Depression

Im Jahr 2006 hatte ich eine Depression. Keine leichte, es dauerte 14 Wochen, bis ich wieder gesund war. Und ich dachte, ich mach das jetzt mal öffentlich, weil gerade soviel falsches geschrieben wird, über Depressionen, über Depressive. Man bekommt den Eindruck, man wäre – auch als „Geheilter“- so eine Art Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Es ist für mich extrem diskriminierend, auf welche Art über diese Erkrankung geschrieben und gesprochen wird. Und weil ich es für wichtig befinde, dass Leute sagen: „ja, ich hatte oder habe eine Depression. Und seht her: mir geht es trotzdem „gut“, ich bring weder mich noch dauernd andere Leute um“, will ich meinen Teil dazu beitragen. Ich hoffe, ich kann andere ermuntern, es mir nachzutun.

Noch ein Wort voraus: ich bin geheilt, aber ich denke, eine Depression kriegt man so wirklich nie wieder los. Man muss drauf aufpassen, wie auf eine Diabetes. Man muss auf sich achten, auf Stimmungen, Belastungen, Ursachen, die zur Depression geführt haben, vermeiden, das eigene Verhalten reflektieren.

silhouette-faces by George Hodan (http://www.publicdomainpictures.net/view-image.php?image=35663&picture=silhouette-faces)

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Wie kam es dazu?

Anfang 2004 beschloss ich, mehr Ruhe in mein etwas unstetes Berufsleben zu bringen. Für die IT-Branche war ich mit knapp 40 praktisch zu alt, es gab ausreichend jüngere Bewerber_innen und ich hatte schon das Ausbildungspraktikum sehr speziell bei technoetcontrol im Bereich Massenkommunikationsserver absolviert und die anschließende weitergehende Spezialisierung  auf Branchensoftware machte es auch nicht einfacher. Programmieren konnte ich nicht, ich konnte ganz gut mit SQL und Datenbanken umgehen. Ich beschloss, eine Ausbildung als technischer Lehrer an kaufmännischen Schulen zu beginnen. Ein Vorbereitungsjahr an der Beruflichen Schule in Mühlacker begann, das ich 2005 als „Staatlich geprüfter Assistent für Bürowirtschaft“ abschloss. Damit war mir der Weg eröffnet, ans Staatliche Seminar für Didaktik und Lehrerbildung zu gehen und dort die Ausbildung zum Technischen Lehrer an kaufmännischen Schulen zu beginnen. Das Ausbildung erfolgte ähnlich wie eine duale Ausbildung, tageweise an der Schule im Referendariat im Unterricht – hospitierend und gestaltend – und am Seminar.

Ich scheiterte. Nicht nur daran, dass ich mit den Fachdidaktikerinnen nicht gut klar kam, sondern vor allem an meiner eigenen Unfähigkeit, Dinge nicht einfach nachmachen zu können – etwas, was sehr stark verlangt war. (ich möchte an dieser Stelle nicht über die Lehrerausbildung diskutieren, was aber auch mal ein Thema wäre)

Ich kam an meine Grenze – und es gab nichts, was mir hindurch half. Ich konnte weder meine Fehler und Mängel wegdiskutieren, noch war ich in der Lage, mein Lernverhalten und meine Arbeitsweise so zu ändern, dass ich Erfolg gehabt hätte. Ich suchte Unterstützung, bekam sie auch – Coaching, Beratung durch die Mentorin – aber nichts half. Ich stand vor einer Wand. Einer Wand, an der ich begann, zu verzweifeln. Das erste Mal in meinem Leben half keiner meiner erlernten Strategien. Und – wie sollte es weitergehen? Scheitern war nicht im Plan.

Ich wurde mehr und mehr rebellisch – und ich wurde müde – und antriebslos. Ich begann, die Unterrichtsvorbereitung morgens um fünf vor der Schule zu machen, korrigierte Klassenarbeiten spät und versuchte, mich durchzumogeln – was natürlich nicht funktionierte. Irgendwann, im Herbst 2006, kam ich endlich auf die Idee, mir einen Therapeuten zu suchen. Zum großen Glück war ich Lehrer im Referendariat – ich war verbeamtet und privat versichert – ich bekam binnen Tagen einen Termin. Nach kurzer Zeit schrieb er mich bis auf weiteres krank. Ich nahm Medikamente – und als es nicht besser wurde, weil ich keinen Ausweg fand, ich Zukunftsängste entwickelte (4 Kinder!, finanziertes Reihenhaus, …) und ich mich darüber hinaus auch wegen der Erkrankung schämte – nahm er mich Anfang Dezember 2006 in die  Privatklinik am Leisberg in Baden-Baden, wo er Chefarzt war (und ist) auf.

Anfang März, nach 14 Wochen stationärem Aufenthalt, wurde ich als geheilt entlassen – die Medikamente hatte ich mit der Einweisung sofort abgesetzt. Ich hatte weiterhin Therapie, bis hinein in den Sommer. Ich versuchte erneut, die Lehrerausbildung zu beenden, als ich merkte, dass das nichts mehr werden wird, war ich nun stark genug, um einen Plan B zu entwickeln. Ein Freund gab mir den Tipp mit Bildungsträgern und so begann ich, Office-Unterricht zu geben und übernahm zusätzlich beim Internationalen Bund eine Umschulungsklasse zur Bürokauffrau in EDV. Anfang 2008 wechselte ich dahin wo ich heute noch bin, zwischenzeitlich fest angestellt und bin Schulungsleiter einer FbW-Maßnahme, die sich an Menschen mit Vermittlungshemmnissen richtet.

Ich empfand mich während meiner Depression nie als aggresiv anderen gegenüber, war nicht suzidial. Klar, ich war manchmal aufbrausend, wenn mir alles zuviel wurde. Und diese Grenze war schneller erreicht als früher, als ich gesund war. Mein Selbstbild war das eines Menschen, der am Wegesrand auf einer Mauer sitzt und allen anderen zuschaut, wie sie vorbei gehen. Mein Glas war noch nicht einmal mehr halb voll. Und das, wo ich ein durch und durch optimistischer Mensch bin. Meinen Zustand hätte ich alleine aber kaum diagnostizieren können. Es hat gut ein halbes Jahr gedauert, bis ich die Einsicht hatte, dass nicht nur die anderen doof sind, sondern ich ein ernstes Problem hatte. Ich habe andere Menschen kennen gelernt  – denen ging es ähnlich wie mir und es gab andere, denen ging es viel schlechter. Vielen merkt man es im Alltag gar nicht an. Man wundert sich vielleicht manchmal – aber wie bei anderen Krankheiten ist der Kranke auch geübt, nach außen ein intaktes Bild aufrecht zu erhalten.

Die jetzige Berichterstattung über Menschen mit psychischen Leiden nach dem angeblichen erweiterten Suizid des Piloten ist extrem schrecklich und diskriminierend, rücksichtlos gegenüber allen, die an einer solchen Erkrankung leiden – ob stark oder wenig ausgeprägt. Man bekommt das Gefühl, als wären diese Krankheiten unheilbar. Das sind sie nicht. Eine Depression ist heilbar, zumindest kann sie genauso in den Alltag integriert werden wie andere chronische Krankheiten. Ich war keinen Tag mehr depressiv – habe mir nur nach dem Shitstorm 2 Termine bei meinem damaligen Therapeuten gegönnt – für alle Fälle. Und das war auch gut so. Man kann mit psychischen Krankheiten arbeiten, man kann lieben, essen, Sex haben, lachen, weinen, tanzen. Man muss halt ein bisschen besser auf sich aufpassen. Aber das sollte man ja sowieso.

Ich hatte Glück, weil ich privat versichert war. Wie es ist, wenn man das nicht ist, steht zum Beispiel hier.

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5 Gedanken zu „Depression

  1. Pingback: Volkskrankheit Depression | Tante Jays Café

  2. Dietmar Lust (@didilust)

    Danke Jörg für diese Worte, ich hoffe, sie tragen ein bissle dazu bei anders über Depression zu denken. Danke auch, weil es mich selbst berührt hat und ich mich auch in der einen oder anderen Situation wieder gefunden habe.

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  3. Berta Brahmer

    „Man muss halt ein bisschen besser auf sich aufpassen.“

    Ja, Herr Jörg, das ist wohl der Weg, für Sie: Offenheit aus und mit Zuversicht – Keine selbstgebauten Verstecke mehr, keine Barriere mehr, keine Bergsteigerei medhr, sich selbst durchschauend

    „Aber das sollte man ja sowieso.“
    Sowieso?
    Alles ist (nur) „sowieso“.

    Jeder, wirklich jeder, muß mit „etwas“ Leben.
    Das zu wissen, reiht wieder ein – und aus, aus dem selbsterrichteten Kordon.

    Sie brauchen sich und Ihre Familie mehr, als alles, das Sie nicht lösen können, weil es aus der Position des vereinzelten Einzelnen nicht lösbar ist, nie.

    Wenn ich nun richtig hinschaue, ist dieser Weg nun keine Demo (mehr), sondern etwas Leichteres, Erleichterndes, warum sollte man nicht einfach auch mal zuschauen, „auf der Mauer“ am sicheren Rand sitzend, „wenn Leute vorüberziehen“, das kann Überblick schaffen, über sich und andere zugleich, und das hat bekanntlich noch nie geschadet.
    Und:
    Dabei kann man nicht stolpern, muß man nicht stolpern, kann man mit Gelassenheit Kraft sammeln für den richtigen Blick, den Überblick – wovor noch immer jede (auch längst ausgewanderte) Depri sich mehr fürchtet, als ihr Besitzer sich vor dieser
    Nur wissen muß man es, nicht unterwegs vergessen

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  4. Arne Babenhauserheide

    Danke für deinen Artikel!

    Und danke auch für den Link zu Robin. Aus dessen Artikel: „Wusstet ihr nicht, ne?“ ← ne, wusste ich nicht. Habe ich aber geahnt und gehofft, nie selbst damit Probleme zu bekommen.

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