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Pendeln mit dem Fahrrad statt mit dem Auto

Ende April habe ich mir über Jobrad ein E-Bike bestellt. Auch wenn wir ja seit 2019 einen Plug-In Hybrid fahren, der auf der Pendelstrecke zwischen 1,8 und 2,5l Super verbraucht (je nach Jahreszeit) und insgesamt inkl. mehrere hundert Kilometer weiten Urlaubsfahrten (Süditalien, Montenegro) insgesamt bei rund 3,3l Durchschnittsverbrauch liegt, gab es Gründe, das endlich anders zu machen. Das fängt bei CO2-Bilanz an, die trotz dieses Autos halt immer noch nicht wirklich gut ist und dazu gehört auch persönliches Wohlbefinden. Ich bin 56 Jahre alt, hab das eine oder andere Zipperlein und habe trotz unterschiedlicher Anläufe es über die Jahre nicht geschafft, Sport wieder in mein Leben zu integrieren. Mit dem Fahrrad zur Arbeit kostet mich 30 Minuten auf einer Strecke mehr Zeit – und bringt mich für gut und gerne 50 Minuten in Bewegung.

Mein Problem war bis dato, dass ich um 4 Uhr Arbeitsbeginn hatte und um diese Uhrzeit kein ÖPNV zur Verfügung steht. Also blieb mir nur, mit dem Auto die 23km lange Strecke zu pendeln. Ich hatte zu Beginn meiner Tätigkeit bei meinem Arbeitgeber versucht, mit der letzten S-Bahn um 2 Uhr bis Karlsruhe Hauptbahnhof zu fahren, von dort aus mit dem Fahrrad die restliche Strecke. Da war ich dann aber immer zu früh dort – was auch nicht sinnvoll war. Vor allem war mir das Aufstehen um 1:00 Uhr nicht wirklich angenehm. Der Verlust von Lebensqualität war mir zu hoch.

Mit einer Umstellung der Arbeitsprozesse hat sich das seit Januar geändert. Meine Arbeitszeit beginnt in der Regel ab 5 Uhr. Und so konnte ich den Plan, zunächst bis Ettlingen zu fahren, von dort aus mit der Bahn zum Hauptbahnhof in Karlsruhe und dann den restlichen Weg realisieren. Auch mit E-Bike erschienen mir zunächst die 21 km zu viel, um sie vor der Arbeit zu fahren.

Die Fahrradauswahl fiel mir schon schwer. Es gibt massenhaft Angebote unterschiedlichster E-Bikes. Kleine Hersteller, große Hersteller, Räder aus Deutschland, Europa, sonst woher. Die Preisspanne ist hoch. Also ging ich den für mich einfachsten Weg: ich informierte mich bei einem Bekannten, der im Fahrradhandel arbeitet – leider allerdings in einem Segment, in dem ich nicht fündig werden konnte. Aber er gab mir ein paar Empfehlungen und ich ging damit in Karlsruhe zu Rad & Tat –  seit 1983 in Karlsruhe und ein alteingesessenes Fahrradgeschäft. Ich schaute mich in Ruhe um und mir war klar: ein E-Bike, das wie ein Schlachtschiff aus einem Erol Flynn-Film aussieht, wollte ich nicht.

Bei Rat & Tat stolperte ich dann über das Coboc ISEO. Es war teuer, keine Frage – aber ich saß gut drauf, es fuhr gut. Das schlichte Design gefiel mir, das Fahrrad war mit 17kg leicht für ein E-Bike. Die Bedienung war einfach – auch wenn mein altes Smartphone sich partout per Bluetooth nicht verbinden wollte – um die Feineinstellungen vorzunehmen.  Ein Knopf fürs Einschalten sowie die Stärke der Unterstützung ( 2 Stufen) einzustellen unter der Stange, mit demselben Knopf Licht ein- und ausschalten. Der Motor ist eine Eigenentwicklung, der sich stufenlos an die von mir angewendete Kraft anpasst. Daneben der Anschluss fürs Ladegerät. Der Akku ist  im Rahmen verbaut – ich setze darauf, dass der so zuverlässig ist wie der Akku von unserem Toyota. Aber dafür hat das Rad keine wuchtigen Elemente. Das Rad hat sieben Gänge – wie mein Jugendrad, das ich gefahren bin, bis ich zu Hause ausgezogen bin. Diese Parallelität hat mir sofort gefallen. Ich habe mir dazu eine Federgabel und einen gefederten Sitz geleistet – das macht das Rad ein bisschen schwerer. Aber es ist wesentlich angenehmer zu fahren. Wichtig war mir auch, dass das Rad hier in der Nähe, in Heidelberg produziert wird.

Leider konnte Rad & Tat, wo man mich wirklich gut und zuvorkommend beraten hat, nach eigener Auskunft erst vermutlich Ende des Jahres liefern. Also schrieb ich mehrere Fachhändler an und kaufte es am Ende beim großen Engelhorn in Mannheim. Ich konnte es selbst abholen, das Geschäft ist bahnhofsnah.

Seit dem 25. April also fahre ich nun mit dem E-Bike. Das Ziel waren drei von vier Arbeitstagen mit dem Rad zu bewältigen. Einmal die Woche hab ich meist etwas zu transportieren, oft Obstkartons für den Malscher Fairteiler. Die passen nicht hinten drauf. Irgendwann könnte aber ein passender Anhänger dazu kommen. Mal sehen.

Ich will spätestens um 5 Uhr bei der Arbeit sein. Die Strecke sind gut und gerne 21 km und ich hatte mir vorgenommen, im Mai bis Ettlingen zu fahren – und dann mit der S-Bahn nach Karlsruhe, dann durch die Stadt (Oststadt, Rintheim) zu meiner Arbeitsstelle im Industriegebiet Hagsfeld. Das hat gut geklappt. Im Schnitt braucht ich gut 25 Minuten für die erste Teilstrecke, insgesamt knapp über eine Stunde. Zurück fuhr ich die ganze Strecke mit dem Rad.

Am 4. Montag allerdings – am 16. Mai, hab ich wohl nicht auf die Uhr geschaut. Ich kam genau zwischen zwei S-Bahnen an – die um 4:09 Uhr war weg, die um 4:29 Uhr noch nicht da. Also gab ich mir nen Ruck – und fuhr die ganze Strecke. Und das ging gut – ich war sogar ein bisschen schneller. Seitdem mache ich das genau so.

Ich bin zweimal mit dem Rad gestürzt – einmal wegen zu hoher Geschwindigkeit und einer 90-Grad-Kurve und einmal wegen Bremsen mit der Vorderradbremse. Die Unart, Fahradwege über Autostraßen so zu gestalten, dass man zusätzliche Kurven fahren muss, wo doch eine gerade Streckenführung ebenso möglich wäre, zeigt, wie benachteiligt Fahrradfahrende im Straßenverkehr immer noch sind.

Gleichzeitig stehen am Fahrradweg Schilder für „Vorfahrt gewähren“ – man muss also bremsen um die Autos immer durchzulassen. Und das macht man auch besser – denn man ist ja erst in der Kurve sichtbar, wenn man von rechts kommt. An vielen anderen Stellen im Landkreis ist die Unterordnung von allen anderen Verkehrsmitteln unter die Autos ebenfalls so geregelt – was völlig unverständlich ist.

Ich war natürlich von Beginn an sehr motiviert. Ich war ein Fahrradfahrer, der auf dem Regelfahrrad nie größere Touren unternommen hatte. Zu sehr hab ich mich immer über Gegenwind und Hügel geärgert. Meine einzige Fahrradtour ging mit 13 oder 14 nach Dahn in der Pfalz, damals mit der KJG. Und ich fand das tierisch anstrengend. Über die Jahre hatte ich sogar phasenweise gar kein Fahrrad. 2005 hatte ich mir ein reguläres Touringrad gekauft und bin damit oft von Malsch zur Schule nach Karlsruhe gefahren. Eine Zeitlang auch dann zu meinem Arbeitgeber in der Karlsruher Südstadt. Leider bekam ich irgendwann Probleme mit der Atmung, weil ich früh immer volle Pulle losfuhr. Ich konnte mir das nicht abgewöhnen – und ließ es dann sein. Danach fuhr ich nur noch im Ort herum – keine wirkliche Herausforderung, kein Training.

Mit dem E-Bike waren beide Probleme weg. Der Motor „schob“ mich die kleinen Hügel auf der Strecke hinaus, so dass ich kaum schalten musste. Und er tat das auch durch den Gegenwind, wenn es mal welchen gab (erst heute früh wieder). Und ich lernte mit der Unterstützung, mich nicht so anzustrengen. Das Problem tritt nur noch bei steilen Anstiegen auf – ich werde das aber wegtrainieren – so hoffe ich.

Also fahre ich jetzt früh morgens los. Um 4 Uhr ist es noch dunkel. Es singen noch keine Vögel. Ich treffe höchstens mal ne Katze, die Rinder am Ortsausgang sehe ich nicht – ich rieche sie nur. Ab und an sehe ich den Zeitungsausträger mit seinem Auto. Das Licht am Fahrrad ist sehr gut, ich fahre ja über einen Fahrradweg, der ganz unbeleuchtet ist. Wenn mich eine Handvoll Autos überholt, dann ist das viel. Ich höre das Sirren der Reifen auf dem Asphalt, bin alleine mit mir und meinen Gedanken. Es ist entspannend. Manchmal kreist ein Ohrwurm im Gehirn (heute früh „Himbeereis zum Frühstück“ von Hoffmann und Hoffmann), oft plane ich Dinge schon vor, führe Gespräche mit meiner Frau oder den Kindern oder denke einfach irgendwie nix. Ich habe mir angewöhnt, mein Tempo, so wie es ist, anzunehmen. Das Ego auszuschalten und keine Rekorde brechen zu wollen, sondern die Fahrt dauert so lange, wie sie dauert. Je nach Tagesform – die aber immer ungefähr gleich ist.  Ich treffe meist dieselbe Katze in Ettlingen in der Durlacher Straße, heute früh hat kurz vor Wolfartsweier ein Reh meinen Weg gekreuzt. Ich denke die Strecke in Abschnitten (bis Ettlingen, bis Durlach, hurra, endlich da) und es macht mir nach wie vor Spaß. Belohnt werde ich damit, dass ich in den Tag hineinfahre und hübschen Sonnenaufgängen.

Pfinzentlastungskanal am Beungraben morgens um kurz vor 5 Uhr im Mai

 

oder einer Landschaft, an der ich oft mit dem Auto vorbeifahre – und sie nun, mit dem Fahrrad, sehr viel bewusster wahrnehme. Wiesen, Waldrand, Streuobstkulturen. Manchmal fahre ich in Ettlingen-Oberweier nicht wieder „runter“ an die L 607 – sondern fahre weiter oben die Feldwege entlang und genieße den Heimweg. Wenn mal das Telefon klingelt – ich hab ja Rufbereitschaft bis nach 13 Uhr – sitze ich dann auf einer Bank am Wegesrand und schaue aufs Rheintal hinunter und arbeite.

Das Ziel, fitter zu werden, das Phlegma abzulegen, dass sich oft einstellt, wenn man früh aufsteht, dann mittags ein bisschen schläft und dann den Rest des Tages angeht, lässt sich so gut angehen. Ich fühle mich besser, die Nachbarin meint, man sähe es. Die Entscheidung scheint richtig gewesen zu sein. Ich fühle mich der Gruppe „Radpendler“ zugehörig – eine Gruppe, auf die ich ein wenig neidisch bewundernd geschaut hab all die Zeit.  Ich habe tatsächlich einige ( 314, Stand 20. Mai) Auto-Kilometer mit CO2-freien (weil Ökostrom) Fahrradkilometern ersetzt. Heute kamen schon wieder 42 dazu.

Meine wichtigste Erkenntnis: auch mit untrainierten 56 bin ich fit genug, diese Strecke zu bewältigen. Ziel bleibt, mit weniger Motorunterstützung zu fahren – auch ein Grund, ein leichtes Rad zu kaufen.  E-Bikes leisten einen wichtigen Beitrag. Grade für so Menschen wie mich, die auch vielleicht ein wenig zu viel Respekt für so ein Unterfangen hatten – und sich so gar nicht erst richtig rantrauen. Über die Möglichkeit des Jobrads hinaus – sollte das viel mehr gefördert werden. Denn es profitiert nicht nur die Umwelt – sondern auch die Gesundheit dessen, der*die fährt.

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Tanja Shala

Über die Möglichkeit des Jobrads hinaus – sollte das viel mehr gefördert werden. Denn es profitiert nicht nur die Umwelt – sondern auch die Gesundheit dessen, der*die fährt“……so ist es. Klasse Bericht <3