rechte Kerle – Buchkritik

Buchumschlag Vorderansicht

(r)echte Kerle

7,80 € hab ich ausgeben für ein Buch, das sich zur „Kumpanei der MännerRECHTSbewegung äußern möchte – und doch auf halber Strecke stehen bleibt. Oder nur den ersten Schritt schafft. Es handelt sich um das Buch „(r)echte Kerle von Andreas Kemper – und eigentlich gehört es ins Altpapier – hätte man nicht, wie oben geschrieben, 7,80 € ausgegeben. Allenfalls von Wert ist der historische Abriss der unterschiedlichen Männerrechtsbewegungen, unter anderem dem us-amerikanischen Men’s Right Movement und verschiedenen bundesdeutschen Bewegungen – von den Männergruppen, die profeministisch waren und oft auch als Anti-Gewalt-Gruppen agierten bis hin zu aktuellen Entwicklungen – die er nicht kennt.

Denn der Autor stürzt sich unverblümt auf ein einzelnes Männerrechtsforum, dass er über mehrere Monate verfolgt hat – das Forum „Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land“. ein Forum, das es gut und gerne 10 Jahre gibt – mit verschiedenen Forenmastern. Derzeit wird es von Rainer Hamprecht und seiner Frau oder Freundin Christine geleitet, verbunden damit sind zwischenzeitlich andere Online-Projekte wie die Wikimannia. Der Ton in diesem Forum ist erschreckend, oft sexistisch, autoritär, rückwärtsgewandt, rechtslastig, die Qualität der Beiträge von oftmals geringem Informationsgehalt oder Niveau oder beidem. Ab und an – auch das muss man sagen – gibt es aber auch Beiträge mit interessanten Infos. Ich habe mich in diesem Blog über diese Szene auch das eine oder andere Mal geäußert. Ich verfolge dieses Forum mit Pausen – das kann man sich nicht andauernd antun – fast seit Anbeginn.

Kemper kennt (oder erwähnt) weder das Parallelforum wgvdl.net noch aus der Historie andere Foren, noch das Agieren von Leuten wie Hamprecht aus dem Usenet. Ich weiß nicht, auf welchem Weg er auf diese Leute aufmerksam geworden ist, seine abschließenden Worte in der Einleitung: „Mit dieser Publikation liegt nur eine Skizzierung der Männerrechtsbewegung […] vor“ sind selbst als Skizze nur als Hybris zu sehen. Er benennt als Akteure (Seite 36ff) : WGVDL – nur .com, Arne Hoffman (von dem er wohl die Idee hat, es hätte vor 2001 wenig an Maskus im Netz gegeben), das Familiennetzwerk Deutschland, den Väteraufbruch, MANNdat, AGENS und die AG Männer der Piratenpartei. Und das war der Moment, wo ich das Büchlein am liebsten entnervt auf die Seite gelegt hätte.

Er übersieht vollkommen in der Historie die de.soc-Gruppen,die sich mit Familien – und Genderthemen befasst haben. Im Usenet herrschte schon immer ein rauer Ton. Hamprecht hat lange Zeit im Usenet agiert, teilweise mit unterirdischen Beiträgen. Er weiß offenbar nichts von der Ende der 1990er, Anfang der 2000er existierenden Szene von Familien- und Genderforen, die mit teilweise denselben Akteuren breit diese Problematiken diskutiert haben. Oft genug auch schon damals – es ist keine neue Entwicklung – mit stark rückwärtsgewandten oder offen rechten Ansätzen. Viele dieser Foren waren bei parsimony angesiedelt, ein ehemaliger Kostenloshoster für Foren, bei dem auf einfachem Weg ein kostenloses Forum anlegen konnte. Die Forensoftware glich der Threadanzeige, die heute noch von wgvdl.com verwendet wird.  Und wenn er denkt, er hat mit wgvdl. com schon das Schlimmste gesehen, was es in dieser Hinsicht an Maskuverlautbarungen gibt, dann kennt er weder wgvdl.net noch feminismuskritik.eu. Letzteres – die „Blaue Burg“ genannt – ist das Forum von Max, dem Busfahrer. Max ist nicht bereit, sich an normale, zwischenmenschliche Kommunkationsregeln bei differierenden Meinungen zu halten. Die Sprache ist ätzend, tw. offen rechts, verächtlich, beleidigend – und das mit Absicht. Im Zusammenspiel mit Nick, der Katholiszismus vom Kaliber kreuz.net verbreitet fast ein Ort, der vom Verfassungsschutz beobachtet gehört. Blaue Burg und wgvdl.net gehören zusammen. Man muss es nicht lesen, aber damit man weiß, auf welchem Niveau man sich dort bewegt:

Da es nicht auszuschliessen ist, daß sich der eine oder der andere Gutmensch in dieses Forum hier verirrt, stelle ich hiermit Folgendes klar:

Alle rassistischen, sexistischen oder sonstwie diskriminierenden Aussagen und Witzchen stehen alleine deswegen in diesem Forum, damit ihr zerebralspastischen Pisser euch aufregt. Dauernde Empörung verkürzt euer Leben. Deswegen sind die genannten Beiträge sinnvoll im Sinne der geistigen Volksgesundheit. Möge dieses Forum dazu beitragen, daß euch faschistoide Zensurheinis und Gesinnungsterroristen möglichst bald der Herzschlag trifft. Auf daß euch der Teufel hole …

Heute existieren von diesen vielen ehemaligen Foren nur noch wenige. Ich möchte explizit den ISUV (Interessenverband Unterhalt und Familienrecht) nennen, dessen Foren überwiegend eine echte Hilfestellung sind. Auch dort ist der Ton nicht immer angenehmen, aber irgendwo muss manchmal die Wut hin, die man hat, wenn man eine üble Trennung hinter sich, vor sich hat oder mittendrin steckt. Früher bei parsimony, hat dem ISUV die Trennung vom ehemaligen Forenmaster zu deutlich mehr Seriosität verholfen.  Und wer in den hasserfüllten Tiefen der Väterrechtsbewegung eintauchen will, der kann sich bei pappa.com umtun. Pappa.com war 1999 schon eine üble Gemeinde, manche der dort Schreibenden finden sich auch bei wgvdl wieder und man kann dort im „Politik“forum solch erbauliche Sachen lesen wie:

Deutschland stirbt aus. Dank den 69´ern und dem Feminazismus

Kinderleichensammel Thread

Auch im Familienrechtsbereich tummeln sich Beiträge, die sich auch darum drehen, wie man um den Kindesunterhalt rumkommt.

Es gibt noch weitere Websites, so den Väterwiderstand, Monika Ebelings Lieblingsseite Väternotruf, dessen ehemaliger Vorstand grade wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde und so weiter und so fort. Früher gab es weitere Familienrechtsforen wie DAS Familienrecht oder den Exentreff, der sich vor allem an Expartener beiderlei Geschlechts wandte. Kemper benennt das alles weder noch scheint er es zu kennen. Er hängt sich am angeblich größten Forum auf und an der Person Hoffman – der zu Aktionismus neigt, aber noch nie übers Bücher schreiben hinaus gekommen ist. Und unterzöge man seinem „Sind Frauen die besseren Menschen“ mal einer wissenschaftlichen Analyse, würde es keiner mehr freiwillig lesen – Hoffman bezieht sich gerne auf sich selbst.

So ist (r)echt Kerle ein Büchlein, das die Anschaffung nicht lohnt und eine verpasste Chance – mehr Licht ins Dunkel der rechten Männerszene zu bringen. Man kann eigentlich nur auf eine 2. Auflage hoffen, in der all die Lücken, die hier genannt wurden und noch viele weitere darüber hinaus, geschlossen werden.

 

 

 

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6 Gedanken zu „rechte Kerle – Buchkritik

  1. Andreas Kemper

    Lieber Jörg Rupp,

    bitte berücksichtige, dass du zu den wenigen gehörst, die seit Jahren diese Szene intensiv beobachten.

    Es handelt sich bei „(R)echte Kerle“ um eine Übersicht der Männerrechtsbewegung in Deutschland. Die Vorgabe des Verlags war, dass ich 80 Seiten nicht überschreite und das Buch als Einleitung gestalte. Daraus folgt zwangsläufig, dass ich bestimmte Auseinandersetzungen außen vor lassen musste. Beispielsweise habe ich die Auseinandersetzung in Wikipedia gestrichen und auch die Väterrechtsbewegung kommt kaum vor. Auch für die Darlegung der kritischen Männerforschung war kein Platz.

    Nur kurz zu meiner Kompetenz, die du in Frage stellst: Ich habe Ende der 1990er Jahre bis Anfang 2000 den profeministischen Männerrundbrief mitherausgegeben und wir hatten damals Auseinandersetzungen mit den Organen der „bürgerlichen Männerbewegung“ wie Moritz und Switchboard über deren Veröffentlichungspraxis. Die Geschichte der Männergruppenszene habe ich ab Mitte der 1980er Jahre miterlebt.

    Was du zum Usenet schreibst und zum parsimony ist sicherlich richtig. Aber dies ist nur für die Genese der Männerrechtsbewegung wichtig. Es ist ein Unterschied, ob heute Maskulistenforen Wikipedia-Artikel bestimmen oder ob vor zehn Jahren Männerrechtsgruppen im Unsenet diskutierten.

    Natürlich kenne ich die Blaue Burg und WGvdL.net. Ideologisch geht es in die gleiche Richtung, es gab da auch schon mal eine Diskussion über eine vermeintliche Bombendrohung gegen WGvdL.com, weil dieses Religionsdikussionen unterbunden hat. Innerhalb der Neonazi-Szene finden sich weitere Blogs zur Geschlechterthematik. Ich habe nicht über diese marginalen Blogs berichtet, sondern systematisch WGvdL.de einen Monat lang untersucht. Das erschien mir wichtiger, als auf „Sons of Perseus“, „Der Maskulist“, die Blogs von T.R.Lenze usw. zu verweisen.

    In dem Büchlein fehlt noch viel. Uns erschien es wichtig, dass überhaupt einmal in Buchform über diese Szene berichtet wird. Die Aufklärung darüber ist wichtig. Noch wichtiger ist aber, dass gehandelt wird. Die Bloggerin und Feministin Isis hat dafür gesorgt, dass ein Maskulist „Captain Dino“ seine Blogs gelöscht hat. WGvdL hat seine Adresse nach Costa Rica verlegt. Ich wurde von den Maskulisten massiv beleidigt, nachdem in Wikipedia ihr zentraler Propaganda-Artikel gelöscht wurde. Immerhin hatten sie soviel Respekt vor mir, dass WikiMANNia gegründet wurde – ein eigenes Wiki mit maskulistischem statt neutralen Standpunkt.

    Deine zusätzlichen Informationen sind wichtig. Es werden demnächst weitere Publikationen erscheinen, die allerdings auch nur bestimmte Aspekte dieses Phänomens Maskulismus beleuchten. Ich denke schon, dass ich einen guten Überblick über die Szene gegeben habe, die Trias von Femokratie-Blog, WGvdL und WikiMANNia ist der agilste Teil der Männerechtsbewegung, mit dem ein Dutzend anderer Blogs im Austausch steht.

    Hier noch eine Kritik an dich, Jörg. Du hast einen guten Überblick über die Maskulisten-Szene. Aber mit diesem Wissen solltest du etwas machen. In Wikipedia war ich die letzten Jahre, nachdem Barb keine Lust mehr hatte, sich mobben zu lassen, alleine gegen zahlreiche Maskulisten. Bitte lese dir den inzwischen wieder eingestellten Artikel Maskulismus auf Wikipedia durch oder die Artikel zur Männerbewegung. Das ist alles haaresträubend und es wäre wichtig, dass sich dort jemand mit Sachkenntnis einmischt. Ebenso sah sich Piratenweib innerhalb der Piratenpartei einer Gruppe von Maskulisten gegenüber. Warum behälst du dein Wissen für dich und bringst es nicht konstruktiv ein? Bzw. erst dann, wenn jemand versucht, über diese Szene zu informieren?

    Ich würde gerne deinen Kommentar in meinem Blog Rechte Kerle http://rechtekerle.blogspot.com/ spiegeln.

    Solidarische Grüße
    Andreas

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    1. Jörg Rupp Artikelautor

      Hallo Andreas,
      na, da bin ich doch froh, dir geschrieben zu haben, was ich geschrieben habe. Du kannst gerne spiegeln – und ich überlege mir mal in näcshter Zeit, ob ich wieder Lust habe, mich mit den Quatschköpfen einzulassen – meist reicht es mir schon, wenn wenige auf einen Artikel hier reagieren. Aber danke für die Klarstellungen – wenn man nur 80 Seiten schreiben darf, erklärt das natürlich einiges. Mir fehlte tatäschlich ganz viel – aber das schrieb ich ja schon. Ein Hinweis darauf wäre allerdings erleichternd gewesen.
      Jörg

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  2. dummerjan

    Hi, sehr interessant. Bemerkenswerterweise wird aber regelmäßig die christliche Männerbewegung, wie das Weiße Kreuz oder das Kolpingwerk vergessen. Auch die Gesellen und Arbeiterbünde werden gern vergessen, die sich auch – natürlich nur als ein Thema unter vielen – mit dem Mannsein beschäftigten. Ich vermute mal die Ursache für dsa Ignorieren dieser Bewegungen ist deren Ursprung aus der arbeitenden Bevölkerung, welche so gar nicht in das Weltbild des moderenen Intelektuellen paßt. Nichtdestotrotz: Sie existierte. Wer um diese Ursprünge weiß, versteht auch die häufig christlich-fundamentalisischen Anmutungen. War doch die Kirche lange Zeit eine der wenigen Institutionen, dies sich des männlichen Elends annahmen, eben weil die Kirche dort war wo Männer verbraucht wurden: in den Bergwerken, auf den Schlacht- und Kornfeldern, in den Fabriken. Der Feminismus hatte gut auf das patriarchat zeigen: Die Frauen hatten z.B. zur zeit des Manchestertums noch alle Finger, während bis zu einem Viertel der Männer das Erwachsenenalter nur mit fehlenden Fingern erreichte- wie man Engels‘ Klassiker „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ entnehmen kann, oder eben den Fußnoten aus Marx‘ Kapital. Kempers Buch ist nur die Dokumentation historischer Unkenntnis und eines völligen Mangels an Methodenwissen in der empirischen Sozialwissenschaft.

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  3. Benno Weiser

    Lieber Jörg Rupp,

    deine Kritik an Kemper´s Machwerk ist völlig berechtigt. Aber solche Leute brauchen nicht die vertieften Kenntnisse einer Szene, wie du sie bestimmt hast. Auch auf 80 Seiten kann eine solide Analyse zu mehr gelangen als man dort serviert kriegt. Aber Kemper und sein Zitierkartell (peinlich genug, dass er eine „hate-speech“-Feministin wie die Bloggerin Isis als Gewährsfrau braucht) geht es um eine „Einleitung“ – die Einleitung eines Propaganda-Krieges als neue Runde im Geschlechterkampf zur Konstruktion von Feindbildern.
    Für alle, die an einer tatsächlichen Verbesserung des Geschlechterdialogs interessiert sind und zur Öffnung von Rollenperspektiven für Männer beitragen wollen, kann dieses nicht nützlich erscheinen.

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  4. Benno Weiser

    Achso eine kleine Anmerkung zum Artikel hatte ich noch vergessen: Es gab eine Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs durch ein ehemaligs Vorstandsmitglied des Väteraufbruch für Kinder (nicht des Väternotrufs, wie du irrtümlich schreibst).

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