wenn Kinder-prügelnde Geistliche Ehrenbürger werden
Bild von Annabel_P auf Pixabay

wenn Kinder-prügelnde Geistliche Ehrenbürger werden

Diese Geschichte nimmt ihren Anfang in den Jahren, als Schläge gegen Schulkinder und Ministranten oder Kommunionskinder noch erlaubt waren. In den 1950er Jahren kam Anton Böhe nach Malsch und war dort als Pfarrer und Lehrer tätig. Am 01. August 1985 ging er in den Ruhestand und verstarb 1998.

Schlagen in der Schule und Kirche war in der Bundesrepublik bis ungefähr 1972 erlaubt, in Bayern bis 1983, in der DDR wurde es schon 1945 untersagt.

Zu den verbreitetsten Körperstrafen, die oft auch im Klassenbuch notiert wurden, gehörten Ohrfeigen, „Kopfnüsse“ sowie die Tatzen (Schläge mit einem Lineal oder Rohrstock auf die Handflächen des Schülers) und den Schüler in die Ecke (neben die Tafel oder den Katheder mit dem Rücken zur Klasse, für eine bestimmte Zeitspanne, z. B. 5 oder 10 Minuten oder bis zum Ende der Unterrichtsstunde) zu stellen oder knien zu lassen (früher auch verschärft: auf einem kantigen Holzscheit).

„In die Ecke stellen“ ist die einzige körperliche Strafe, die mir je in der Schule widerfahren ist (ich bin 1972 eingeschult worden). Ich weiß noch bis heute, was für eine beschämende Wirkung das auf mich hatte. Im Jahr 2000 wurde endlich das Recht auf gewaltfreie Erziehung im BGB verankert.

Anton Böhe hat als Pfarrer Gutes bewirkt. Das attestieren ihm auch die Heimatfreunde. Aber daneben hat er eben auch Kinder geprügelt und gedemütigt. Nicht wenige, wie man liest, mit Kopfnüssen, mit Ohrfeigen, manchmal so stark, dass Kinder „mehr oder weniger durch den halben Raum flogen“, er hatte eine berüchtigten Schlüsselbund, den er nach seinen Schüler*innen warf und der, wurde man getroffen, auch mal blutige Verletzungen nach sich zog. Was man heute auch weiß: das war bekannt. Und von vielen, zu vielen geduldet, wenige Eltern haben sich ihm entgegen gestellt, ab und zu auch Schüler*innen.

Im Februar 1982 wurde diesem Geistlichen Rat Pfarrer Böhe in nichtöffentlicher Sitzung des Gemeinderats die Ehrenbürgerschaft verliehen, eine Straße wurde nach ihm benannt. Soweit alles normal, hier in Malsch, nichts, was man nicht von anderswo auch kennen würde. So war es eben früher, sagt man hier im Ort.

Im Jahr 2020 stieß Joe Degado, ehemaliger Mälscher, hier in der Region bekannter Musiker, heute im Ausland lebend, bei der Recherche über seine Familie auf diese Tatsache. Er war schockiert – nicht darauf vorbereitet, dass diese Person Ehrenbürger der Gemeinde ist und er fühlte „schmerzliche Erinnerungen in mir aufsteigen“ – so eine Worte. Andere würden es eine Retraumatiseirung nennen.

Er setzte sich hin und schrieb am 6. Oktober um 14:32 Uhr eine E-Mail an den Bürgermeister. Er wandte sich in der Mail gleichzeitig an die Mitglieder des Gemeinderats. Davon ausgehend, dass der Bürgermeister keine Mails an die Mitglieder dieses Gremiums unterschlagen würde, auch wenn sie sie nicht per E-Mail erhalten hatten, kann man also davon ausgehen, dass die Mitglieder Gremiums spätestens am 7. Oktober von der Mail wussten.

Joe schrieb:

Seine Methoden wären heute absolut unakzeptabel, allerdings fürchte ich, selbst damals waren sie das, doch das Angst-Klima, das er verbreitete, hinderte uns wohl alle daran, öffentlich etwas zu sagen, und vergessen wir nicht, wir waren Kinder. Warum selbst die Erwachsenen – z.B. unsere Eltern, die sicher nicht alle von den ungeheuren Vorgängen wussten, manche aber schon – meines Wissens nie Anzeige erstatteten, weiß ich nicht, aber ich vermute, es werden die selben Gründe sein, die auch Kindesmissbrauch und Vergewaltigung totschweigen. Ein Schulfreund von mir hatte aufgrund der unterschiedlichen Religionszugehörigkeit seiner Eltern die Wahl, und ich erinnere mich sehr genau, wie er mir sagte, seine Mutter hätte es nie zugelassen, dass er von Böhe “unterrichtet” worden wäre, schon deshalb wurde er evangelisch.

Weil Joes Vater Einfluss auf Böhe hatte, wurde er verschont. Deshalb war er „nur“ Zeuge.

[…]Ich war Zeuge, wie Anton Böhe aus geringen Anlässen zur Disziplinierung von Kindern seine von ihm selbst so genannten Kopfnüsse verteilte. Dies waren Faustschläge auf den Schädel, mit den Knöcheln nach unten, und man musste es nicht selbst erlitten haben, es war offensichtlich, wie schmerzhaft das war. Derart zu “disziplinierende” Kinder wurden aber nicht einfach nur geschlagen, sie wurden genüsslich vorgeführt, lächerlich gemacht vor der Klasse, mussten aufstehen, um sich die Kopfnuss abzuholen. Ob sie danach grundsätzlich “in die Ecke gestellt” wurden, kann ich nicht mehr sicher sagen, aber in der Ecke standen öfter Kollegen von mir, das erinnere ich noch. Muss ich Begriffe wie Scham und Häme erwähnen? Muss ich nicht, Sie können sich das bestimmt vorstellen, wie das damals war, in den frühen siebziger Jahren.

Böhe hatte aber ein durchaus erweitertes Repertoire. Wenn Kinder nicht aufmerksam folgten, wenn der Herr Pfarrer sprach, schleuderte er gerne unvermittelt seinen Schlüsselbund in Richtung des Kindes, das ihm missfiel. Er traf oft nicht genau, aber wenn er traf, konnte man auch bluten. – Nicht auszudenken, wenn er ein Auge getroffen hätte. Nun, zumindest in meiner Klasse ist das zum Glück nie passiert. – Zu seiner Pädagogik gehörte es, und das wird nun nicht mehr überraschen, dass das jeweilige Kind ihm den Schlüsselbund dann zurückzugeben hatte. Kann man sich die Ohnmacht vorstellen, die wir Kinder empfanden, einem Tyrannen und Kindesmißhandler ausgesetzt zu sein? Selbst ich, dem mein Vater versichert hatte, es würde mir nichts geschehen, war immer nur mit Angst in den Religionsstunden.

Und dann erinnere ich mich noch an Domenico. Damals war mir das egal, deswegen kann ich nicht mit Sicherheit sagen, dass er gebürtiger Italiener war, ich vermute es aber. Er war älter als wir anderen, größer, hatte etwas dunklere Haut, und er war auch selbstbewusster. Nicht gut für ihn. Als Böhe mit Kopfnüssen bei ihm nichts mehr erreichen konnte, zitierte er Domenico zu sich. Der musste sich dann mit dem Rücken zu Böhe und Gesicht zur Klasse stellen, und Böhe zog ihm – wörtlich – die Ohren lang. Heißt, er fasste Domenico bei den Ohren und zog nach oben, sodass der Junge vom Boden abhob und einige Sekunden in der Luft schwebte. Ich erinnere mich wohl deshalb so gut an jene Episode, weil ich Angst hatte, die Ohren würden abreißen. Domenico machte Grimassen, die nicht lustig waren

Nun sollte man annehmen, dass irgend etwas passiert. Zumindest könnte man erwarten, dass Bürgermeister, Ältestenrat oder einzelne Gemeinderatsmitglieder sich an den, der sich hier hilfesuchend und in schierer Verzweiflung, weil er nicht versteht, wie so jemand Ehrenbürger werden konnte, ihm eine Rückmeldung geben. Explizit wendet er sich an alle Gemeinderatsmitglieder – und man kann seine mühevoll in Sachlichkeit verpackte Not lesen:

Ich bitte Sie also, im Namen all der Generationen von Kindern, die Böhes Gewalt ausgesetzt waren – vergessen wir auch bitte nicht die psychologischen Folgen bei uns –, ich bitte Sie sogar inständig, entsprechende Schritte einzuleiten, die dann dazu führen, Böhe die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen. Und nicht nur das. Bitte sorgen Sie dafür, dass jenes dunkle Kapitel öffentlich bekannt wird, dass die Menschen sensibilisiert werden, falls sie das nicht schon sind.

Es passierte: Nichts.

Am 19. Oktober 2020 schrieb er erneut an den Bürgermeister und die Gemeinderäte. Erst am 11. November erfolgte dann eine Reaktion. Aber keine, in der man sich für die Informationen bedankte, keine, in der man ihn bat, noch ein wenig abzuwarten, man sichte gerade die entsprechenden Unterlagen, keine, in dem ihm ein Gespräch angeboten wurde, keine Empathie, kein garnichts. Sondern von einer Angestellten aus dem Büro des Bürgermeister(!):

ich wollte mal kurz nachfragen, ob Sie zwischenzeitlich von uns eine Rückmeldung erhalten haben?

Daraufhin antwortete er erneut und ausführlich. Und wieder passierte anschließend: Nichts.

Im Januar traf er im Zuge seiner Recherchen auf mich, ich kannte seinen Namen, der Musiker Joe Degado war bekannt hier in der Gegend. Wir kennen uns, soweit ich weiß, nicht persönlich, obwohl wir früher sicher in ähnlichen Kreisen und Kneipen verkehrten und gemeinsame Bekannte haben. Ich schrieb ihm, dass ich seinen Namen kennen würde, er dachte, vielleicht weil

weil ich an Bürgermeister und Gemeinderäte schrieb wegen einem Unehrenbürger von Malsch, Anton Böhe?

aber da musste ich passen. Ich war ja keine Gemeinderat mehr. Und da ich kein Mälscher bin, sondern nur Malscher – also erst vor knapp 18 Jahren nach Malsch gezogen, kannte ich das Wirken von Böhe nicht. Ich kannte wenige Ma(ä)lscher in meiner Schulzeit, der erste, an den ich mich richtig erinnerte, begegnete mir in der 10. Klasse. Immerhin – wir befreundeten uns bei Facebook und darüber freute ich mich.

Am 30. April dann erschien ein Artikel im Badischen Tagblatt. Ich postete ein Foto dieses Artikels in der Malscher Facebookgruppe.

Das erste Mal erfuhr die Öffentlichkeit von den Vorwürfen gegen ihren Ehrenbürger. Knapp 7 Monate nach der Information der Gemeinderäte und des Bürgermeisters, solange hatte es gedauert. Und nicht Bürgermeister, nicht Gemeinderat, nicht einzelne Gemeinderäte, nein, Joe selbst hatte für die Veröffentlichung gesorgt. Man habe sich im Ältestenrat und Gemeinderat mit der Sache befasst, wird der Hauptamtsleiter zitiert. Allerdings hinter verschlossenen Türen.

Die Reaktionen auf den Post bei Facebook waren erschütternd. Aber natürlich gab es auch wenige, die das Thema lieber nicht behandelt wissen wollten oder relativierten.

Am 9. Mai dann endlich auch ein Artikel aus den BNN, die ausführlicher berichten.  Fraktionsvorsitzende der Fraktionen und der Bürgermeister werden zitiert:

„Auch ohne Anstoss von Bürgerseite habe man das Thema im Auge gehabt und hätte reagiert.“ „Es waren andere Zeiten, vielleicht war Anton Böhe auch ein Opfer des Naziregimes. Thomas Kastner.
„Eine Strassenumbenennung sei auch keine einfache Sache mit Blick auf die sich dann ergebenden neuen Adressen.“ Markus Bechler.
„Erstmal gilt die Unschuldsvermutung.“ Elmar Himmel.“

Mir fiel fast die Kaffeetasse aus der Hand, als ich das frühmorgens las. Also die juristische „Unschuldsvermutung“ nach zahlreichen Berichten auf der Facebookseite seit 30. April, die in ihrer Eindeutigkeit nicht zu relativieren waren, führt der Bürgermeister an? Diese juristisch völlig unnötige Einordnung zeigt jedenfalls wenig Gespür für die Bedürfnisse der Opfer. Ja, Böhe ist tot – aber die Beweislast scheint erdrückend. Und als Erstes gilt es also, den Täter zu schützen. Nicht sich der Opfer anzunehmen, die es ja zweifellos gibt, ihnen zuzuhören, sich um Aufarbeitung bemühen. Wenn man diese Prioritätensetzung liest, dann weiß man, warum sich nichts getan hat.

Stellvertretend für viele andere Reaktionen zitiere ich eine aus dem Facebook-Thread:

Anton Böhe…ich erinnere mich gut wie er Kinder, die im Gottesdienst miteinander geredet hatten, in der Kirche vor allen anderen brutal verprügelt hat. Oder wie er im Religionsunterricht störende Schüler geohrfeigt hat oder mit einem schweren Schlüsselbund nach ihnen geworfen hat.

Die Straßenumbenennung sei keine einfach Sache, so Bürgermeisterkandidat Bechler. Ja, das mag sein – aber darum geht es ja nicht (nur). Sondern um die Frage, ob man einen solchen Menschen weiterhin als Ehrenbürger und Namenspaten für eine Straße haben möchte (und ja, ich warte schon darauf, das man den Straßennamen kommentieren möchte). Und die CDU meint, dass er auch vielleicht ein Opfer des Naziregimes war. Es gibt für diese Annahme keine Belege, was man weiß ist, dass er in russischer Kriegsgefangenschaft war. Das ist ein erster, öffentlicher  Relativierungsversuch seiner Taten. Ausgerechnet von der CDU.

Denn die CDU war es, die Böhe 1982 zum Ehrenbürger machte. Als „Ausgleich“ für einen SPD-Ehrenbürger, Franz Hirth, der von der SPD nominiert wurde. Ein „Deal“ zwischen den beiden Parteien, ungeachtet der Tatsache, dass damals schon bekannt gewesen sein muss, wie Böhe agierte. Wer von der CDU ihn ins Spiel brachte, will bis zum heutigen Tag niemand sagen. Auch die SPD hält sich bedeckt. Das Protokoll der Gemeinderatssitzung ist nichtöffentlich, eingesehen darf es nicht werden. Die Kirche weiß auch nichts oder will nichts wissen.

Nicht einer sagt: wenn das so ist, dann besteht kein Zweifel daran, dass die Dinge geändert werden.

Der Gemeinderat verlagert die Aufklärung jetzt in eine Kommission. Die kann aber leider erst am 29. Juni eingesetzt werden – eine weitere, unnötige Verzögerung.

Am 12. Juni ist Bürgermeisterwahl. Es treten an: Elmar Himmel, der jetzige Bürgermeister, Markus Bechler, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler und Wolfgang Scharer, der sich selbst aufgestellt hat und nachträglich von der CDU unterstützt wird – und Kirchengemeinderat ist. Ich habe bei allen drei Bürgermeisterkandidaten nachgefragt, ob sie sich dafür einsetzen wollen, noch vor der Wahl die Straße umzubenennen. Das wollen sie (natürlich) nicht, weil ihre „Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen ist“ – so der Bürgermeister in einem Antwortschreiben vom 7. Mai an mich. Herr Scharer meint, ich solle darauf vertrauen, versichert mir, dass sich der Kirchengemeinderat verantwortungsvoll mit dem Thema auseinandersetzt.

Der Umgang mit dieser Sache ist beschämend. Und es geht weniger darum, dass sich jetzt eine Kommission damit befasst, das ist sicherlich angemessen und sorgt dafür, dass auch andere brutale Erziehungsmethoden anderer Lehrepersonen, über die nun auch gesprochen wird, diskutiert werden. Sondern auch darum, dass mit Joe Degado  seitens der Gemeinde oder der Gemeinderatsfraktionen bis heute immer noch niemand Kontakt aufgenommen hat.

Die politischen Fragen jedoch – ob die in einer solchen Kommission beantwortet werden?

Da ist zunächst einmal die Frage, wieso er überhaupt Ehrenbürger werden konnte. Mehrfach konnte man jetzt lesen, dass er in nichtöffentlicher Sitzung im Gegenzug dafür, dass die SPD Bürgermeister Hirth zum Ehrenbürger ernannt wissen wollte, benannt wurde. Obwohl mehr oder weniger „alle“ wussten, was Herr Böhe für ein Mensch war, stellt sich die Frage: wieso hat die SPD dem zugestimmt? Und: wer aus der CDU hat Anton Böhe vorgeschlagen? Gibt es wirklich niemanden mehr, der*die sich daran erinnert? Keine*n, der*die sich traut?

Dann wundert man sich, dass Herr Degado Anfang Oktober 2020 die Informationen bzw. Fragen zu Böhe an den Bürgermeister geschickt hatte (die E-Mail liegt mir vor) – und dann erst einmal nichts passierte. Wieso haben weder Bürgermeister noch Ältestenrat noch die Fraktionen Herrn Degado geantwortet? In welchem Umfang wurden die Fraktionen vom Bürgermeister oder ihren Fraktionsvorsitzenden in welchem Umfang informiert? Wieso hat man ein Thema von solcher Brisanz ausschließlich nichtöffentlich behandelt? Und wieso war ein Presseartikel im April 2021 nötig, damit endlich Bewegung in diese Geschichte kam? Wer ist verantwortlich dafür, dass man versucht hat, dieses Thema zu beerdigen, zu verbergen? Und was sind die Motive dafür? Denn dieser Versuch der Verheimlichung deutet ja darauf hin, dass man weiterhin nicht an der Causo Böhe rühren wollte. *Wieso also dauert es mehr als ein halbes Jahr, bis die Öffentlichkeit davon erfährt?*

Und obwohl Schweigen und Wegschauen und nichtöffentliches Handeln erst zu der heutigen Situation geführt haben – will man immer noch nichts daraus lernen.

schreibe ich heute in einem Leserbrief an den Gemeindeanzeiger. Auch wenn ich mir damit keine neuen Freund*innen machen werde – ich werde die Angelegenheit weiterhin offensiv verfolgen.

2 1 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments