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Lesebrief zum „Pullfaktor“

In den BNN vom 21. Mai 2026 fand sich ein Artikel, der das Thema „Pullfaktor“ beleuchten möchte.

Der Pullfaktor ist Teil des Push-Pull-Modells des Demographen Everett S. Lee aus den 1960er Jahren, das wiederum auf ältere, naturwissenschaftliche Migrationsmodelle aus dem 19. Jahrhundert zurückgreift. Einem hydraulischen Prozess gleich wird Migration dabei als Ergebnis ‚anziehender‘ Faktoren im Zielland und ‚abstoßender‘ Faktoren im Herkunftsland gesehen, mit ‚intervenierenden Hindernissen‘ dazwischen. In der modernen Migrationsforschung gilt das Modell als überholt, da es Migrationstreiber statisch und kontextunabhängig betrachtet und daraus folgende Entscheidungen reduktionistisch bewertet.

Freundlicherweise zitiert das Blatt dabei auch das IAB:
Laut dem IAB integrieren sich Geflüchtete langsamer in den Arbeitsmarkt als andere Einwanderer. Gründe seien unter anderem Beschäftigungsverbote, langwierige Asylverfahren und Wohnsitzauflagen.

Die Legenden um den Pullfaktor führen dazu, dass konservative und rechtsextreme Politiker*innen behaupten, man müsse die Sozialleistungen für Asylbewerbende kürzen, damit weniger hierher kämen. Der Artikel immerhin stelle Ansichten gegenüber:

Häufig wird eine Studie aus Dänemark aus dem Jahr 2020 zitiert, die fragte: „Wirken generöse Sozialleistungen magnetisch auf gering ausgebildete Immigranten?“Die Studie beantwortet die Frage im Wesentlichen mit Ja. Andere Studien kommen laut dem Migrationsökonomen Herbert Brücker dagegen zum Schluss, dass die Sozialleistungen im Zielland keinen nennenswerten Einfluss auf die jeweilige Migrationsentscheidung haben.

Ich hab daraufhin einen Leserbrief geschrieben – weil mich diese Debatte, die ja so schon seit Jahrenläuft, so dermaßen anekelt. Der Neid auf die allerärmsten ist ungebrochen in diesem Land. Der Fetisch, nur wer arbeitet, soll auch ausreichend essen können – der ist fest verankert in dieser Gesellschaft. Daher:

Der Pullfaktor, hierher zu fliehen, ist der, dass in Europa Frieden herrscht. Hier gibt es Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Organisationsfreiheit, Religionsfreiheit. Es kommt Wasser aus dem Wasserhahn und es gibt ein kostenloses Bildungssystem. Medizinische Versorgung. Perspektiven auf ein Leben ohne einen alltäglichen Kampf ums Überleben.

Eine Flucht kostet Geld. Dass Menschen, wenn sie nach einer Flucht hierher kommen, kaum mehr Rücklagen haben, oft traumatisiert sind von Zuständen im heimatlichen Kriegsland, einem Transitland, den Erlebnissen auf der Fluchtroute oder einer menschenverachtenden Diktatur, ist doch schlicht nachvollziehbar. Das Grundgesetz garantiert in diesem Land das Recht auf ein Leben für alle Menschen, ausdrücklich nicht nur Deutschen. Daraus resultieren Leistungen für die, die hier Schutz suchen, und zwar auf einem Niveau, das gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Die einzige Gefahr, die besteht, ist, dass es diesen Menschen hier so gut gefällt, weil sie hier überleben können und nicht willkürlich ins nächste Gefängnis geworfen werden, vergewaltigt oder zwangsverheiratet werden, geköpft oder gefoltert werden, weil sie jemanden lieben oder einfach nur, weil sie ihre Meinung sagen können – dass sie hier bleiben wollen. Und ist das schlimm? Wenn wir ihnen über das reine Überleben hinaus eine Perspektive bieten, ihnen anbieten, unsere Sprache und die Art, wie wir leben, zu vermitteln, sie gleichberechtigen auf ein Leben in Frieden, Freiheit und Würde – dann werden sie Mitbürgerinnen und Mitbürger wie alle anderen, die hierher eingewandert sind. Mitbürgerinnen und Mitbürger, die genauso fehlerbehaftet sind wie wir, die wir schon hier leben – weil wir einfach das Glück hatten, hier geboren zu werden. Deutschland war und ist ein Einwanderungsland. Alles andere steht im Grundgesetz. Das sind die Regeln, auf die wir uns als Gesellschaft geeinigt haben. Halten wir uns daran.

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