,  zukünftig vom Realolager dominiert. Das Tagesgeschäft wird also zukünftig auch in der Partei von denen formuliert werden, die sich weitgehend mit dem einverstanden erklären, was in Fraktion und Regierung passiert – schließlich ist das dass, was „real“ möglich ist. Visionen für eine emanzipatorische Politik vermisse ich.

Ob ich dafür weiterhin zur Verfügung stehen möchte, also den Wunsch habe, den ich mit meiner Bewerbung ausgedrückt habe, daran zweifle ich. Ich befürchte und nehme wahr, dass der Einfluss des Parteirats schrumpft. Kretschmann äußert sich so (in Frage der Trennung von Staat und Kirche):

„Wenn ich nicht aufpasse, fasst meine Partei immer laizistische Beschlüsse“

Nun, das gilt auch für andere Beschlüsse. Was das für das Parteiprogramm bedeutet, mag ich mir derzeit nicht auszumalen. Insofern könnte das Zeichen, dass man nicht immer selbst alles machen muss, vor allem, wenn es nichts zu machen gibt, immerhin eines sein. Ich weiß es nicht – aber es ist ja noch ne Woche hin 🙂

mehr freie demokratische Schulen

„Erkläre mir und ich vergesse.
Zeige mir und ich erinnere mich.
Lass mich tun und ich verstehe.”

Konfuzius

Vorweg: unser Sohn (knapp 10) geht seit der zweiten Klasse auf eine freie Schule in Karlsruhe.

Letzte Woche am Mittwoch war auch an unserer Schule Schulabschluss. Am Dienstag Abend war noch Elternabend, bei der einige der Schulabgängerinnen da waren und uns einen persönlichen Rückblick auf ihre Schulzeit gewährten. Sie machten eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen, die diskutiert werden müssen, auf die eine oder andere Anregung wird eingegangen. Das ist eine Entscheidung der Schüler_innen, Lehrer_innen und Eltern, die jetzt an der Schule verbleiben. Ich schreibe das nur, damit auch sichtbar ist, das auch eine freie Schule nicht fehlerfrei ist und sich natürlich fortentwickelt. In deutlich kürzeren Zyklen als reguläre Schulen übrigens.

Beeindruckend war das Selbstbewusstsein, mit der alle drei Schülerinnen darstellten,was für sie gut war und was nicht.  Aber es waren Sätze wie:

„wir haben ganz viel soziales gelernt“,

„wir können gar nicht verstehen, dass die anderen Schüler_innen, mit denen wir zusammen Prüfung hatten (externe Prüfung an einer „regulären“ Schule) so froh waren, dass die Schule für sie vorbei ist. Wir sind traurig

im  Gegensatz zu den Schüler_innen an normalen Schulen weiß ich, dass ich für mich lerne. Ich will das Abi für mich haben und um das zu erreichen, muss ich lernen. Und zwar für mich, nicht weil jemand will, dass ich es mache

wir haben gelernt, unsere eigene Meinung zu haben, zu formulieren und sie zu sagen

Ich hab mich immer gefreut, wenn die Ferien vorbei waren, ich wollte wieder hierher

Wir haben gelernt, nicht so schnell Vorurteile zu haben und anderen respektvoll zu begegnen

die hängen bleiben. Eine offene, wertschätzende Rückmeldung haben wir bekommen. Das Vertrauen in die Schüler, dass sie etwas lernen, war für alle wesentlich.

Sie haben sich alle drei für weiterführende Schulen entschieden und wissen auch, dass die meisten, die von der Schule abgegangen sind, gut zurecht gekommen sind auf weiterführenden Schulen. Ihre Aussagen decken sich mit denen, die man im Trailer zum Film: Schule des Lebens sehen und hören kann:

[youtuber youtube=’http://www.youtube.com/watch?feature=player_profilepage&v=4Ud7SX7ZHdc&hd=1′]

Angesichts solcher Aussagen bin ich darin bestätigt, auch unseren jüngsten dorthin zu schicken – er möchte sowieso unbedingt in die Schule, in der sein großer Bruder ist und der da ganz offensichtlich gerne hingeht.

Und ich hoffe, dass das Land Baden-Württemberg endlich seiner Verpflichtung nachkommt, und das Bruttokostenmodell anwendet:

Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Mannheim vom 12. Januar 2000 sollte die staatliche Förderung mindestens 80 % der Kosten eines entsprechenden Schülers im öffentlichen Schulbereich decken, die restlichen 20 % gelten als sozialverträgliches Schulgeld, das den Eltern zugemutet werden kann.

das immer noch nicht realisiert wurde, obwohl seit 2011 (schwarz-gelbe Regierung) dies aufgrund der Schülerzahlen längst der Fall sein sollte. Ja, kritisch ist dabei, dass auch christliche Schulen Nutznießer sind, aber Freie Schulen nach einem Konzept, wie es an der FASKA realisiert wird, sind weit weg von dem autoritären Schulsystem, das Schwarze und Gelbe und die Roten auch ein bißchen so gerne erhalten würden. Die Gemeinschaftsschule in der jetzigen Form, kann nur ein Schritt sein hin zu demokratischen Schulen, in denen Schüler wertgeschätzt werden und sie nicht nur an der Entwicklung der Schule beteiligt sind, sondern auf Augenhöhe Lehrer_innen und den Eltern begegnen. Und auch wenn zum Konzept gehört, nicht zu vergleichen, so muss doch gesagt werden, dass die Erfolge zeigen, dass es für gute Schulen keine verbeamteten Lehrer_innen braucht, sondern engagierte Lernbegleiter_innen, die jedes Kind ernst nehmen und es in seinen Stärken fördert. Und jedem Kind, egal wie es ist, mit Respekt begegnet.

Leider haben die meisten Eltern nicht das Vertrauen in ihr Kind, dass es lernen wird zu lernen. Kein Vertrauen, dass es mehr zu lernen gibt als abfragbares Faktenwissen, das benotet werden kann – und meist kurz nach der Klassenarbeit wieder vergessen ist. Kein Vertrauen, dass Kinder selbst lernen wollen – und es auch tun, wenn man sie lernen lässt, was sie wollen und ihnen einen wertschätzenden Weg zeigt, wie sie das erlernen, was sie für einen Schulabschluss brauchen. Diese Schulabgängerinnen haben gezeigt, dass sie auf genau diesem Weg alle Zugangsvoraussetzungen geschafft haben, um auf weiterführenden Schulen den Abschluss ihres Wunsches zu machen.

Wir brauchen mehr solche Schulen. Und wir brauchen vor allem mehr Lehrer_innen, die an staatlichen Schulen solche Konzepte umsetzen. Ein Ende der Noten, ein Ende der Nichtversetzungen, ein Ende der Abwertungen. Ein Ende des Versuchs, alle Schüler_innen über einen Kamm zu scheren und durch den Versuch, über die Abprüfung gleicher Inhalte alle gleich zu machen und vergleichbar. Glückliche, frohe Kinder lernen leichter und lieber. Eine einfache Wahrheit. Ich will mehr glückliche Schüler_innen!

wozu auch Medienkompetenz?

http://www.publicdomainpictures.net/view-image.php?image=7932&picture=signsIch bin ein bisschen fassungslos – und das hat sich seit gestern abend, nachdem ich die Schlagzeile gelesen habe, nicht wirklich geändert:

Schulen dürfen Fanpages bei Facebook pflegen, Lehrer sollen soziale Netzwerke nicht dienstlich nutzen: Baden-Württemberg hat neue Regeln für das Internet im Unterricht erlassen – aus Datenschutzgründen.

Auch die Handreichung des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg zum Einsatz von „Sozialen Netzwerken“ an Schulen macht es dann nicht besser – es verdeutlich, wie weltfremd diese Handreichung ist.

Ärgerlich ist, dass hier Binsenwahrheiten mit Notwendigkeiten vermischt werden. Es durften noch nie persönliche Daten weitergegeben werden und dass diese  lehrerseits nichts in sozialen Netzwerken zu suchen haben, ist eine Selbstverständlichkeit. Ärgerlich ist, dass mal wieder Realität aus den Schulen verbannt wird – und Labor deren Platz einimmt.

Es ist richtig, dass man nicht Facebook & Co. zum Kommunikationsstandard machen sollte. Aber ist es nicht so, dass soziale Netzwerke real zum normalen Kommunikationsverhalten der meisten Schüler_innen gehören?

Fett gedruckt in der Handreichung ist folgender Absatz:

Generell ist die Verarbeitung von personenbezogenen Daten im Rahmen der schulischen Arbeit auf Sozialen Netzwerken von Anbietern unzulässig, soweit deren Server außerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes betrieben wer-den, es sich um US-Amerikanische Unternehmen handelt oder ein Zugriff von außerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes möglich ist. Der Grund dafür ist, dass die dortigen Datenschutzstandards nicht mit deutschen und europäischen Datenschutzstandards in Einklang stehen. Ferner sind die AGBs bzw. Nutzungsbedingungen nicht mit dem deutschen Datenschutzrecht zu vereinbaren.

Der erste Satz bedeutet, dass personenbezogene Daten nicht auf Computern gespeichert werden dürfen, der einen Zugang zum Internet hat. Dies ist eigentlich richtig – damit macht man diese personenbezogenen Daten nicht zugreifbar von außen. Im Grunde genommen richtig – aber im Umkehrschluss bedeutet das das Ende der Kommunikation via Internet von Schule/Lehrer_innen und Schüler_innen. Es ist nicht mehr möglich, dass sich Schüler_innen per E-Mail vom Unterricht entschuldigen, es ist nicht mehr möglich, Adressbücher in E-Mail-Programmen anzulegen und zu nutzen. Denn in dem Moment, in dem ich E-Mails nutze, muss ich persönliche Daten benutzen und speichern, die auf ausländischen Servern verarbeitet werden. Man kann nur noch deutsche Office-Suites in der Schule verwenden, denn auch MS-Office (Outlook!), das ja in Schulen eingesetzt wird, ist auch ein „soziales Netzwerk“. Die Praxis, Klassenarbeiten/Hausaufgaben/Hausarbeiten per E-Mail auszugeben und ebenso wieder einzusammen und auf demselben Rechner dann einen Dokumentenvergleich durchzuführen, wie ihn viele Office-Suites anbieten und die Korrektur einfacher machen, ist mit dieser Anweisung beendet.

Die Kommunikation der Lehrer via sozialer Medien ist ebenfalls beendet, Lehrer_innen dürfen sich somit auch nicht mehr Eltern unverschlüselt austauschen.Hurra, zurück zur gelben Post.

Dies bedeutet konkret für Lehrkräfte und Schulen, dass jegliche dienstliche Kommunikation auf oder mittels Sozialen Netzwerken sowohl zwischen Lehrkräften und Schülern als auch der Lehrkräfte untereinander unzulässig ist. Darunter fällt die Mailkommunikation innerhalb von Sozialen Netzwerken ebenso wie Chats, aber auch der dienstliche Austausch personenbezogener Daten wie das Mitteilen von Noten, ferner das Einrichten von Arbeits- und Lerngruppen zum Austausch von verschiedensten Materialien, die Vereinbarung schulischer Termine und Informationen zu Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen. Für alle diese Zwecke gibt es bereits Kommunikationswege, wie beispielsweise der konventionelle Schriftverkehr oder die Nutzung von verschlüsselten E-Mails einschlägiger Anbieter.

Doch wollen wir in der Schule nicht Medienkompetenz vermitteln? Wie soll das eingentlich gehen? Ist es denn nicht so, dass wir am Beispiel am besten lernen? In der Enbindung realer sozialer Netzwerke in den Unterricht besteht die Möglichkeit, all die Fallstricke, die auftauchen können, an realen Gegebenheiten zu diskutieren – und nicht, wie ich befürchte, anhand eines Arbeitsblattes des EDV-Lehrers zu „Facebook und Co.“

Diese Handreichung ist der Ausdruck völligen Unverständnisses der Funktion sozialer Medien. Eine solche Handreichung übertragen auf die analoge Welt würde bedeuten, dass sich Schüler_innen und Lehrer_innen nicht unterhalten dürfen, wenn sie sich auf der Straße treffen. Schlimmer, die Lehrer_in muss die Straßenseite wechseln. Anstatt Schüler_innen beizubringen, wie man sich im „Internet“ bewegt und sie begleitet auf dem Weg dahin, verbietet man ihnen die Nutzung zur normalen Kommunikation. Und ganz weltfremd: nutzen Lehrer_innen oder Schüler_innen für ihren Telefonanschluss Voice-over-IP, dürfen sie nicht miteinander telefonieren. Das ist das, was diese Handreichung bedeutet. Denn die personenbezogenen Daten, die via Telefon ausgetauscht werden, werden ebenfalls auf ausländischen Servern verarbeitet.

Es wäre besser, Unterricht würde reales Handeln abbilden. Homepages via WordPress, Fanpages, Dropbox und andere Clouddienste zur Verteilung von Unterrichtsmaterialien, Bilder via tumblr oder einen anderen Bilderdienst, Diskussionen via Twitter oder g+,…Wie toll wäre die Einbindung von kranken Schüler_innen via Skype, bspw. bei Projekten…Es gibt keine deutschen Dienste, die das abbilden können, die den selbstverständlichen Umgang damit auf professionelle Art und Weise lehren könnten.  Ja, es gibt Moodle und die eine oder andere Plattform – aber sie sind meist umständlich und schwerer zu verstehen und haben mit dem intuitiv zu verstehenden Netzwerken nichts gemein. Es macht die Schüler_innen nicht bereit für die Nutzung dieser Medien im späteren Berufsleben. und auch wenn man sich das im Elfenbeintum Ministerium und Landtag nicht vorstellen kann: die Nutzung von E-Mail, sozialen Netzwerken, Clouddiensten, Videokonferenzen, WhatsApp uns so weiter und so fort, ist heute in Unternehmen gang und gäbe. Kundenbindung via Twitter und Co – normal und nicht mehr wegzudenken. (virales) Marketing, personalisierte Werbung, Reklamationsbearbeitung, Support, Hotlines, Verbesserungsdebatten, Bewertungen – all das ist Realität. Das Kultusministerium versucht unter dem Deckmantel des Datenschutzes hier zu verbieten, dass Schüler_innen, um zur Schule (also zum Lernen) zu kommen, die Straße zu benutzen. Das ist absurd.

Wie man hört, geht es aber „auch“ darum

Es geht vor allem darum, dass Lehrerinnen und Lehrer Plattformen wie Facebook zum Standard ihrer Kommunikation machen bzw. gemacht haben. Die Folge ist, dass Schülerinnen und Schüler, die an der notwendigen (!) schulischen Kommunikation (Hausaufgaben, Terminkoordination usw) teilhaben wollen, gezwungen sind sich bei Facebook einen Account zu besorgen.

Wenn ich sowas lese, dann verzweifle ich geradezu. Denn das bedeutet, dass der Lehrer_in, die das so gemacht hat, schlicht nicht medienkompetent ist. Ich würde den Lehrer_in mal fragen, wie sie ihren Beruf versteht und wie sie sonst gewährleistet, dass alle Schüler_innen eingebunden sind. Wie soll da Inklusion funktionieren? (A propos, Inklusion ist mit dieser Anweisung auch hinüber – wer sprachbehindert ist und Talker oder SMS benutzt, ist raus)

Die Antwort wäre medienkompetente Lehrer_innen zu bilden. Sie fortzubilden. (ob in den Ferien oder wann sonst, ist dabei ein Nebenkriegsschauplatz). Und dafür zu sorgen, dass sie moderne Medien be-nutzen lernen. Auch unter datenschutzrechtlichen Bedingungen. Aber die Schule ist kein Labor. Sie sollte unsere Kinder auf’s Leben vorbereiten. Das Kultusministerium hat hier in der Frage soziale Medien in der Realität versagt und agiert auf einer Ebene, die nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, wie Schüler_innen heute kommunizieren. #epicfail

Was ich gerade bemerke: in der Debatte darüber fängt man schon wieder an, damit zu argumentieren, dass dann Facebook ja ausschließlich genutzt würde (Zitat: ich möchte auch nicht, dass der Unterrichtsmaterialien exklusiv per I-Phone-App ausgespielt werden.)…..das macht mich so wütend! Medienkompetenz bedeutet, die üblichen Wege zu nutzen UND Alternativen zu KENNEN und auch zu BEHERRSCHEN.

Wie demokratisch ist das Internet?

Ein Gastbeitrag von Anke Domscheit-Berg – eigentlich für eine Gewerkschaftszeitung gedacht.

Das Internet ermöglicht die weitere Demokratisierung unserer Gesellschaft – durch mehr Zugang zu Informationen, mehr Transparenz und mehr Beteiligung. Bisher bedeutete Demokratie  (=Volksherrschaft), alle paar Jahre bei einer Partei ein Kreuz zu machen. Die Herrschaft des Volkes wurde dann für die Dauer der Legislatur in Vertretung ausgeübt – durch unsere Volksvertreter.

Häufig war die Enttäuschung nach der Wahl, wenn sich blumige Wahlkampfversprechen nicht realisierten. Wie und mit welchem Input realpolitische Entscheidungen (wie über die Lage von Großbahnhöfen) zustande kamen, wussten Otto und Lieschen NormalbürgerIn nicht. Diese Praxis lässt sich nicht länger halten. Über das Internet können wir Informationen jedem verfügbar machen. Wissen aber ist Macht, nur jetzt ist diese Macht aufgeteilt. Das schöne daran: geteiltes,
vernetztes Wissen wird mehr. Das einfachste Beispiel dafür ist Wikipedia, die Enzyklopädie, zu der unzählige Menschen beitragen und deren Umfang jede Minute wächst. Die Forderung nach  Transparenz in der Politik ist daher auch der Ruf nach Freigabe aller relevanten Informationen, die in wichtige Entscheidungen einfließen.

Zugang zu Informationen heißt, mitreden zu können. Informierte Bürgerinnen und Bürger können und wollen sich mehr einbringen. In repräsentativen Umfragen geben Menschen aller  Altersgruppen und soziologischen Schichten, Männer wie Frauen an, dass sie mehr Beteiligungsmöglichkeiten wünschen und mehr Transparenz über die Arbeit in Politik und  Verwaltung.

Das Internet macht es leicht, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, Kräfte zu bündeln und effektiv für gemeinsame Ziele zu mobilisieren. Nicht nur der Arabische Frühling sondern auch Pro- und
Anti-Guttenberg Demos in Deutschland wurden über soziale Netze organisiert. Informationen darüber, was wo passiert – und jede Menge Hintergrundinformationen sind sekundenschnell verfügbar. Für viele ist Twitter schon jetzt der schnellste Informationskanal. Die Standardmedien verlieren dabei oft ihr „Breaking News“ Monopol, weil sich alles Interessante wie ein Lauffeuer auch an ihnen vorbei verbreitet. Twitternachrichten über das Erdbeben in Washington erreichten New York City schneller als die Bebenwellen selbst. Die Einfachheit des Informationsaustauschs in einer vernetzten Gesellschaft führt dazu, dass wir nicht mehr nur von einer Handvoll Meinungsmacher vorverdaute Geschichten serviert bekommen sondern dass uns zeitgleich vielfältige  Interpretationen bis hin zu den Fakten hinter der Geschichte und verschiedene Visualisierungen zur Verfügung stehen. Wir lernen zu gewichten, wie wir diese unterschiedlichen Quellen einordnen, dabei spielen auch persönliche Beziehungen und das Vertrauen zur Quelle eine wesentliche Rolle.

Ein gutes Beispiel für die gewachsene Pluralität im gesellschaftlichen Diskurs ist die Debatte um das Urheberrecht. Hier melden sich die unterschiedlichsten Interessens- und Expertengruppen zu Wort, zerpflücken gegenseitig ihre Argumente, werfen Studien mit Zahlen ins Feld, um ihre Positionen zu stützen. Mit dabei sind natürlich auch die Medien, aber nur noch als ein Player von vielen. Blogs wie Netzpolitik.org oder Spreeblick.de, Gruppierungen wie iRights.org oder die Piratenpartei verbreiten ihre jeweiligen Positionen und erzielen hohe Reichweiten. Aber auch 51 Tatortautoren haben sich vernetzt zu einer Interessensgemeinschaft und einen offenen Brandbrief im Netz veröffentlicht, der wiederum zu Stellungnahmen und Gegenbriefen anderer Urheber führten. Die globale  Petitionsplattform Avaaz.org erreichte viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt – z. B. mit einer Unterschriftensammlung gegen ACTA für das europäische Parlament. Ich habe mich noch nie so breit informiert gefühlt wie in der Vielfalt der digitalen Gesellschaft!

etwas verändert sich

Die Schule in Baden-Württemberg ist auf dem Weg der Veränderung. Mit der Regierungsübernahme vor einem Jahr konnten wir endlich beginnen, neue Akzente für ein besseres Bildungssystem in Baden-Württemberg setzen. Es gab und gibt ganz viele Baustellen – aber das Desaster in Hamburg mit der gescheiterten Einführung der sechsjährigen Grundschule hat uns allen deutlich gemacht, dass eine Schulreform tatsächlich nur funktionieren wird, wenn sie von unten kommt, wenn die Bürger_innen, die Eltern, die Schüler_innen und die Lehrer_innen den Weg mitgehen und Einflussmöglichkeiten auf diesen Weg behalten.

Neben der Finanzierung noch von der Vorgängerregierung, aber nicht finanzierten Maßnahmen wie unter anderem die Schaffung von mehr als 700 Lehrerstellen war eines unserer wichtigsten Anliegen die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung. Die CDU in Baden-Württemberg hat bis zuletzt dagegen polemisiert, auch die Lehrerverbände sind nicht alle dafür – die GEW als größte Bildungsgewerkschaft begrüßt diesen Paradigmenwechsel jedoch. Einige Schulleiter an Gymnasien in Südbaden haben wohl versucht, die Grundschulzeugnisse zu bekommen, um wohl doch noch Auslese durch die Hintertür zu betreiben. Vor allem die Entlastung der Grundschule und die Beendigung einer frühen, erzwungenen Auslese und Demütigung ist ein großer Schritt in Richtung mehr angsfreie Schule.  Die Beratungsatmosphäre ist offenbar weitaus entspannter. Es ist ja nicht so, als würden die Eltern hinsichtlich des Wechsels ihrer Kinder auf weiterführende Schulen nicht mehr beraten – aber sie haben das letzte Wort. Und grundsätzlich tun Eltern zunächst einmal nichts, was ihren Kindern schadet. Die neu eingeführte Gemeinschaftsschule wird gut angenommen – es gibt offenbar mehr Anmeldungen als Plätze. Und die verfehlte G8-Struktur, die die CDU geschaffen hat, wird gerade durch die Abstimmung mit den Füßen – den großen Anmeldezahlen beim Schulversuch mit G9 – als das erkennbar, was sie schon immer war: in der Form falsch. STatt prognostizierten 1500 Anmeldungen gab es 2200 Eltern, die ihren Kindern lieber den längeren Weg ermöglicht hätten. Zum G8 und dem Schüler_innenbild bzw. dem Menschenbild, das dahinter steht, könnte man seitenweise Aufsätze schreiben. Trotzdem ist es so, dass eine 100%ige Rückkehr zum G8 so teuer würde, dass alle anderen Reformen hintenan stehen müssten. Insofern werden wir uns hinsetzen und dies so gestalten, dass es zukünftig wieder ein Leben nach der Schule ermöglicht. Und die Gemeinschaftsschule ermöglicht ja ebenfalls einen schülergerechteren Weg zum Abitur. Ich bin sicher, das dieser Paradigmenwechsel sinnvoller ist als eine Rückkehr zum G9 für alle.

Heute morgen lese ich der erzkonservativen Zeitung meiner Region, den BNN, eine Stellungnahme des VBE-Sprecher Michael Gomolzig. Er

sieht das Problem einer Rückflutwelle in zwei Jahren von an Gymnasium und Realschule gescheiterten Schülern

da es zu wenige Anmeldungen an den Haupt- und Werkrealschulen des Landes gibt. Die Eltern reagieren also. Auf die Freiheit. Und auf jahrelang einhergehende schlechtere Ausbiuldungschancen ohne Abitur oder Mittlere Reife. Aber das hier der VBE-Sprecher die freie Entscheidung auf der Basis der Beratung am Ende der Grundschule massiv in Zweifel stellt, delegitimiert, das ist schon ein starkes Stück. Denn insgesamt zeigt sich, dass die Eltern eben nicht massiv an Gymnasien anmelden und die armen Gymnsiallehrer_innen dann überfordert werden mit doofen Schüler_innen, die eigentlich auf die Hautschule gehörten. Nein, die Eltern und die Schüler_innen entscheiden überwiegend sinnvoll.

Die Lösung für den Erhalt der wohnortnahen Gemeindeschulen wird die Gemeinschaftsschule sein, in der individuelle und inklusive Bildung möglich ist, nach Stärken und Schwächen und nicht nach so homogen wie möglich zusammengewürfelten Klassen. Die Eltern werden richtig entscheiden. Das zeigen nicht nur die Anmeldezahlen in Baden-Württemberg – auch in Nordrhein-Westfalen gehen Eltern mit uns den Weg in eine bessere Bildungslandschaft. Unsere Ideen für eine bessere Bildung hat zuerst die SPD übernommen und verkauft sie heute als ihre eigenen – jetzt setzt sie gemeinsam mit uns diesen Weg um. Grün wirkt.