Zeitarbeitsrealitäten

Irgendwo im Süden der Republik, ein kleines Büro. 2 Sessel, ein Schreibtisch, ein Computer, ein Telefon. (Person A – Jobvermittler Person B-arbeitssuchend).

Person A:
„Herr B, wieso sind Sie wieder hier, Sie hatten doch seit Ende des Monats eine Stelle bei der Zeitarbeit XYZ“

Person B:
Wissen Sie Herr A, das war so. Am ersten Arbeitstag bei der Zeitarbeitsfirma hat uns die Chefin abgeholt und ist mit uns zu ihrem Kunden gefahren. Die Arbeitsstelle ist mit öffentlichem Nahverkehr nur schwer zu erreichen.  Meinem Kollegen, der mitgefahren ist, hat sie gleich gesagt, dass er trotz der dort zu erledigenden schweren Arbeit nichts von seinem Herzschrittmacher sagen soll. Der dortige Schichtleiter hat dann sofort nach den Nachweisen für die verpflichteten Sicherheitsunterweisungen und Gesundheitsuntersuchungen verlang. Wir hatten die natürlich nicht, wir hatten ja gerade erst angefangen. Sie hatte uns vorher eingeschärft, nichts dazu zu sagen. Zum Schichtleiter sagte sie, sie faxe sie durch. 
Am nächsten Tag haben wir dann die Unterweisungen und Untersuchungen abgelegt. Belege dafür erhielten wir nicht. Am dritten Tag mussten wir dann alleine hin. Ich bin dann von der Haltestelle bis zur Firma gelaufen. Das war ungefähr eine Stunde Fußweg. Mir macht das ja nichts aus, ich war ja froh, Arbeit zu haben und die gefiel mir gut.

A:
Wusste Ihre Chefin, dass Sie kein Auto oder Fahrrad haben?

B:
Ja, das wusste sie. Am Donnerstag musste ich dann zu einem privaten Termin, das war vorher besprochen und am Freitag bin ich dann wieder hin gelaufen. Als ich um sieben Uhr dort ankam, wollte der Schichtleiter dann den Nachweis über die erfolgte Untersuchung haben wollte, konnte ich den natürlich nicht abliefern. Die Chefin sagte zu, dass sie sie gleich durchfaxe. Das hat sie aber bis halb zehn nicht getan und so schickte er mich nach Hause. Und mit der Botschaft, dass von dieser Zeitarbeit bei ihm niemand mehr ins Haus käme, so sehr es ihm auch persönlich für mich leid täte.

A:
Und dann

B:
Dann hatte sie erst einmal keine Arbeit mehr für mich. Sie hat mir eine Stelle im Lager angeboten, aber die kam dann nicht zustande, warum weiß ich nicht. Dann bot sie mir eine Stelle auf dem Bau an. Das habe ich abgelehnt,  auch mit dem Hinweis auf meine überwundene Alkoholsucht. Allerdings benötigte ich einen Vorschuss von 50 € für die Fahrkarte – und die gab sie mir nur, wenn ich auf der Baustelle anfangen würde. Ich sagte also  zu – und war dann am nächsten morgen pünktlich zu meiner Verabredung mit ihr um neun Uhr da. Leider kam sie nicht. Ohne Entschuldigung. Ich bin dann irgendwann heim gegangen. Als sie versucht hat, mich weiterhin anzurufen, habe ich mich nicht mehr ans Telefon getraut.

A:
Und dann?

B:
Dann haben sie mir eine Abmahnung geschickt und mir gekündigt. Geld habe ich nur für 22 Stunden bekommen -also für den ganzen Monat 195 € brutto.

A:
Aber in Ihrem Arbeitsvertrag steht doch: „Bei Unproduktivität erhält der Arbeitnehmer lediglich den Grundlohn von 7,91 €“! Sie müssten weit über 1000 € erhalten. Von was leben Sie jetzt?

B:
Offenbar gilt das nicht. Das machen die doch alle so: wenn man nicht arbeitet, wird auch nichts bezahlt. Auf jeden Fall suche ich wieder Arbeit. Ich brauche etwas zu tun. Aber bitte nicht mehr bei einer Zeitarbeitsfirma. Irgendwie wird der Monat schon vorbei gehen – und dann gibt es ja wieder Hartz IV – wenn ich bis dahin nicht wieder Arbeit finde. Ich werd schon irgendwie durchkommen.

A:
Wollen Sie sich nicht wehren? Vor Gericht gehen?

B:
Ach nein. Ich will meine Ruhe – und nur etwas arbeiten. Die sitzen doch eh am längeren Hebel…. 

So und ähnlich ist die Essenz mehrere Gespräche, die ich immer wieder erlebe, wenn es um Zeitarbeitsfirmen geht. Die Reaktionen der Unternehmer auf Kritik, wenn man sie auf so etwas anspricht, ist von unflätig bis hin zu Teilnahmslosigkeit. Im einen oder anderen Fall geht ein ehemaliger Zeitarbeiter auch zum Anwalt. Das ist aber eher selten.

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