1976 habe ich angefangen, Trompete zu lernen. Mein Vater war Zugführer und 1. Vorsitzender des Albgau-Musikzugs in Ettlingen. Man hatte auf von Fanfarenzug auf Ventilinstrumente umgestellt und natürlich wollte ich, als der Sohn, den diese Musik sein ganzes Leben schon begleitete, das auch erlernen. Ich konnte Noten lesen – denn ich hatte, wie damals üblich, ab der 1. Klasse Blockflöte gelernt – aber nun sollte es die Trompete sein. Ich lernte schnell und durfte schon bald auch bei den „Großen“ mitspielen.
Wie es manchmal so geht, in Vereinen, gab es Streit, mein Vater trat aus und übernahm nach einer kurzen Zwischenstation, ebenfalls in Ettlingen, den Hörner- und Fanfarenzug des Ettlinger Wasen, einem Karnevalsverein, zu dem auch eine Blasmusikkapelle gehörte. Die war ein bisschen berühmt-berüchtigt, weil oft laut. Man spielte nicht nur B-Trompete, sondern Es-Pistons bzw. Kornette. Im Gegensatz zum „Albgau“ waren viele junge Leute in dieser Truppe. Natürlich ging ich mit – und ich betrat durch die Tür des Proberaums an der Haltestelle Erbprinz, wo heute 2 Wohncontainer stehen, im 2 Stock des Hauses eine neue Welt. Eine Welt, die mich prägen würde, was ich damals aber noch nicht wusste.
Die ersten Proben waren wild, teilweise fehlte Disziplin, man testete Grenzen aus und rückblickend muss ich sagen, dass ich bewundern muss, wie man Vater das am Ende hinbekommen hat, sich den Respekt derjenigen, die blieben – es gehen in solchen Situationen immer ein paar Leute – verdient hat und eine neue Gruppe formte. Im Vorraum des Proberaums – es war eigentlich eine Wohnung – also im Vorzimmer, da gab es Bier, Cola, da wurde geraucht und gelacht und so kannte ich das nicht. Mädchen der zugehörigen Gardetanzgruppe waren da, ab und an wurde geknutscht, geflirtet. Ich war 11 Jahre alt, fast 12, einer der Jüngsten.
Bald zogen wir um, in einen Proberaum im Keller der Schillerschule in Ettlingen. Das alte Haus wurde abgerissen, wir probten disziplinierter und bald war ich einer von vielen, gehörte dazu. Man beschloss, dass die Blasmusik einen tonalen Unterbau benötigte und schuf Baritone an. Als gefragt wurde, wer so ein Instrument spielen wollte, meldete ich mich – und so spielte ich ab sofort einen Bariton, mit kleinerem Mundstück die Tenorhornstimme. Das tat ich, bis ich 1986 austrat.
Es folgten wunderbare Jahre. Wir waren 25 bis 30 Spielende – Jungs, Mädchen, junge Männer, junge Frauen. Ein paar Erwachsene – am Sousaphon, am Schlagzeug, zwei Frauen, die uns betreuten, für uns da waren, wenn wir auf Festen spielten oder beim Fasching, wenn wir auf Reisen waren. Wir sahen uns zweimal die Woche zur Probe, mittwochs und freitags. Bald schon sponsorte der Verein Musikschulbildung für die Bläser*innen, Gruppenunterricht. Das war attraktiv und so blieben wir auch lange zusammen. Manche von uns sahen sich also auch noch dienstags. Bei meinen Eltern trafen sich dann die Mütter derjenigen, die zur gleichen Zeit dort hingingen, man saß zusammen, die Jungen in meinem Zimmer, die Alten bei meiner Mutter – die Frauen schauten zusammen Dallas, danach ging es nach Hause.
Ich hatte meine erste Freundin aus diesem Kreis, mit 13 der erste richtige Kuss, andere Freundinnen aus diesem Kreis. Wenn die Bierzeltsaison anfing, sahen wir uns manchmal fünfmal die Woche. In der Fastnachtssaison auch – da sogar fast noch mehr. Zu den Proben, an den Wochenenden bei Auftritten. Prunksitzungen, auch bei anderen Vereinen, begleiteten wir musikalisch. Es waren nicht immer alle dabei, aber immer sehr viele. Wir verbrachten unsere Jugend miteinander. Wir lernten Musik machen, wir wurden sogar fast konzertant, wir lernten uns kennen, wir lernten fremde Welten kennen, weil wir alle aus ganz unterschiedlichen Schichten kamen, wir lernten was fürs Leben und wir reisten. Wir fuhren in die Karlsruher Partnerstadt Nancy, damals manchmal noch mit alten Omnibussen, bei denen man die Türen mit Klinken öffnen konnte – auch bei der Fahrt. Wir fuhren gemeinsam zu Auftritten in der gesamten Region und manchmal darüber hinaus. Wir waren in Epernay über ein langes Wochenende, der französischen Partnerstadt in der Champagne. Das größte Abenteuer aber waren die 3 Fahrten nach England, zur damals neuen Partnerstadt Clevedon, bei Bristol. 24 Stunden Busfahrt, ein Doppeldeckerbus. Gardemädchen, wir, die Musiktruppe, Leute vom Vorstand. Überfahrt über den Ärmelkanal, einmal bei Windstärke 8. Wir haben gelacht, gesungen, uns praktisch nie gestritten, manchmal waren wir in Familien untergebracht, manchmal gemeinsam in einer Schule oder einer anderen Massenunterkunft. Es wurde (leider) zu oft zu viel getrunken und auch das hatte manchmal Konsequenzen. Wenn der Verein ein Fest ausrichtete, waren alle da, halfen mit, brieten Bratwürste und Steaks, schenkten Bier und Cola aus und halfen mit auf- und abzubauen.
Irgendwann verlief es sich dann, wir schlossen Schulen ab, erlernten Berufe, zogen weg – und dann war es vorbei. Aus dem Musikcorps, wie wir zwischenzeitlich hießen, wurde sowas wie eine Guggenmusiktruppe. Es gab keine Handys, nur Telefonnummern und wie es halt so ist – am Ende hatten wir uns aus den Augen verloren.
Am 12. März 1998 trafen sich ein Teil von uns wieder – mein Vater wurde 60 und ein paar von uns spielten zu seinem Geburtstag ein paar der alten Stücke, die Gassenhauer. Wir hatten drei/viermal geprobt und das ging alles überraschenderweise noch gut. Wir trafen aufeinander und es war, als wäre kein Tag seit unserer letzten gemeinsamen Probe anstatt der 10,15 Jahre vergangen, wie es tatsächlich war. Wir saßen zusammen, wir hatten natürlich viel zu erzählen und bei der Feier saßen wir in der Gaststätte an einem Tisch – im Fürstenberg in Ettlingen West, das vom ehemaligen Untermieter meiner Eltern betrieben wurde – und es schien tatsächlich, als sei alles wie früher.
Das war es nicht – und wieder verliefen sich unsere Wege. Den einen oder anderen traf man wieder, auf dem Markt, im Sanitätshaus, beim Ettlinger Straßenfest, man redete ein bisschen und die gemeinsame Erinnerung verband.
Auf dem Weihnachtsmarkt habe ich eine der ehemaligen Trompeter*innen getroffen. Wir hatten uns 28 Jahre nicht gesehen. Wir redeten – und auf einmal war es da. Ihr Mann, meine Frau, standen daneben und sie waren mehr oder weniger abgemeldet. Wir hatten kaum Zeit, sie vorzustellen. Wir redeten und meine Frau sagte später, dass die Verbundenheit zwischen uns spürbar, erlebbar war. Mal sehen – vielleicht schaffen wir ein Treffen. Wenn wir alle wiederfinden.
Diese Verbundenheit, sie reicht bis ins Heute. Vieles von dem, was wir damals erlebt haben, würde heute kritisch beäugt. Der Alkohol, Rauchen im Bus, lustige Lieder zu singen, die nicht alle jugendfrei waren, fluchen, knutschen, lange wach sein, auch unter der Woche, sich ausprobieren, gemeinsame Arbeitsstunden für den Verein, durchwachte Nächte in vollen Bussen auf langen Reisen. Aber wir waren verbunden, mehr oder weniger eine Einheit, wir kannten einander, wir machten zusammen Musik und mussten uns aufeinander verlassen können. Ob wir uns gut oder weniger gut verstanden. Das ist das, was Kinder heute schlecht lernen, wenn sie kein Vereinsleben, ohne Eltern kennenlernen. Meine Eltern waren mehr oder weniger immer mit dabei – aber ich habe mich früh emanzipiert, habe gezeigt, dass ich zu den Anderen gehöre und keine Sonderrolle hatte. Wenn ich heute lese, dass Vereine, selbst Sportvereine, Nachwuchsprobleme haben, weil sich niemand mehr binden möchte und Mitgliedsbeiträge zahlen möchte – dann frage ich mich, ob die, die ihren Kindern das verwehren, wissen, was ihre Kinder verpassen. Wir waren nicht auf Leistung getrimmt – wir haben zusammen Musik gemacht und jede*r hat sein*ihre Bestens gegeben. Und wer schlechter war, der spielte etwas leiser, bis er besser geworden war. Und wer nicht besser wurde, durfte trotzdem bleiben. Wer jemals Teil einer solchen Gemeinschaft war, der weiß ganz genau, was das bedeutet. Diese rund 11 Jahre, die meine ganze Jugend waren, waren ein unbezahlbares Geschenk. Ich vermisse Euch alle.