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arm und reich

Kaffeernet in Ecuador druch KinderSelten wird es so deutlich, wie die Verhältnisse zwischen arm und reich in Deutschland – respektive Europa – sind. Die dpa meldete gestern:

Aldi-Gründer Karl Albrecht und die beiden Söhne seines 2010 gestorbenen Bruders Theo vereinen ein Vermögen von mehr als 33 Milliarden Euro auf sich. Das geht aus der am Montag veröffentlichten Rangliste «Die 500 reichsten Deutschen 2011» der Zeitschrift «Manager Magazin» hervor. Auch der Mann auf Platz drei der Liste häufte sein Vermögen mit dem Verkauf von Billig-Lebensmitteln an. Lidl-Besitzer Dieter Schwarz (72) verfügt demnach über rund 11,5 Milliarden Euro.

Die Billigheimer verdienen an der der Armut und der Ignoranz gegenüber Produktionsmethoden. Darüber werden sie reich. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Aldi und LIDL könnten durchaus ihre Einkaufspolitik ändern. Denn Sie verdienen so viel, dass es ihnen ein leichtes wäre, bspw. den Milchbauern ein faires Entgelt für ihre Milch zu bezahlen.

Insgesamt hat sich der Lebensmitteleinzelhandel stark verändert, seit ich dort mal gelernt habe – 1985-1988. Die vier großen Handelskonzernen Edeka, Rewe, der Schwarz-Gruppe (Lidl) und Aldi teilen sich 85 Prozent der Nachfrage im Lebensmitteleinzelhandel. Auf Dörfern und kleinen Städten, in Stadtteilen oder -gebieten gibt es praktisch keine kleinen Läden mehr. Das Sortiment muss umfassend sein. Märkte unter 1000 m² sind undenkbar. Bestellungen werden zentral über Warenwirtschaftssysteme erledigt. Die Verräumung der Ware übernimmt ein Auspackteam einer externen Firma wie bspw. SIG Retail (u.a. aus Ettlingen), deren Angestellte 400-€-Kräfte sind, lediglich die VorarbeiterInnen und darüber sind fest angestellt.Verkaufstheken für Fleisch, Käse  und Wurst haben Seltenheit, Fischtheken findet man höchstens noch bei Metro oder in Feinkostläden – sofern es solche überhaupt noch gibt.

Diese großen Konzerne haben eine unglaubliche Marktmacht. Sie profitieren von dieser. Sie können die Löhne senken – und die Erfinder von Selbstscannerkassen und RFID-Chips unterstützen sie noch dabei. Und sie haben Einfluss auf das, was produziert wird. Denn sie bestimmen den Preis, zudem sie etwas abnehmen. Ein System Wiesenhof ist nur denkbar mit Abnehmern, die sich nicht drum kümmern, was sie verkaufen. Ein System, das Kindersklaven auf Kakaoplantagen in Kauf nimmt, ist nur mit so etwas überhaupt möglich. Und es ist in der heutigen Zeit ja nicht so, als wüsste man es nicht. Das war vor 30 Jahren noch anders – die damals einzige Kontrollmöglichkeit war die Stiftung Warentest, nicht ganz unabhängig von Spenden und so. Mit dem Erscheinen von Zeitschriften wie Ökotest hat sich das zwar geändert – aber wenn man heute liest, dass dort Warsteiner als “empfehlenswert” eingestuft wird – dem wird klar, wie groß die Macht der großen Lebensmittelkonzerne tatsächlich ist.

Es sollte für alle Produkte klare Kriterien geben, unter denen sie hergestellt werden dürfen. Einen Mindestlohn und Mindestproduktbestimmungen für Einfuhr (danke @manonama für den Input). Dann war’s das mit Billigheimern. Mit Billigstproduzieren. Mit unendlichen Profit zu Lasten derjenigen, die sich unter einer solchen Marktmacht einfach nicht behaupten können.

Und im Übrigen: es ist ziemlich klar, dass diese Billigsprodukte auch das System Hartz stützen. Nicht umsonst hat der Herr Sarrazin mal Kochtipps gegeben – und es gibt ein ganzes Kochbuch auf der Basis von Discounterprodukten. Pervers. Selbst die Tafelläden stützen das System. Die Einführung sozialer und ökologischer Standards beim Import von Produkten würde nicht nur dem System ALDI etc. den Garaus machen – sondern die Politik endlich dazu zwingen, die Menschen mit ausreichend Geld für eine soziokulturelle Teilhabe auszustatten.

Mein Aufruf: jetzt beginnen. Such Dir ein Produkt aus, mit dem du beginnst. Kaufe nur noch Milch, die Milchbauern einen fairen Preis garantiert. Nur noch Bananen oder Kaffee aus fairem Handel. Salat auf dem Markt beim Direkterzeuger. Wurst beim Hofladen. Brot beim regionalen Bäcker. Das geht. Ist ein Anfang. Wenn jedeR heute begänne, sähe die die Einkaufswelt schon zum Jahreswechsel etwas anders aus.

 

Schöne neue Arbeitswelt

Ich erzähle es immer wieder in meinen Kursen: die Technik wird weitere Berufe überflüssig machen. Der nächste Job, der mehr und mehr aussterben wird, ist der der Kassiererin in Märkten. Ein Beruf, der angelernt werden kann. Der vor allem von Frauen ausgeübt wird. Teilzeitgeeignet ist. Verantwortung bedeutet. IKEA macht es vor, andere werden folgen.

Ende März war ich bei IKEA in Walldorf. Kind 1 und 3 benötigten neue Betten. Und ich ein Gästebett fürs Büro. Die Kinder wollten ne Schlafcouch, fürs Büro war das eh praktischer und so entschlossen wir uns nach viel hin und her für Ikea – “Beddinge”. Nicht zu teuer, einigermaßen robust, “nachrüstbar”, ne richtige Matraze drauf. Passt in die Studentenbude für Kind 1 und auch ins Jugendzimmer von Kind 3. Als wir an die Kasse kommen, bietet sich uns ein völlig neues Bild: es gibt Selbstbedienungskassen.

ikea

Man scannt seine Artikel selbst ein, kontrolliert, nimmt seine EC (oder andere) Karte, bezahlt damit und geht raus. Am Ende des Kassendurchgangs steht dann noch jemand und kontrolliert, ob du alles drin hast. Und an den Scannern ist jemand, der hilft. Geht viel schneller als an der “normalen” Kasse. Eingespart werden Personal und damit Arbeitsplätze.

Der nächste Schritt wären RFID-Chips in den Artikeln oder den EAN-Aufklebern auf den losen Artikeln, dann kann die Kasse einfach per Funk auslesen, was man auf dem Wagen hat. Kontrolle, Karte rein – am Schlauesten noch die Ikea-Card, bezahlen, raus. Ich selbst hab aber dann an den Kassen bezahlt, an denen noch Personal sitzt. Weil da noch Personal sitzt. Nur, wenn das weiterhin verlangt wird, werden die das auch beibehalten. Und wenn das Kunden sagen.

Ich finde, letztendlich haben die Unternehmen neben ihrer Gewinnmaximierung auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Jedes Unternehmen hat vor der Einführung neuer Technik eigentlich zu überlegen, ob das nicht nur in Bezug auf die Kosten sinnvoll ist, sondern auch in Bezug auf die MitarbeiterInnen und die Gesellschaft. Diese Verantwortung sehe ich genauso beim/ bei der ErfinderIn, dem/r VerkäuferIn. Technik – so sehr faszinierend die Möglchkeiten manchmal sind – sollte bewusst eingesetzt werden. Das geschieht leider viel zu wenig. Am Ende sind nicht nur Wissen verloren gegangen, sondern auch Lebensqualität. Und für mich gehrt es zum Einkaufen, irgendwo auch noch einen freundlichen VerkäuferIn zu treffen – und sei es an der Kasse. Ich habe mal gelernt – ich hab ja im Einzelhandel gelernt – das es sher wichtig ist, dass Kunden beim Bezahlen freundlich bedient wird – schließlich nimmt man ihm Geld ab – eigentlich ein unangenehmer Vorgang….da ist das IKEA-Prinzip kontraproduktiv…

Ich finde es NICHT gut, was IKEA da macht – und überleg mir für die Zukunft echt, ob ich da noch einkaufen möchte.