Die Schwäche der CDU, konservativ denkende Menschen an sich zu binden, stärkt die AfD. Der Kern der alten Republik, in der ich groß geworden bin, nimmt Gestalt an, verfestigt sich, bahnt sich seinen Weg und sitzt im Parlament. Es ist ja nicht so, als wäre die alte Republik ein Hort der Menschenfreundlichkeit gewesen. Sondern eher die Republik der verfehlten Entnazifizierung. Weil die Allierten beschlossen hatten, dass Deutschland weiter existiren darf. Und sie dazu deutsche Verwaltungsbeamt*innen, Richter*innen, Anwält*innen, Polizist*innen, Arbeitende, Angestellt brauchten, die dieses Deutschland wieder aufbauen sollten. Da musste man wegschauen, wenn es darum ging, was diese vielen Menschen im Krieg getan hatten. Dabei lag es offen auf dem Tisch, wie wenig sich verändert hatte.
Die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Gebieten wurden im Alltag oft beschimpft und ausgegrenzt. Gängige Schimpfwörter waren unter anderem „Flüchtlingspack“, „Beute-Deutsche“, „Polacken“ oder „Rucksackdeutsche“. Die Ressourcen waren knapp, Wohnraum wurde okkupiert, Konflikte waren vorprogrammiert – auch wenn die Ursache ja der Sieg der Allierten war und damit die Niederlage Nazideutschlands. Die Verursachenden waren nicht in der Lage, die Konsequenzen zu tragen und zu erdulden, den Preis zu bezahlen, den sie sich verdient hatten.
Neben dem Totschweigen der Gräueltaten, der Verweigerung, Verantwortung anzunehmen, über die es zahlreiche Literatur gibt, zeigt gerade die Kontinuität im Verwaltungshandeln, dass die alte Republik im Kern den Natinoalsozialismus nicht überwunden hatte. Wenn auch zunächst verstohlen, wurden weiterhin Nazilieder gesungen, von „es war nicht alles schlecht unter Adolf“ bis hin zu Persönlichkeiten wie Filbinger, die sogar Ministerpräsidenten werden konnten. Und der bei seinem Trauergottesdient zum Widerstandskämpfer umgedichtet wurde. Und das niemand dazu brachte, aufzustehen in dieser Kirche und laut zu widersprechen. Auch den damals anwesenden grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann nicht. Die Feigheit, diese Leute zu konfrontieren, auszugrenzen, sich davon zu distanzieren, ist die Spur, die sich durch die Jahrzehnte zieht.
In den 1950ern bis in die 1970er hinein wurden Gastarbeitende aus Italien, Spanien und Griechenland rekrutiert. Zu Beginn an noch mit Neugierde, schlug die Stimmung bald um und aus den Fremden wurden Kanaken, Itacker, Spaghettifresser und, als Türk*innen dazu kamen, „Kümmeltürken“. (In DDR waren es Vertragsarbeitende aus Vietnam, Kuba und Mosambik, denen es vergleichbar ging – trotz staatliche verordneter Völkerfreundschaft.) Das N*-Wort, das Z*-Wort, das M*-Wort, diskriminierende, abwertende Äußerungen waren gesellschaftlich akzeptiert. Bis heute solle man sich nicht so haben, das wäre doch „alles nicht so gemeint“ und obwohl sich die Betroffenen seit Jahrzehnten wehren, benennt man heute keine M*-Straßen um, sondern verteidigt die Bennenung mit falschen Aussagen über die Bedeutung. Boris Palmer ist einer derjenigen, der nicht müde wird, den deutschen, verbalen Rassismus zu verteidigen.
Wenn ein Begriff für viele, die ihn verwenden, keine rassistische Bedeutung hat, muss es doch auch eine Rolle spielen, wie er gemeint ist. Deshalb finde ich es falsch, gleich von Rassismus zu sprechen.
Es ist diese Republik, in der ich aufwuchs, die durch nichts mehr als die CDU repräsentiert wird. Dabei habe ich selbst lange übersehen, wie sehr die SPD damit verbunden ist und trotz gewerkschaftlicher Aktionen wie „Mach meinen Kumpel nicht an“ oder der in der Breite des bundesdetuschen Fußballs basierenden Aktion „Mein Freund ist Ausländer“ nach den Pogrom in Solingen findet man gerade in auch dort immer wieder ausgrenzende Positionen.
Heute ist der 6. September 2026 und in Sachsen-Anhalt blickt man gebannt auf die Landtagswahlen. Es droht eine absolute Mehrheit der AfD und im Grunde müssten sich alle Demokrat*innen Seite an Seite stellen und diese Partei gemeinsam bekämpfen. Doch das geschieht nicht. Es geschieht nur vordergründig. Viele Bürger*innen grenzen sich von der AfD ab. Und trotzdem werden ihr in Sachsen-Anhalt mehr als 40% Wähler*innen prognostiziert und imn Bund knapp 30%. Das ist keine Lappalie.
In einem Artikel aus der Frankfurter Rundschau, veröffentlicht gestern früh. Es ist ein Interview mit dem Soziologen Oliver Nachtwey, der klar diagnostiziert:
„Es gibt in Teilen der Union immer noch die Illusion, man könne die AfD spalten – den bürgerlichen vom rechtsextremen Teil trennen. Diesen Leuten möchte man raten, noch einmal die Geschichtsbücher über die Machtergreifung der Nationalsozialisten zu studieren. Damals gab es im Bürgertum exakt dieselbe Illusion, man könne diese Kräfte einhegen oder entzaubern.“
Ich erweitere das um konservative Politiker*innen. Cem Özdemir und Boris Pistorius gehen gerade mitderselben Idee hausieren – sie illusionieren einen bürgerlichen Teil der AfD, den sie „deutschnational“ nennen und einen rechtsextremen, den sie „völkisch“ nennen. Das ist gefährlich – weil es den Widerstand gegen die AfD spaltet und gleichzeitig dafür sorgt, dass Positionen, die als „nicht vökisch“ wahrgenommen werden, normalisiert werden. Dabei ist öllig offensichtlich, dass die AfD in ihrer Gesamtheit rechtsextrem ist und verboten gehört.
Merz, Özdemir, Pistorius – und in keiner der drei Parteien gibt es Widerstand gegen diese Positionierung. Das ist fataler als fatal. Das zeigt, dass der Wunsch, keine Konfrontation eingehen zu müssen oder der Gedanke, dass die AfD so groß ist, dass man ihre realpolitsch entgegen treten könne, weit in der sogenannten Mitte der Gesellschaft vertreten ist. Im Grunde haben wir mit der Äußerung von Özdemir und Pistorius bewiesen, dass wir den Kampf schon verloren haben.
Ich möchte gerne weiter gegen Nazis, die AfD, Querdenken, Pegida und was auch immer im Umfeld dazu gehört, aktiv sein. Wie kann ich das, wenn ich mit Leuten aus Parteien auf die Straße gehen muss, die der Normalisierung aus den eigenen Reihen nicht entschlossen entgegen treten? Die so tun, als wären sie alle ja gegen die AfD, gegen Rechtsextremismus – und so tun, als hätte ihre eigene Parteimitgliedschaft nichts mit dem zu tun, was ihre prominente Vertreter*innen öffentlich äußern? Was tun mit den Leuten, die dem Antisemitismus in der DIE LINKE nicht entgegen treten? Hab ich mich schon spalten lassen oder geh ich trotzdem hin – und weise daraufhin, dass ich eine klare Distanzierung benötige?
Ich bin ambivalent. Weil ich es einerseits immer richtig fand, nicht mehr mitzumachen, mich nicht Seite an Seite mit Menschen zu stellen, wenn Positionen vertreten wurden, permanent, prominent, ohne dass noch Gegenwehr wirklich möglich war, oft genug Gegenwehr weggebügelt wurde. Bei den Grünen, bei der LINKE, bei DiB. Aber wenn ich konsequent bliebe, stünde ich nahezu alleine. Bliebe ich das nicht, fühle ich mich, als würde ich mich selbst verraten. Überwiegt der Zweck? Einerseits ja. Andererseits……