Du betrachtest gerade Der jüngste Milliardär – Kevin Lehmann

Der jüngste Milliardär – Kevin Lehmann

Vor ein paar Wochen bin ich über einen Artikel über Kevin Lehmann gestolpert, den Sohn von Günther Lehmann, den ich als ehemaliger „Pfannkiechler“ her kannte.

Kevin David Lehmanns Vater ist Günther Lehmann, welcher wiederum der Sohn von Gerhard Lehmann ist, der sich 1933 an der 1896 gegründeten Pfannkuch Gruppe (hauptsächlich: Pfannkuch-Supermärkte) beteiligte und 50 % der Firmenanteile erwarb. Das Unternehmen wurde später verkauft. Im Jahr 1973 beteiligte sich Günther Lehmann an dm und erwarb 50 % der Firmenanteile.[1] 2016 überschrieb Günther Lehmann seinem damals 14-jährigen Sohn Kevin David seine Anteile am Drogeriekonzern, mit mittlerweile mehr als 56.000 Beschäftigten und über 3.300 Filialen. Ein Treuhänder sorgte bis zu seiner Volljährigkeit für die Vermögensverwaltung.[
https://de.wikipedia.org/wiki/Kevin_David_Lehmann

Das Geld, das Günther Lehmann hatte, um sich mit 50% an dm – dem Drogeriemarkt – zu beteiligen, hatte er wohl ebenfalls geerbt bzw. mit seiner Lebensmittelkette erwirtschaftet. Pfannkuch war eine Lebensmittelkette in der Region Karlsruhe, nach der Wende mit einigen wenigen Filialen im Gebiet der ehemaligen DDR, gegründet 1896 in Pforzheim. Bevor sie 1998 an die Spar verkauft und zerschlagen wurde, hatte sie rund 4500 Mitarbeitende, davon rund 2500 im Verkauf in den Filialen, der Rest in anderen Sparten – Bäckerei, Obst- und Gemüsehalle, Fleischwerk (Fleisch Kuhn), Bäckerei, Lager, Verwaltung. Es gab eine Discounter-Tocher – die Disco-Märkte und die in den 1980ern aufkommenden Großmärkte, die Kolossa-Märkte (kolossal sparen).

Als ich 1983 das Gymnasium in der 11. Klasse verließ, war ich 17 Jahre alt. Ich arbeitete schon 4 Jahre nebenher bei Pfannkuch. Korrekt gelesen, ich war 13 Jahre alt, als ich das erste Mal dort beschäftigt wurde. Das war 1979, ein Supermarkt wurde über das Wochenende umgebaut – und die Beschäftigung war illegal. Das Arbeitsschutzgesetz verbot nämlich auch 1979 schon die Beschäftigung von Kindern, was ich ja noch war. Wir arbeiteten das ganze Wochenende, von Samstag früh bis Sonntag Abend. Zuerst wurden die Regale alle ausgeräumt, dann geputzt, umgestellt, abgebaut, wieder neu aufgebaut, neu eingeräumt. Am Montag wurde der Laden wieder eröffnet. Mein Stundenlohn betrug 6 DM, später dann 6,50 DM.

Man muss dazu sagen – die Pfannkuchfilialen waren Nachbarschaftsmärkte, so wie es heute nach manchen Nahkaufmärkte gibt. So ein Ladenumbau war mit ausreichend Personal gut an einem Wochenende zu meistern. /

Ettlingen/Baden-Württemberg
Pfannkuchfiliale

Wir waren damals keine „Aushilfen“, sondern wir waren die „Grünen“ 🙂 – denn das Blatt, auf dem die Daten und Arbeitszeigen der Aushilfen festgehalten wurden, waren farblich grün. Niemand konnte gegen kontrollieren, wer da wie gearbeitet hat und wer mehr, als die damalige Höchstgrenze (340 DM? ich weiß es nicht mehr) gearbeitet hatte – der füllte einfach einen zweiten Zettel aus. Der Name kam in der Regel aus dem Telefonbuch, die Unterschrift wurde gefälscht. Und ja, das war üblich.

Mit 14, also 1980, arbeitete ich das erste Mal als Ferienjobber, 3 Wochen in einem sehr kleinen Markt in der Lebrechtstraße in Karlsruhe-Rüppurr. Danach in mehreren Märkten, immer nach der Schule, auch Marktumbauten kamen weiterhin vor. Ich hatte immer Geld für Schallplatten und Zigaretten oder Tabak, für mein Alter war ich „reich“. Die Arbeit machte mir Spaß, die Schule immer weniger. Mit 17 verließ ich die Schule, aus mehr als einem Grund. Da ich mich zu spät im Jahr entschlossen hatte, bekam ich keinen Ausbildungsplatz mehr. Aber da meine Mutter und ein guter Bekannter Marktleiter*innen waren, bekam ich einen Vertrag als Verkaufshilfe und eine Zusage für einen Ausbildungsplatz im Jahr danach.

Was ich schon wusste, meine Mutter machte es ja vor, dass es unbezahlte Überstunden gab. In jenen Zeiten hatten die kleinen Supermärkte noch Mittagspausen von 2 Stunden – von 13 bis 15 Uhr in der Stadt, von 12:30 Uhr bis 14:30 Uhr draußen auf dem Land. Kleinere Filialen hatten auch mittwochs nachmittags zu. Öffnungszeiten an Samstagen analog bis 12:30 Uhr bzw. 13 Uhr, unter der Woche von früh 8:30 Uhr bis 18:30 Uhr. Abzüglich der Pausen blieben also 30 Minuten für Vor- bzw. Nachbereitung. Das heißt, Überstunden waren schon vorgesehen. Für den halben Samstag bekam man einen halben Tag Freizeit. auf den man verzichtete, wenn es personell eng war.

Die Arbeit begann meist um 6:30 Uhr, im ersten Jahr war ich zuständig für Molkereiprodukte, die täglich frisch von der Milchzentrale Karlsruhe angeliefert wurde. Obst und Gemüse gab es damals noch nicht in Selbstbedienung, über die Herbsmonate (Monate ohne mit „R“) hatte ich die Fischtheke unter mir, nach kurzer Zeit bekam ich die Hoheit über den Wein – was recht viel Arbeit war. Ich saß auch an der Kasse und die konnte natürlich erst abends um 18:30 Uhr abgeschlossen werden, musste gezählt werden, bei Fehlbeträgen nachgerechnet werden. Aufräumarbeiten kamen dazu, manchmal half man dann noch beim Obst oder bei Fleisch und Wurst, wenn es da etwas langsamer ging. Wenn viel Ware da war und man nicht irgendwo hingehen konnte in der Mittagspause, arbeitete man, nachdem was gegessen hatte. Normalerweise hatte meine Woche schon damals schon mindestens 45 Stunden. Bei 40 bezahlten Stunden.

In der Ausbildung lief es ähnlich – nur war ich halt zweimal die Woche in der Schule. In der Regel ging ich nach der Schule immer in die Filiale, auch wenn ich nicht gemusst hätte. Im Jahr 1987, ich war im 3. Lehrjahr, übernahm ich eine Marktleitervertretung. In dieser Zeit war mein Ausbilder in Urlaub, der dort ihn vertretende Assistent kam nicht mit der Filiale klar und so fuhr ich zumindest einmal die Woche in der Mittagspause „rüber“ und half bei der Wochenbestellung. Mit Kenntnis der Bezirksleitung, versteht sich. Da arbeitete ich dann eher 60 Stunden. Ich verkürzte meine Ausbildung auf 2,5 Jahre wegen guter theoretischer und praktischer Kenntnisse und übernahm, 1988, mit 22, meinen ersten eigenen Markt – einen Getränkemarkt. Dort war ich alleine, hatte kein Personal, nur für den halben Tag Freizeit kam jemand aus dem dazugehörenden Supermarkt. Wenn es ging. 1989 wechselte ich in einen Supermarkt in Karlsruhe, nach Auseinandersetzungen mit Bezirksleitern dann in Ettlingen.

Wenn zu wenig Obst- oder Gemüse aus der Markthalle geliefert wurde, fuhr ich öfter in der Mittagspause in die Zentrale, um Nachschub zu holen. Gerade in der Erdbeer – und Spargelzeit war das öfter der Fall. Es kam zu wenig Ware in der Markthalle an und dann wurde die vorhandene Ware analog zur Bestellung gekürzt. In meiner Ausbildung habe ich oft, gerade in der Weihnachtszeit, noch abends länger gearbeitet. Als mein Marktleiter und Ausbilder in Durlach schwer stürzte und nur noch mit Krücken laufen konnte, holte ich ihn in der Frühe um 5:00 Uhr ab und brachte ihn nach 19 Uhr wieder heim. Als er (nach Ende meiner Ausbildungszeit schon, Ende Januar 1988) dann doch daheim bleiben musste, kam ein neuer Filialleiter, er wurde in eine wesntlich kleinere Filiale versetzt, was ja auch weniger Geld bedeutet und erhielt erheblich Druck. Mitte 1988 ist er dann mit 36 Jahren an einer Embolie verstorben. Die resultierte aus der verschleppten Verletzung, die er nicht auskurierte, weil er Angst erst um seinen Job in der großen Filiale und dann Angst um seinen Job generell hatte.

Ich war als Auszubildender und später dann als Marktleiter (ich war ja erst 22) in der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Eine Unart von Bezirksleitern war damals, dass man Auszubildende anstatt sie in ihrer Stammfiliale zu belassen, als kurzfristigen Ersatz in anderen Filialen ihrer Bezirke einzusetzen. In meine Zeit als Vorsitzender der JAV fiel dann eine Reform mit der Verkaufsleitung, dass den Bezirksleitern diese Möglichkeit nahm. Damit hatte ich mir natürlich keine Freunde gemacht – siehe oben. Bei den ordentlichen Betriebsratswahlen verpasste ich dann die Freistellung um 3 Stimmen und war nun Marktleiter – und Betriebsrat. Natürlich ging ich zu den Sitzungen, natürlich rechnete ich dafür Fahrtkosten ab, natürlich sorgte ich dafür, dass meine Mitarbeitenden ihre Arbeitszeiten einhielten und wenn das nicht ging, sie Freizeitausgleich erhielten. Die Lücken füllte ich. Die Bezirksleitung wusste das, da ich damit das Konzept „unbezahlte Überstunden“ als Farce deutlich machte, weil ich ja immer wieder auch um Hilfe bat, bekam ich zusätzlichen Druck. Die Personaldecke in den Märkten war eh knapp. Ich beschreibe das so ausführlich, damit das Bild ein bisschen deutlicher wird. Überstunden waren normal, waren „Geschäftsinteresse“. Wir waren stolz, wenn unsere Filialen trotz Engpass „gut aussahen“, aufgeräumt und aufgefüllt waren. Das war unternehmsweit so. Wie sagte meine Bezirksleiterin, Frau Pohl: „Herr Rupp, ein richtiger Marktleiter nimmt seine unerledigten Büroarbeiten mit in den Urlaub und macht sie da“. Oder der andere, Fröhle hieß er: „bei der Freizeitgewährung spielen alter Urlaub nicht genommene 8 Freizeittage keine Rolle. Wenn der Marktleiter vor dem langen Wochenende (also bis Montag) in Freizeit geht, ist der Markt zu gut besetzt und ich muss zwei Kräfte abziehen.“

Rund 2500 Mitarbeitende im Filialbetrieb hatte das Unternehmen zzgl. Verwaltung, Kolossa (jeder Markt ein eigener Betrieb, ausgegliedert) etc. pp. Nehm ich diese 2500 Mitarbeitende als Grundlage und gehe davon aus, dass jede*r 6 unbezahlte Überstunden in der Woche erbracht hat, waren das 64.500 Überstunden im Monat. Bei einem Stundenlohn von 10 DM kann man davon ausgehen, dass trotz Teilzeitkräften jeden Monat eine halbe Million Mark eingespart wurden. Herr Lehmann hat das jeden Monat von seinen Angestellten geschenkt bekommen.

Auf der Basis dieser Beträge kann man sich vorstellen, wie das Kapital für den Einstieg bei drogeriemarkt und am Ende das Milliardenerbe zustande gekommen ist. Kevin Lehmann lebt zurückgezogen, es gibt keine Stiftung oder ähnliches. Er lebt vermutlich von dem Geld, dass wir alle gemeinsam erwirtschaftet haben, durch Geschäftsinteresse, also unbezahlte Überstunden und bevor Arbeitszeiten digital erfasst wurden, auch durch Steuerhinterziehung. Die Berichte über den Reichtum der Familie habe ich immer wieder gelesen – aber der „jüngste Milliardär weltweit“, der er für einige Zeit war – der hat mir schon zu schaffen gemacht. Das ist Reichtum, der aus Ausbeutung entstanden ist.

Auszug aus einem Schreiben meines Anwalts im Rahmen der Auseinadersetzung im Versuch, mich zurück zu stufen.

Es gäbe viele Geschichten drumrum zu erzählen, über Zusammenhalt, über kaputte Rücken, über sonntägliche Warenbestellungen, über halbe Nächte, die man sich um die Ohren schlug, über Fahrzeugkontrollen samstags mittags, über gute Stimmung, über Feste bei Neueröffnungen oder in der Zwiebelkuchenzeit. Es gab gute und schlechte Tage – aber selbst heute noch 35 Jahre, nach dem ich dort aufgehört habe, zu arbeiten, bin ich doch immer noch irgendwie ein „Pfannkiechler“. Trotz alledem.

Vielleilcht liest Kevin Lehmann diesen Artikel. Wenn er es tut, dann wünsche ich mir, dass er in sich geht und zumindest mit einem Teil der Milliarden etwas Gutes tut. Etwas für kranke Arbeitnehmer*innen, für Arbeitsforschung, für irgend etwas, das, vielleicht auch nur symbolisch, etwas von dem ausgleicht, was damals passiert ist und was ihm zu seinem Reichtum verholfen hat. Oder er könnte einen Ingolf-Rieger-Preis stiften. Wenn er nicht weiß, warum – meine Mailadresse ist über diesen Blog erfahrbar.

0 0 Bewertungen
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments