ökologisch und sozial

Wo wollen wir hin, als grüne Partei? Die Frage stellt sich mir immer wieder und mit jedem Jahr, das ich Mitglied bin, wird diese Frage dringlicher.

Ich erinnere an die 4 Säulen dieser Partei: ökologisch, sozial, basisdemokratisch, gewaltfrei

Es ist sicherlich kein Zufall, das „ökologisch“ und „sozial“ nebeneinander stehen. Ich für mich nehme aber wahr, dass von sozial und gewaltfrei nicht mehr viel übrig ist. Die Basisdemokratie steht ebenfalls auf dem Prüfstand, bedingt durch Flügel, die alleine dafür da sind, Menschen an Positionen zu hieven, wo viele von ihnen dann keine mehr vertreten, sondern die Positionen, für die sie gewählt wurden, munter beugen, neu interpretieren oder schlimmer noch – mittels Verlautbarungen in der Presse umdefinieren. Oder gezielt für eine Stimmung sorgen, die eine freie und eigenständige Verlautbarung der Basis nahezu verunmöglichen. Aktuelles Beispiel dafür ist der Koalitionsvertrag aus Hamburg: ein Koalitionsvertrag gilt erst, wenn die Basis der Partei zugestimmt hat. Medial wird aber so getan, als wäre all das überhaupt kein Thema mehr, man spricht vom 9. Bundesland, in dem wir regieren, Kritik am Vertrag wird intern und öffentlich als „Meckerei“ diskreditiert. Von Cem Özedemir bis Katharina Fegebank und vielen anderen Politiker auch außerhalb von Hamburg machen somit deutlich, dass sie keinen Respekt vor der Entscheidungshoheit der Basis haben. Das wird seit Jahren stärker – eklatant war zum Beispiel die Kampagne von Boris Palmer, Winfried Kretschmann und Dieter Janecek, mit die 2013 das Steuerprogramm mittels Medien torpediert haben und so zum Stimmenverlust bei der Bundestagswahl beigetragen haben- anstatt sich mit ihren Anträgen dem Votum eben der Basis zu stellen. Das vermeiden sie – den sie hatten Angst vor einer Niederlage. Diese Leute denken, dass wenn sie einen Antrag verlieren, sie eine politisch beschädigt wären. Dabei gehört gewinnen und verlieren zum Wesen der Demokratie. Wenn aber maßgebliche Köpfe dieser Partei schon nicht mehr in der Lage sind, grundlegende Spielregeln der Basisdemokratie zu akzeptieren – und trotzdem wiedergewählt werden und Kritik an ihnen wie Königsmord behandelt wird – was sagt das dann über diese Partei aus?

Wundert es einen dann, dass wir die soziale Dimension der Ökologie aus dem Blick verloren haben? Schlimmer noch – dass eine ambitionierte Sozialpolitik zwischenzeitlich mehr oder weniger bekämpft wird?

Aktuelles Beispiel? Anstatt weiterhin die Ausnahmen vom Mindestlohn zu kritisieren und die SPD inhaltlich zu stellen, wird gemeinsam mit der GroKo dieser Ausnahme-wird-zur-Regel-Mindestlohn von 8,50 € bejubelt:

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Wenn wir wissen,  dass wir für Verbesserungen streiten müssen – warum lassen „wir“ es dann bleiben, wenn Gelegenheit dafür da ist? (Minderjährige ohne Berufsabschluss, Azubis und die meisten Praktikanten sind davon ebenso ausgenommen wie Langzeitarbeitslose in den ersten sechs Monaten einer neuen Beschäftigung. Lohnuntergrenzen bei Minijobs gibt es nur mit Ausnahmen in sechs Branchen mit weit über einer Million Beschäftigten mit tariflich vereinbarten Mindestlöhnen, die von einer Übergangsregelung Gebrauch machen –  Fleischindustrie, Leiharbeit, Land- und Forstwirtschaft sowie Gartenbau, Textil- und Bekleidungsindustrie, Friseurhandwerk, Großwäschereien)

Weil die Parole ausgegeben wurde, dass sich die Sozialpolitik sich der Wirtschaftspolitik unterordnen muss. Angefangen beim Green New Deal bis hin zum „Grünen Wachstum“, das vor allem aus der Heinrich-Böll-Stiftung, Kuhn, Palmer oder Kretschmann als Versöhnung der Grünen mit der Wirtschaft ausgegeben wurde, ist heute eine vernünftige Sozialpolitik, die den Mut hat, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen, nicht mehr möglich. wie wir überhaupt immer seltener den Mut finden, unbequeme Wahrheiten zu äußern.

Eine ökologische Politik, die alleine auf Wachstum setzt, ist keine. Auch wenn dieses Wachstum grün ist. Erstes Ziel müsste sein, ein Nullwachstum anzustreben. Grünes darf nur wachsen, wenn damit Ungrünes ersetzt wird. Das passiert aber nicht – weil die Player nicht ausgetauscht werden. Wer weiterhin auf die Player im Wirtschaftsgeschehen setzt, die jetzt schon den Ton angeben, wird keine ökologische und soziale Wirtschaft erreichen. Warum sollte ein Konzern wie Daimler über das Allernotwendigste hinaus seine Produktpolitk ändern – wenn er egal was er macht hofiert wird? Arbeitsplätze? Das war schon immer das Argument der Wirtschaft, wenn sie sich nicht bewegen wollte. Es ist kaum einzusehen, warum Daimler Arbeitsplätze abbauen müsste, wenn sie alle Autos ab sofort als Hybrid-Autos produzieren würde.Und diese Autos müssten dann nicht teurer sein – aber die Rendite für Daimleraktien könnten dagegen sinken. Das ist die Botschaft, die man von einer Partei, die sozial und ökologisch sein möchte, hören müsste.

Es wird nicht gehen, ohne mehr Umverteilung. Und es wird Zeit, sich mit aller Macht gegen die Interpretation dieses Begriffes als „irgendwas mit Kommunismus, Sozialismus, DDR“ zu wenden, sich zu erheben, die Meinungshoheit über die Ökologie zurückerobern.

Ja, unsere Themen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber wie? Trotz allem Bewusstsein haben die Bürger_innen noch immer nicht angefangen, zu handeln. Trotz Verständnis für die Situation der Näher_innen in Bangladesh erfreuen sich Händler wie Primark oder Zalanda größter Beliebtheit. Trotz Bewusstsein über die Zustände bei amazon kaufen Leute Kindles und bestellen dort ihre Bücher – auch Grüne. Die Gesellschaft reproduziert grünes Gedankengut – aber in einer light-Form – die nicht viel mehr als Klicktivismus ist. Ein egoistische Ökologie – die nur umgesetzt wird, wenn es Geld dafür gibt, wenn man selbst nichts investieren muss, bei dem man eventuell nichts mehr rausbekommt. Warum Hähnchen vom Biobauern für 10-18 € das Stück, wenn Wiesenhof doch auch sowas anbietet?

Wir als grüne Partei müssen dafür eintreten, die unbequeme Wahrheit zu sagen. Eine ökologische, eine soziale Marktwirtschaft wird es nicht geben, wenn wir nicht bereit sind, abzugeben. Und wenn wir für eine solidarische Gesellschaft eintreten – dann müssen wir sie vorleben. Uns wird immer vorgehalten, wir meinten, wir wären die besseren Menschen. Das sind wir nicht, wir sind fehlbar wie jedeR andere auch. Aber die Erwartung führt dazu, dass Bilder entstehen wie die vom Grünen, der mit dem Familien-SUV zum Bioladen fährt oder fliegt anstatt den Zug zu nehmen für seine Reise.

Es gibt keine Wachstumsideologie, die nicht auf Ausbeutung basiert. Wenn wir aber an das glauben, was wir sagen, dann müssen wir uns vom Wachstum verabschieden. Europa wird sich nur sozial erholen und den Frieden wahren, wenn die Griechen von einer prosperierenden Wirtschaft genauso profitieren wie die Deutschen. Ich plädiere daher für einen Finanzausgleich nach Vorbild des Länderfinanzausgleichs. Wenn Deutschland über die Maßen Exportüberschüsse hat – dann muss Deutschland diese Überschüsse auch, die auf Kosten anderer Länder entstehen, in einem solidarischen Europa ausgleichen. Das hätte den Vorteil, dass sich auch unser eigener Fokus ändern könnte – weg von einer Gewinnmaximierungsstrategie hin zu einer Strategie, die wieder das Wohlergehen des Einzelnen in den Blick nimmt. Teilen, abgeben, eine Wirtschaftspolitik für den Menschen – keine marktgerechte Demokratie – sondern ein demokratischer Markt. Alle müssen an Erfolgen partizipieren können, aber nicht alle im selben Maße. Dazu braucht’s auch höherere Steuern. Und wem das klar ist – dem wird klar, warum neoliberale Grüne wie Palmer et. al so vehement dagegen gekämpft haben. Denn ihre Politik zielt auf eine Wirtschaftspolitik, die keinen Raum mehr lässt für Kritik am Wirtschaften – sondern nur noch auf den finanziellen Erfolg abzielt. Dazu braucht es aber keine  GRÜNEN – das macht die CDU schon lange und die SPD auch.  Lassen wir dies weiterhin zu – machen wir uns unnötig. Darum gilt es zu kämpfen. Und weil die Flügel das nicht mehr tun, streiten, kämpfen, verwirklichen – darum haben sie sich überlebt und hindern sogar. Fangen wir an. Holen wir uns die Partei zurück.

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2 Gedanken zu „ökologisch und sozial

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  2. Berta Brahmer

    Das ist nicht nur gut geschrieben, sondern auch gut gepackt – an der Wurzel:
    „Holen wir uns die Partei zurück“
    Ergänzend könnte man noch sagen, die, die sich ein Joseph Fischer mal unter den Nagel riß, um damit etwas völlig anderes zu machen, unter anderem einen Krieg, deren Kriegsflüchtlinge wir nach Jahrzehnten noch heute in Massen durch Europa hin und her und letztlich zurück ins Kosovo schieben, da hätte man auch ohne diesen Kosovo-Krieg alles beim Alten lassen können, es wären wohl weniger Tote, Verstümmelte, Vertriebene, Sozialflüchtlinge und armseelige Existenzlose Menschen in Europa, im Kossovo, als jetzt,
    und: Daraus nix gelernt.

    Ja, holen wir uns die Partei(en) zurück, denn das betrifft nicht nur die Grünen, die mehr und mehr in das von der FDP hinterlassene „Loch“ fallen, aber nicht etwa als „neoliberale Grüne“, wie hier der Autor diese Leute bezeichnet, denn „neoliberale Grüne“ gibt es nicht, da das zwei gegensätzliche Ideologien sind, die nicht zusammengehen können.
    So sind diese Sorte Grüne wohl eher – und das schon immer – NeoÖks, denen sogar die (speziel soziale) Liberalität inzwischen unheilig und wurscht ist, was sich unter anderem auch schon in den etlichen Versuchen der Bildung neuer „liberaler“ Varianten von Parteigruppierungen niederschlägt.

    Jede Partei, so (mit)regierend, muß taktische und strategische Koalitionskompromisse eingehen wollen, und das auch können können, aber nicht auf der ganzen Linie sich dabei die ureigensten Kanten, ihre Identifikation und Alleinstellungsmerkmale versabbern lassen.
    Insofern, Herr Jörg, verstehe ich diesmal Ihr Anliegen in Gänze, nicht jedoch die schlacksige Abwimmelung der Frau Göring-Eckardt.

    Dennoch erlaube ich mir einen Hinweis zu (nicht nur) Ihrer Verwendung von „sozial“,
    offensichtlich als ein (1) „Ressort“, der auch einer Partei zu denken geben sollte, die mit der Parole „…u n d sozial“ herumzieht:
    „Sozial“ ist ALLES, was sich zwischen, in, mit, durch und um den / die MENSCHEN abspielt, was gesellschaftliche und deshalb „soziale“ Relevanz betrifft, und damit nicht nur die kleinliche Betrachtung der „sozialtechnischen Versorgung“ der Bedürfnisse von Menschen.
    Ökologie ist DIE bedeutsamste soziale Komponente, ebenso die unbedingte Gewaltfreiheit ist ausschließlich als soziale Komponente wertbar, last not least auch „die Wirtschaft“ und die Demokratie, die sich ausschließlich in und durch die Sozialität, durch die Menschen unserer Gesellschaft, realisieren kann.

    Es ist also völlig kleinbürgerlich verfriemelt, von Ökologie, Gewaltfreiheit, Demokratie
    u n d Sozialität zu reden, da das die Wertigkeiten und Prioritäten und Ansätze völlig verwischt und damit nicht mehr kraftvoll genug händeln läßt:
    Sozial ist der Oberbegriff, zu dem die anderen 3 Begriffe die Ressorts bilden, und nicht etwa umgekehrt – womit wir bei dem Vorwurf wären, den Sie, Herr Rupp, den Kuhnschen Ideologien als „neoliberal grün“ bezeichnen wollen.

    Das ist deshalb so, weil das Ziel nicht die Gewaltfreiheit, die Ökologie, die Dermokratie sind, sie sind nur die Mittel zum Zweck, der Sozialität, des Zusammenlebens der Gesellschaft.
    Sage mir jemand einen anderen Sinn, eine andere Zuordnung zu diesen Begriffen Demokratie, Gewaltfreiheit und Ökologie, ja sogar der „Wirtschaft“, als das Ziel der Sozialisation der Gesellschaft.

    Eventuell haben Sie dazu auch eigene Gedanken anhand dieser Anregung, solche, wo, wie von wem deshalb Ökologie zu betreiben ist, Gewaltfreiheit durchzusetzen ist, Demokratie und „die Wirtschaft“ dafür einzusetzen ist – wofür sonst?

    Nichts kann ökologisch sein, das nicht zuerst und zuletzt wie zwischendurch sozial ist.
    Ökologisch IST sozial, oder eben nicht ökologisch:

    „Holen wir uns die Partei_en zurück“.

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